Amnesty International

24. Oktober 2019 12:08; Akt: 24.10.2019 12:12 Print

«Irakische Gays leben im Versteckten»

Seran M.* wurde wegen seiner Homosexualität beinahe von seinem irakischen Vater getötet. Haben es Gays in diesem Kulturkreis besonders schwer?

Diese Narben von Seran M.* erschüttern die Schweiz. (Video 20m)
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Anita Streule, Sie sind bei Amnesty International für den Nahen Osten zuständig und haben selber einige Zeit im Irak gelebt. Wie geht es Homosexuellen dort?
Wenn wir die Gesetzeslage betrachten, ist Homosexualität im Irak grundsätzlich nicht verboten. In der Verfassung steht geschrieben, dass einvernehmlicher Sex zwischen Gleichgeschlechtlichen erlaubt ist, so lange diese volljährig sind.

Sie sagten grundsätzlich.
De facto ist es kriminalisiert. Nicht durch den Staat, aber durch eine konservative Gesellschaft. Das heisst, LGBT+-Menschen leben meistens im Versteckten. Sonst riskieren sie, dass sie von der konservativen Gesellschaft unter Beschuss geraten.

Was heisst «unter Beschuss geraten»?
Das kommt ganz darauf an, was für Menschen man um sich herum hat. Das kann von Mobbing bis hin zum Verstossen aus der Familie gehen oder auch physische Gewalt beinhalten. Amnesty International hat keine Zahlen, aber es gibt auch glaubhafte Berichte, dass LGBT+-Menschen umgebracht wurden.

20 Minuten hat über das Schicksal von Seran M.* berichtet, der von seinem irakischen Vater wegen seiner sexuellen Neigung beinahe getötet wurde. Kommt so etwas im Irak vor?
Man sollte nicht von einem Einzelfall auf das Ganze schliessen. Das wäre im Irak genau so ein Einzelfall, wie er es hierzulande ist. Im Irak gibt es genau so wie in der Schweiz progressive Bewohner, die überhaupt keine Probleme mit Homosexualität haben. Und dann gibt es in beiden Ländern auch andere, die Familienmitglieder wegen ihrer Homosexualiät aus der Familie verstossen. Die irakische Gesellschaft als Ganzes ist jedoch klar wertekonservativ.

Haben Iraker, die in der Schweiz wohnen, Mühe mit der offeneren Kultur gegenüber Homosexuellen?
Wenn ich in den Irak gehe, um zu leben, dann passe ich mich ein Stück weit der Gesellschaft an. Iraker handhaben das hier wohl genauso.

Diese Bilder warfen hohe Wellen. Der Vater von Seran M.* attackierte seinen Sohn mit einem Messer, nachdem dieser erfuhr, dass sein Sohn homosexuell ist:
«Vater schrie und zog mir die Klinge durch den Hals»

(cho)