Lehrlinge

09. Juli 2014 05:54; Akt: 09.07.2014 10:26 Print

Immer weniger wollen schmutzige Hände

von Mira Weingartner - Einen Monat vor Lehrbeginn sind im Kanton Bern noch über 200 Lehrstellen offen. Wo bleiben all die Lehrlinge?

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Zunehmend unbeliebt: Im Kanton Bern wollen immer weniger Jugendliche handwerkliche Berufe erlernen. (Bild: Digitalbe, Fotolia )

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Ein Blick auf die Lehrstellenbörse LENA verrät: Im ganzen Kanton Bern fehlen über 200 Lehrlinge. Laut einer Statistik des Bundes werden im Jahr 2014 schweizweit 80'000 Lehrstellen angeboten, aber nur 73'000 davon können voraussichtlich bis August 2014 besetzt werden.

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Besonders unbeliebt scheinen heuer handwerkliche Berufe zu sein. Gesucht werden kantonal beispielsweise noch 16 Elektroinstallateure und 14 Polymechaniker. Es stehen zudem noch 47 Ausbildungsplätze für Detailhandelsfachmann EFZ, Schwerpunkt Bewirtschaftung, zur Verfügung.

Mitgrund für den Angebotsüberschuss: Die geburtenschwachen Jahrgänge der diesjährigen Schulabgänger und der Berufsvorstellungs-Trend der Jugendlichen. Weiterer Grund: «Wenn die schulischen Leistungen eines Schülers in der Oberstufe genügen, zieht er tendenziell das Gymnasium einer Berufslehre vor», sagt Michael Raaflaub, Geschäftsführer des Lehrstellennetzes Köniz. «Das Image der Berufslehre ist im Vergleich zu dem des Gymnasiums aber zu Unrecht schwächer» ergänzt Raaflaub.

Kampf für Berufslehre

Mit einem extra geschaffenen Lehrstellennetz will die Gemeinde Köniz diesem Trend entgegenwirken. «Die Berufslehre muss für Schulabgänger und auch für deren Eltern wieder attraktiv gemacht werden», findet Raaflaub. Die Organisation unterstützt, informiert und vermittelt die Jugendlichen während dem Berufswahlprozess. Eine wichtige Zielgruppe des Netzwerkes sind unter anderem die Eltern, die einen grossen Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder haben. «Tendenziell streben die Eltern für ihre Kinder in erster Linie eine akademische Laufbahn an», sagt Raaflaub.

Betroffen von diesem elterlichen Einfluss sind vor allem Betriebe im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Hierfür hat die Organisation das Projekt «Eltern@Wirtschaft» initiiert. Handwerklich-technische Betriebe laden potenzielle Lehrlinge gemeinsam mit deren Eltern zu Schnupperanlässen im Betrieb ein, damit sie sich vor Ort selbst von einer praktischen Berufslehre überzeugen können.

Aber auch für viele Jugendliche sind schmutzige Hände ein No-Go. «Der Trend weg von handwerklichen Berufen spüren wir auch in der Lehrwerkstatt Bern», sagt Peter Leu, Bereichsleiter Spengler, der immer noch auf der Suche nach einem geeigneten Lehrling für den Ausbildungsstart 2014 ist.

Last-Minute-Tipps

Das Lehrstellennetz Köniz zieht eine positive Bilanz. Momentan suchen in der Gemeinde Köniz nur noch acht Jugendliche nach einem Ausbildungsplatz. Diese werden weiterhin mit dem sogenannten «Last Minute»-Projekt unterstützt. Für Jugendliche, die ebenfalls auf der Suche nach einer Ausbildung sind und von diesem Projekt keinen Gebrauch machen können, rät Fachmann Raaflaub: «Die Suchenden sollten den Traumberuf in einer solchen Situation kurzfristig zurückstellen und eine Alternative in Betracht ziehen.» Sofortiges Handeln und der Biss, drei bis vier Jahre durchzuhalten, hätten nun erste Priorität. Und er vertröstet die träumenden Wunschpiloten und Wunschtierärztinnen auf später: «Heute ist der Erstberuf nicht mehr die Stelle fürs Leben. Mit 24 Jahren arbeiten bereits 60 Prozent in einem Beruf, den sie nicht als erstes erlernt haben.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lehrabsolvent 2007 am 09.07.2014 11:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    stört mich jetzt nicht mehr

    Die weltfremden Lehrmeister, KMUler und PR-Experten sollten besser mal dafür sorgen, dass eine Lehre nach Abschluss auch nicht nur einem Mindestlohn gerecht wird. In meiner Branche gabs miese Bezahlung, sehr wenige Arbeitsplätze und das trotz technisch anspruchsvoller, 4-jähriger Lehre. Dazu kommen noch abgehobene Sonderwünsche der Chefs, denen nicht mal Leute mit 20 Jahren Berufserfahrung gerecht werden können. So habe ich jetzt nach der Lehre ein Studium angehängt. Der elende Wachstumswahn führt einfach dazu, dass immer bessere Arbeiter zu immer mieseren Löhnen benötigt werden.

  • Kurt am 09.07.2014 12:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nun

    Deswegen gibts so viele Studierte, die keinen guten Job finden und halt nur vom grossen Geld träumen können. Auf der anderen Seite gibts zufriedene Handwerker, die mit Kollegen zusammen sehr günstig ein Eigenheim bauen können, da sie vieles alleine realisieren ;-)))

  • Gabriela Z. am 09.07.2014 12:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Betriebe sollen umdenken!

    Ist es so,dass die Berufe nicht mehr erlernt werden wollen? Oder liegt es an den hohen Anforderungen? Würden die Betriebe vermehrt auf das handwerkliche Geschick schauen und nicht die Schulnoten geltend machen, bin ich überzeugt, man hätte noch Lehrlinge gefunden.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kurt am 09.07.2014 12:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nun

    Deswegen gibts so viele Studierte, die keinen guten Job finden und halt nur vom grossen Geld träumen können. Auf der anderen Seite gibts zufriedene Handwerker, die mit Kollegen zusammen sehr günstig ein Eigenheim bauen können, da sie vieles alleine realisieren ;-)))

  • Gabriela Z. am 09.07.2014 12:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Betriebe sollen umdenken!

    Ist es so,dass die Berufe nicht mehr erlernt werden wollen? Oder liegt es an den hohen Anforderungen? Würden die Betriebe vermehrt auf das handwerkliche Geschick schauen und nicht die Schulnoten geltend machen, bin ich überzeugt, man hätte noch Lehrlinge gefunden.

  • Lehrabsolvent 2007 am 09.07.2014 11:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    stört mich jetzt nicht mehr

    Die weltfremden Lehrmeister, KMUler und PR-Experten sollten besser mal dafür sorgen, dass eine Lehre nach Abschluss auch nicht nur einem Mindestlohn gerecht wird. In meiner Branche gabs miese Bezahlung, sehr wenige Arbeitsplätze und das trotz technisch anspruchsvoller, 4-jähriger Lehre. Dazu kommen noch abgehobene Sonderwünsche der Chefs, denen nicht mal Leute mit 20 Jahren Berufserfahrung gerecht werden können. So habe ich jetzt nach der Lehre ein Studium angehängt. Der elende Wachstumswahn führt einfach dazu, dass immer bessere Arbeiter zu immer mieseren Löhnen benötigt werden.