Schimmel ist nur der Vorname

05. Juli 2019 11:48; Akt: 05.07.2019 17:17 Print

Ist das die schlimmste Wohnung der Schweiz?

Martin R.* hält es in seiner Wohnung kaum mehr aus. Die Schlafzimmerwand ist komplett verschimmelt und die Badewanne unbrauchbar. Die Immobilienverwaltung relativiert.

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Die Missstände in seiner Wohnung hat Martin R. auf Video dokumentiert. (Video: zVg)

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Extremer Schimmelbefall, eine nur notdürftig installierte Badewanne und kein heisses Wasser in der Küche: Martin R. ist um seine Wohnung im solothurnischen Zuchwil nicht zu beneiden. «Es ist die reinste Bruchbude», sagt der Schotte, der seit zehn Jahren in der Schweiz lebt. Fast drei Wochen dauere der Horror nun schon an.

Wegen eines Wasserschadens mussten in R.s Wohnung Reparaturarbeiten vorgenommen werden. Mit diesen ist der 59-Jährige aber alles andere als zufrieden. Um bei der Verwaltung Druck zu machen, hat er die Missstände auf mehreren Videos festgehalten und sie auf Youtube gestellt.

Zu sehen sind etwa aufgerissene Böden und Wände und eine Badewanne, die nach einer viertägigen Absenz nun behelfsmässig auf zwei Backsteinen steht. Stabil sei die Vorrichtung nicht, sagt R.: «Man hat mir geraten, nur in der Mitte der Badewanne zu stehen, damit das Ganze nicht einstürzt.»

Toi-Toi-WC vor das Haus gestellt

Weit mehr Kummer bereitet ihm die Schlafzimmerwand. Weil im Zuge der Arbeiten die Tapete abgerissen wurde, liegt nun der ganze Schimmel der durchfeuchteten Wand frei. «Das ist nicht nur hässlich, sondern auch ein Gesundheitsrisiko», sagt R.

Das ist aber noch nicht alles: Wegen der Reparaturen musste R. einen Tag lang auf sein WC verzichten. Als Übergangslösung habe man ihm eine chemische Toilette vors Haus gestellt. «Als ich bei der Verwaltung anrief und fragte, wie ich das Objekt in meine Wohnung transportieren solle, erhielt ich zur Antwort, das sei nicht ihr Problem.» Auf den Einwand, das Toi-Toi-WC passe gar nicht ins Bad, habe man ihm geraten, es einfach ins Wohnzimmer zu stellen.

So sei es denn auch nicht der Wasserschaden und seine Folgen, die ihn am meisten störten, sondern «die gleichgültige und arrogante Haltung der Verwaltung»: Nie habe sie ihn angerufen und über den Stand der Arbeiten und das weitere Vorgehen in Kenntnis informiert. «Ich habe keine Ahnung, wann die Handwerker wieder kommen», sagt R.

R. kann ohne Kündigungsfrist gehen

Die zuständige Immobilienverwaltung, die Robert Pfister AG in Bern, weist die Vorwürfe zurück. Man habe R. letzten Samstag auf eine Mail vom Freitagabend eine Antwort gesendet mit der Bitte, eine Liste mit den Protokollen seiner Anrufe zusammenzustellen. «Bis heute haben wir keine Antwort von ihm erhalten», sagt Michael Kilchör, Leiter Immobilien. R. sei zudem auch diese Woche mit dem zuständigen Bewirtschafter in Kontakt gestanden.

Man bedauere die für R. entstandenen Unannehmlichkeiten. Der Zustand der Wohnung sei im Hinblick auf einen Wasserschaden aber nicht ungewöhnlich. «Wenn eine Wand infolge eines Leitungsbruches Wasser gesogen hat, kann das eben so aussehen wie im Schlafzimmer von Herrn R.», sagt Kilchör. Die Wand müsse nun erst vollständig trocknen, ehe der Schimmel entfernt und die Wand neu tapeziert werden könne. Ebenso könnten chemische WCs aus Platzgründen oftmals nicht im Bereich des Wasserschadens platziert werden.

Kilchör betont, dass die Verwaltung sich kulant gezeigt habe und R. entgegengekommen sei: «Wir haben ihm angeboten, dass er die Wohnung unverzüglich und ohne Einhaltung einer einzigen Tagesfrist aufgeben kann.» Aufgrund der veröffentlichten Videos, in denen R. die Robert Pfister AG als «schlechteste Immobilienagentur der Welt» betitelt, werde man aber rechtliche Schritte wegen übler Nachrede prüfen.

Anspruch auf Mietzinsreduktion

Der Berner Mieterverband will sich nicht zum konkreten Fall äussern. Grundsätzlich schütze das Mietrecht den Mieter in Situationen, wie R. sie erlebe, aber gut. «Durch die Reparaturarbeiten entstehen Einschränkungen im Gebrauch der Wohnung», sagt Geschäftsleiterin Sabina Meier. «Der Mieter hat dann Anspruch auf eine Mietzinsreduktion oder – wenn das Wohnen als unzumutbar eingestuft wird – gar Anrecht auf Schadenersatz.» Wie hoch die Senkung des Mietzinses ausfalle, müsse im Einzelfall geklärt werden.

R. hat die Videos mittlerweile gelöscht und ist nun auf der Suche nach einer neuen Wohnung.

Erleben auch Sie derzeit Missstände in Ihrer Wohnung? Berichten Sie uns davon und senden Sie uns Bilder an feedback@20minuten.ch!

* Name der Redaktion bekannt

(sul)