Darmkrebs mit 30

23. August 2019 20:29; Akt: 25.08.2019 14:54 Print

«Dieser Trend ist besorgniserregend»

Die Geschichte einer 30-jährigen Mutter, die an Darmkrebs im Endstadium leidet, berührt. Darmkrebsfälle bei jungen Leuten nehmen deutlich zu. Das sagt ein Onkologe zur Entwicklung.

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Bewegendes Schicksal: Die zweifache Mutter Sonia Gurtner (30) leidet an Darmkrebs. Wie viel Zeit ihr noch bleibt, ist unklar. Studien zeigen: In Deutschland etwa hat sich die Häufigkeit von Darmkrebs bei den 20- bis 29-Jährigen innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt. «Dieser Trend ist in der Tat besorgniserregend», sagt Martin Berger, Oberarzt am Institut für medizinische Onkologie des Berner Inselspitals. Die Gründe für das vermehrte Auftreten von Darmkrebs bei jüngeren Menschen seien bisher nicht klar. Klassische Risikofaktoren für Darmkrebs sind nebst der familiären Belastung aber klar Rauchen, Alkohol und Übergewicht. Auch die Ernährung spielt eine grosse Rolle: Eine ballaststoffarme und fettreiche Ernährung, vermehrter Verzehr von rotem Fleisch sowie mangelnde körperliche Bewegung sind ebenfalls schädlich. Unter Darmkrebs versteht man einen bösartigen Tumor des Dick- oder Mastdarms. Zusammengefasst sprechen Mediziner bei Darmkrebs von einem «kolorektalen Karzinom». Darmkrebs entwickelt sich langsam und bleibt meist lange Zeit ohne Beschwerden. Mögliche Anzeichen im weiteren Verlauf sind veränderte Stuhlgewohnheiten – Durchfall und/oder Verstopfung –, Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, Blutarmut, evtl. Bauchschmerzen, leichtes Fieber, Müdigkeit, Leistungsschwäche. Die Behandlung von Dickdarmkrebs wird individuell geplant. Die hauptsächlichen Behandlungsmethoden bei Dickdarmkrebs sind eine Operation, Chemotherapie, Antikörpertherapien oder Strahlentherapien.

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Das Schicksal von Sonia G.* (30) bewegt viele 20-Minuten-Leser: Die zweifache Mutter aus Rumisberg BE hat Darmkrebs im Endstadium. Wie viel Zeit ihr noch bleibt, ist unklar.

Kürzlich erschienene Langzeitstudien zeigen: Die Darmkrebsrate bei jüngeren Menschen in Europa, aber auch in Industrieländern ausserhalb Europas, wächst. Vor allem bei den unter 30-Jährigen ist ein starker Anstieg auszumachen. 20 Minuten sprach mit Onkologe Martin Berger über die unheilvolle Entwicklung.

Herr Berger, die Zahl von Darmkrebsfällen bei jungen Menschen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Wie besorgniserregend sind diese Ergebnisse?
Dieser Trend ist in der Tat besorgniserregend. Die Gründe für das vermehrte Auftreten von Darmkrebs bei jüngeren Menschen sind bisher nicht klar.

Gibt es Annahmen für die Ursache?
Klassische Risikofaktoren für Darmkrebs sind nebst der familiären Belastung zum Beispiel Rauchen, Alkohol, Übergewicht, eine ballaststoffarme und fettreiche Ernährung, vermehrter Verzehr von rotem Fleisch sowie mangelnde körperliche Bewegung.

Inwiefern diese Risikofaktoren auch für die steigende Darmkrebsrate bei jüngeren Menschen verantwortlich sind, kann derzeit nicht abschliessend beurteilt werden. Es kann jedoch festgehalten werden, dass die sich über die letzten Jahrzehnte verändernden Lebensgewohnheiten und Umweltfaktoren sicherlich eine Rolle spielen.

Wie sieht die Situation spezifisch in der Schweiz aus?
Da in der Schweiz bisher keine flächendeckende, obligatorische Registrierpflicht für Krebspatienten besteht, kann diesbezüglich keine verlässliche Aussage gemacht werden. Ab Januar 2020 tritt das nationale Krebsregistrierungsgesetz in Kraft, das die vollständige Registrierung der Krebserkrankungen in der Schweiz ermöglicht. Dies wird uns helfen, allfällige Trends frühzeitig erkennen zu können.

Die Krankenkasse übernimmt zurzeit die Kosten der Darmkrebs-Früherkennung bei Personen im Alter von 50 bis 69 Jahren. Sollten auch jüngeren Menschen Zugang zu einer routinemässigen und kostenlosen Darmspiegelung haben?
Weiterhin sollten gezielt jüngere Menschen mit erblicher Vorbelastung und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen eine Darmspiegelung erhalten.

Welche Forderungen ergeben sich für Sie aus den Studienresultaten?
Wichtig ist, dass ein Bewusstsein für das vermehrte Auftreten von Darmkrebs bei jüngeren Menschen geschaffen wird. Aufgrund der niedrigen Fallzahl junger Patienten mit Darmkrebs ist die Ursachenforschung relativ schwierig. Daher sollten länderübergreifende Register und Netzwerke geschaffen werden, um die Ursachenforschung voranzutreiben.

Welche Vorteile würde dies mit sich bringen?

Das würde es uns in Zukunft erlauben, gezielter diejenigen jungen Risikopatienten frühzeitig zu erfassen, die von einem systematischen Screening profitieren könnten. Zudem kann jede Person unabhängig vom Alter durch Verminderung der Risikofaktoren zur Risikominimierung beitragen.

*Name der Redaktion bekannt

Sehen Sie im Video, wie Sonia mit ihrem Schicksal umgeht:

(sul)