Vergiftete Völker

30. April 2014 18:40; Akt: 01.05.2014 12:16 Print

Im Emmental sterben die Bienen massenhaft

von Sonja Mühlemann - Ein schweizweit aussergewöhnlicher Fall bewegt die Imker: Zu Tausenden sterben ihnen die Bienen weg – sie wurden offenbar vergiftet. Schuld könnten versprühte Pestizide sein.

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Vom aussergewöhnlichen Bienensterben sind rund 130 Völker im Raum Zäziwil betroffen. Den Emmentaler Imkern sind die Hände gebunden – seit Samstag nimmt das Sterben seinen Lauf. «Die Bienen torkeln wie betrunken aus den Fluglöchern und bleiben dann liegen», erzählt Landwirt Oskar Röthlisberger hörbar betroffen. «Die Bienen leiden grosse Qualen, was mich traurig macht.»

Neben Oskar Röthlisberger sind 29 weitere Imker aus der Region betroffen. Besonders schlimm trifft es Jakob Fankhauser: Er wird wohl zwei Drittel seines Bestandes verlieren. «Ich hatte einen kleinen Nervenzusammenbruch, als ich die Schwärme toter Bienen sah», sagt er gegenüber 20 Minuten. Seit 30 Jahren kümmere er sich um Bienen, so etwas habe er noch nie zuvor erlebt. «Wir fordern eine rigorose Untersuchung, damit so etwas nie mehr passiert.»

Falscher Umgang mit Pflanzenschutzmitteln?

Die Emmentaler Imker vermuten, dass jemand grossflächig Pestizide versprüht hat. Die Bienen brachten das Gift wohl mit dem Nektar in die Stöcke. Betroffen ist ein Gebiet im Radius von anderthalb Kilometern. «Es ist ein aussergewöhnlicher Fall, weil so viele Stände betroffen sind», sagt Jürg Glanzmann vom Bienengesundheitsdienst. Im Raum Zäziwil, Grosshöchstetten und Mirchel seien an die 30 Stände betroffen – jährlich würden in der ganzen Schweiz rund 20 Verdachtsfälle gemeldet, bei zehn könne man die Gefahr einer Vergiftung bestätigen.

«Wir haben Proben genommen und ein Labor wird nun die Quelle der Vergiftung bestimmen», sagt Glanzmann weiter, «da es sich um einen massiven Vergiftungsfall handelt, ist der falsche Einsatz von Pflanzenschutzmitteln als Ursache naheliegend.» Laut dem Bundesamt für Landwirtschaft gelten klare Verwendungsvorschriften für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Gerade während der Blüte dürfen bestimmte Insektizide nicht versprüht werden, da sie Bienen vergiften können. Helfen können die betroffenen Imker ihren Völkern kaum – ein Gegenmittel gibt es nicht.

Mehrere zehntausend Franken Schaden

An der eiligst einberufenen Krisensitzung des Bienenzüchtervereins beschlossen die Imker, die Polizei einzuschalten. Sobald die Laborergebnisse vorliegen, wollen sie mit dem Verursacher sprechen. «Sollte keine gütliche Einigung möglich sein, werden wir Anzeige erstatten», sagt Walter Leuenberger, Präsident des Bienenzüchtervereins Zäziwil.

Denn der Schaden ist immens: Pro Stock kostet das Entsorgen der Waben und die Anschaffung neuer Völker tausend Franken. Zudem dürfte es schwierig werden, überhaupt frische Völker zu erhalten, da in der Region derart viele Imker betroffen sind.

Die Imker hoffen, dass ihre Völker die Vergiftung irgendwie überstehen. Jakob Fankhauser etwa will den Bienen nun zufüttern – die meisten Flugbienen sind verendet und daher gelangt kaum mehr Nektar zur Brut. «Es ist wahnsinnig, was hier mit unseren Bienen geschieht.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • michi K am 30.04.2014 18:57 Report Diesen Beitrag melden

    Krass

    Das ist ernst! Aber leider interessiert es nur die wenigsten, natürlich; Promis, Fussball und Hafenkran sind wichtiger als unser Essen.

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  • Hanspeter Niederer am 30.04.2014 19:11 Report Diesen Beitrag melden

    Chemie-Mafia zerstört Lebensgrundlagen

    Ich betrachte die Produzenten von Insektiziden schon lange als kriminelle Vereinigungen, die aus reiner Geldgier unsere Lebensgrundlagen seit Jahrzehnten sukzessive vernichten. Insektizide sollten weltweit TOTAL verboten werden und an ihrer Stelle nur noch natürliche Methoden erforscht und gefördert werden.

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  • VisualGirl am 30.04.2014 19:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Rücksicht

    Habe gerade am letzten Wochenende einen Jungbauern am sonnigen Nachmittag die Obstbäume spritzen sehen. Vielleicht wollte er am Abend lieber in den Ausgang als in der Dämmerung die Spritzung vorzunehmen. Die Hochstammobstbäume waren doch voller Bienen, war es ihm egal?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bruno am 01.05.2014 20:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mauerbiene

    Nicht nur die Pestizide sind am Massensterben schuld. Teilweise sind auch die Haltung sowie Zucht ein daran beteiligter Faktor. Wir haben eine Wildbienenhotel (Mauerbienen) mit ca. 1 Quadradmeter Fläche gefüllt mit geschnittenem Bambus. Jedes Frühjahr erfreuen wir uns an tausenden der Wildbienen.... Es gibt halt keinen Honig, aber sollten wir nicht umdenken? Es ist so einfach!

  • Karin Käser am 01.05.2014 17:16 Report Diesen Beitrag melden

    Katastrophe

    Das ist eine Katastrophe, schlimmer gehts fast nicht mehr! Checkt die Welt das!?

  • Michael Meienhofer am 01.05.2014 16:48 Report Diesen Beitrag melden

    Es sollte ja kein Problem sein

    das Gift aus den toten Bienen den verschiedenenen Spritzmitteln zuzuordnen. Wenn dann der BR nichts unternimmt ist es höchste Zeit ihn auszuwechseln ! Ein uneinsichtiger Bundesrat ist mindestens für das Menschenvolk so gefährlich wie eine verharmlosende Spritzmittellobby für die Bienenvölker !

  • Hildegard Mindel am 01.05.2014 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    Steht AUF !!!!!!! Wacht auf !!!!!!

    Leute loooos informiert euch ! Achtet auf Biologische Einkäufe, Kosmetika usw !!!! Alles hängt miteinander zusammen..... Lebt ein wenig bewusster und forscht den Werdegang euerer Produkte nach!!!!

  • C.J am 01.05.2014 11:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frau

    Ich musste weinen, als ich diesen Bericht sah. Ich habe sehr viele Bienen in meinem Garten, gebe ihnen Wasser in den trockenen Zeiten. Es ist so wunderbar, dass es diese Lebewesen gibt. Diese Geldgierigenen Bauern, welche heute noch diese Spritzmittel einsetzen, denen fehlt das Bewusstsein und die Liebe zu allen Lebewesen dieser Erde.Der März war so warm, dass sich die Bienenstämme erholen konnten und nun das!Es wäre gut,solchen Leuten die Berechtigung zum Bauern zu entziehen. Es ist an der Zeit, auf zu wachen und sich für die kleinsten Lebewesen dieser Erde ein zu setzen.