«Lehrerin spricht nur Hochdeutsch»

26. Dezember 2018 05:45; Akt: 26.12.2018 14:21 Print

Verschwindet die Mundart aus dem Chindsgi?

von S. Ulrich - Eine Kroatin sorgt sich um die Integration ihrer Töchter. Im Kindergarten werde nur Hochdeutsch gesprochen. Welchen Stellenwert hat der Dialekt noch im Chindsgi?

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Eine Bieler Mutter kritisiert, dass im Kindergarten ihrer Kinder nur noch Hochdeutsch gesprochen wird. «Die Lehrerin spricht fast nur Hochdeutsch mit ihnen. Das macht mich traurig.» Das Beherrschen der Mundart sei die Grundlage für eine gute Integration in die Gesellschaft, findet die Mutter. «Die Lehrerin spricht fast nur Hochdeutsch mit ihnen. Das macht mich traurig.» Das Beherrschen der Mundart sei die Grundlage für eine gute Integration in die Gesellschaft, findet die Mutter. Weil die Frau mit kroatischen Wurzeln will, dass ihre Kinder Berndeutsch lernen, spricht sie jetzt nur noch Dialekt zu Hause. SVP-Grossrätin Sabina Geissbühler-Strupler teilt die Besorgnis von B. Es komme einer «Verarmung unserer Kultur» gleich, wenn bereits Kindergärtler Hochdeutsch sprechen müssten. Gerade im Hinblick auf die Integration fremdsprachiger Kinder sei das Beherrschen des Dialekts essenziell. Geht es nach dem Kanton, wird die Mundart im Kindergarten so schnell nicht zu Grabe getragen. In den Allgemeinen Hinweisen und Bestimmungen zum Lehrplan 21 misst ihr das Erziehungsdepartment einen «hohen Stellenwert» bei. Tatsächlich kann der Anteil fremdsprachiger Kinder den Hochdeutschanteil stark beeinflussen, wie eine anonyme Telefonumfrage bei Stadtberner Kindergärten zeigt. Der Schulleiter eines Standorts mit einem hohen Ausländeranteil, im Westen Berns, sagt: «In unseren Kindergärten wird 70 bis 80 Prozent Hochdeutsch gesprochen.» Anders sieht es an einem Kindergartenstandort im Zentrum Berns aus. «In unseren Kindergärten wird mehrheitlich Schweizerdeutsch gesprochen, unabhängig davon, wie hoch der Ausländeranteil ist», sagt der Schulleiter.

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D. B.* (33), gebürtige Kroatin, kam mit vier Jahren in die Schweiz. Damals, so die Bielerin, habe die Kindergärtnerin mit ihr nur Berndeutsch gesprochen. Ganz anders bei ihren beiden Töchtern: «Die Lehrerin spricht fast nur Hochdeutsch mit ihnen. Das macht mich traurig.»

Das Beherrschen der Mundart sei die Grundlage für eine gute Integration in die Gesellschaft, findet B. Deshalb habe sie selber die Initiative ergriffen: «Früher sprachen wir zu Hause Kroatisch. Jetzt rede ich mit meinen Kindern intensiv Berndeutsch.»

«Verarmung unserer Kultur»

SVP-Grossrätin Sabina Geissbühler-Strupler teilt die Besorgnis von B. Es komme einer «Verarmung unserer Kultur» gleich, wenn bereits Kindergärtler Hochdeutsch sprechen müssten. «Wir leben in der Schweiz, und die Mundart ist unsere Sprache», sagt die pensionierte Primarlehrerin. Gerade im Hinblick auf die Integration fremdsprachiger Kinder sei das Beherrschen des Dialekts essenziell.

«Er stärkt die Identifikation mit Bevölkerung und Kultur», ist Geissbühler-Strupler überzeugt. Die Mundart sei zudem die Sprache der Gefühle und Beziehungen: «Ein Kind kann seine Gefühle viel besser in der Mundart zum Ausdruck bringen als auf Hochdeutsch.»

Hoher Stellenwert der Mundart

Geht es nach dem Kanton, wird die Mundart im Kindergarten so schnell nicht zu Grabe getragen. In den Allgemeinen Hinweisen und Bestimmungen zum Lehrplan 21 misst ihr das Erziehungsdepartment einen «hohen Stellenwert» bei. Gleichzeitig habe auch das Hochdeutsche seine Berechtigung, wie Erwin Sommer, Vorsteher des Amts für Kindergarten, Volksschule und Beratung bei der Berner Erziehungsdirektion, betont: «In vielen Kindergärten des Kantons sind heute mehrere Nationen vertreten. Das Hochdeutsch dient der gegenseitigen Verständigung.»

In den offenen Unterrichtssequenzen werde grösstenteils Dialekt gesprochen. In ihrem Spiel würden die Kinder aber auch «unbekümmert und ohne Berührungsängste» die Standardsprache einsetzen, um in verschiedene Rollen zu schlüpfen, sagt Sommer. Und: «Je nach Klassenzusammensetzung kann es Sinn ergeben, die Standardsprache in geführten Unterrichtssequenzen zu sprechen.»

70 bis 80 Prozent Hochdeutsch

Tatsächlich kann der Anteil fremdsprachiger Kinder den Hochdeutschanteil stark beeinflussen, wie eine anonyme Telefonumfrage bei Stadtberner Kindergärten zeigt. Der Schulleiter eines Standorts mit sehr hohem Ausländeranteil, im Westen Berns, sagt: «In unseren Kindergärten wird 70 bis 80 Prozent Hochdeutsch gesprochen.» Wissenschaftliche Untersuchungen würden zeigen, dass ausländische Kinder bessere schulische Leistungen erbrächten, wenn mit ihnen im Kindergarten konsequent Hochdeutsch gesprochen worden sei, argumentiert der Schulleiter.

Ausserhalb des Unterrichts, in den Pausen oder in den Tagesschulen, dominiere die Mundart. Die Integration der Kinder sehe er daher in keinster Weise gefährdet, sagt er: «Kinder lernen Sprache in erster Linie von anderen Kindern, nicht von erwachsenen Lehrpersonen.»

Anders sieht es an einem Kindergartenstandort im Zentrum Berns aus. «In unseren Kindergärten wird mehrheitlich Schweizerdeutsch gesprochen, unabhängig davon, wie hoch der Ausländeranteil ist», sagt der Schulleiter. Das komme den Kindern entgegen und diene der Integration: «Auf dem Spielplatz oder beim Freispiel reden die Kinder auch Dialekt.» Der Hochdeutschanteil sei auf Unterrichtssequenzen beschränkt, die von der Lehrperson geführt werden. Für den Schulleiter ist klar: «Die Mundart ist Teil unserer Kultur. Wir müssen sie unbedingt pflegen.»

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Linda am 26.12.2018 06:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kinder lernen schnell

    mich ärgert dass die Meinung besteht dass wir uns immer anpassen müssen. würde ich mit meinen Kindern ins Ausland gehen würde kein Hahn danach krähen welche Sprache die Kinder sprechen. es sollte mindestens 60 Prozent Mundart sein. Kindern lernen schnell. Im übrigen habe ich öfters Kinder bei mir am Schalter die für Ihre Eltern übersetzen. Mundart ist auch im Hinblick auf eine Lehre wichtig.

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  • Chl am 26.12.2018 06:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verkehrte Vorgehensweise

    Ich finde es schade, dass sich hier die Schule den Kindern anpasst statt dass sich die Eltern (!!!) für die Aktie Integration der Kinder und sich stark machen. gerade Ausländer sind hier, wollen hier sein, es ist an Ihnen dich anzupassen. Und sicher nicht umgekehrt.

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  • anna am 26.12.2018 06:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir sind in der schweiz

    wo sind wir denn? mich nervt es jedes mal, wenn man in eine firma anruft und hochdeutsch sprechen muss. wir schweizer müssen unsere dialekte behalten

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gary am 26.12.2018 17:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zuviel Anpassung

    Für unsere Kultur ist es besonders Wichtig alles daran zu setzen, dass diese vor allem in Erziehung, Bildung und Verhalten Vorrang hat gegen über alle anderen Ansprüche. Wir können ebenso keine Stellen in dieser Art im Ausland als Schweizer. Jede Kultur ist einzigartig. Ausbildungskräfte die unsere Mundart nicht beherrschen sind fragwürdig in diesem Alter. Übrigens kenne ich keinen Sender im Ausland welcher Nachrichten oder anderes in Mundart der Schweizer vermittelt. Wir passen uns zu stark in jedem Bereich an als Volk.

  • Bärnerin am 26.12.2018 17:28 Report Diesen Beitrag melden

    In Sachen Integration verständlich

    Meine KV-Vorstellungsgespräche waren bisher alle in Dialekt oder dann gerade in Französisch oder Englisch, um meine Kenntnisse zu testen. Ich verstehe also die erwähnte kroatische Mutter, die möchte, dass ihre Kinder möglichst authentisch Schweizerdeutsch sprechen können. Ich kann mir leider sehr gut vorstellen, dass man mit einem ausländischen Familiennamen bereits in eine Schublade gesteckt wird... im negativen Sinne. Wenn man dann aber in einem sauberen Dialekt sprechen kann, demonstriert man seine gute Integration und Zugehörigkeit.

  • Nane am 26.12.2018 15:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Deutsch

    Wir schreiben nun mal Deutsch ! Und die Sprache ist schwierig, für eine Fremdsprache zu lernen unerlässlich gutes Deutsch zu sprechen und zu schreiben. Jeder schaut Deutsches Fernsehen, auch die Kinder! Also wachsen sie damit auf. Sie werden keinen Schaden davon tragen. Zu Hause spricht man ja Dialekt. Muttersprache von uns allen ist schwiterdütsch!

    • Jeanne d'Ormesson am 26.12.2018 16:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Nane

      Was söu das? Es ist wichtig im Kindergarten schweizerdeutsch zu sprechen. Immer mehr Kinder sprechen e b e n nicht schweizerdeutsch zu Hause!!!

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  • Pauline 1936 am 26.12.2018 14:49 Report Diesen Beitrag melden

    CH,F,D

    Ich liebe die verschiedenen Dialekte. Ich wohne im Dreiländereck: CH,F+D. Aber wir verstehen uns prima, obwohl jedes redet so wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

  • Anonym am 26.12.2018 10:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Soviel zu Schweizerdeutsch...

    Unsere Tochter geht in die 3. Klasse. Der Klassenlehrer hat uns am 1. Schultag mitgeteilt, dass die Kinder ihn nie Schweizerdeutsch werden sprechen hören- traurig... wenn unsere Tochter mit CH Kindern spielt, sprechen sie Hochdeutsch! Wenn sie Schweizerdeutsch spricht, kommen ihr oft die Wörter nicht in den Sinn...

    • Seggis am 26.12.2018 16:39 Report Diesen Beitrag melden

      Man kann es auch übertreiben

      Ich bin auf meinem Nachhauseweg einmal hinter einem Lehrer und einem seiner Schüler, nach Schulschluss, hinterhergelaufen. Sie waren schon etwa 500 m vom Schulhaus entfernt. Der Lehrer sprach mit seinem 1.Klässler immer noch deutsch.

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