«Stadt der Falten»

14. Juni 2016 09:02; Akt: 14.06.2016 09:02 Print

Jungfilmer bashen Thun – aus Liebe zur Stadt

Zwei Ex-Thuner teilen in ihrem Kurzfilm kräftig Kritik an ihrer Stadt aus: Thun liege im Sterben – und die Bevölkerung sei selber schuld.

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«Thun leidet an einem Minderwertigkeitskomplex»: Mit dieser provokativen Aussage beginnt der Kurzfilm «Stadt der Falten». Dies ist längst nicht der einzige Angriff auf das «Tor zum Oberland» – im 8-minütigen Film-Essay von Remo Rickenbacher (30) und David Oesch (24) kriegen alle ihr Fett weg: Die Stadt liege im Sterben, die Jungen seien zu faul und die ältere Bevölkerung würde das Leben blockieren. «Es ist ein Rundumschlag mit viel Kritik», sagt Spoken-Word-Poet Rickenbacher.

Die beiden wollten neuen Schwung in eine alte Diskussion bringen: «Spätestens seitdem das Nachtleben zum Erliegen kam, ist Thun nur noch als ‹Stadt der Alten› bekannt», sagt Rickenbacher. Deshalb wollten die beiden mit dem Film einen generationsübergreifenden Denkanstoss bieten. «In Thun sind es die Alten, welche der Stadt Leben einhauchen», heisst es etwa im Off-Text, gesprochen von Rickenbacher. Die Jugend würde lieber auf Facebook nörgeln, statt selber anzupacken, die Politik verschlafe die richtigen Massnahmen. Wer wegziehe, werde selber zum Problem. «Wir üben damit auch etwas Selbstkritik aus», so Rickenbacher.

Grosses Staraufgebot

Doch seine harten Worte werden immer wieder von liebevollen Porträtaufnahmen von Thuner Lokalgrössen abgefedert. Ingesamt 42 Persönlichkeiten werden im Film gezeigt. Neben schweizweiten Bekanntheiten wie Ursula Haller oder FC Thun-Legende Milaim Rama sind auch Thuner Stadtoriginale zu sehen. So etwa die Lokalberühmtheiten Roger Jenny, der immer Frauenkleider trägt, Café-Mokka-Chef Pädu Anliker oder Fan-Kevin, der sich mit Leib und Seele dem FC Thun verschrieben hat: «Einigen von ihnen musste ich regelrecht mit der Kamera auflauern», sagt Film-Student Oesch.

Fünf Monate und mindestens 800 Arbeitsstundenhaben die zwei Ex-Thuner für den Streifen gebraucht. Auf Sponsorengelder hätten sie bewusst verzichtet, um möglichst frei zu sein: «Wir wollten uns nicht das Maul verbieten lassen», sagt Oesch. Freunde hätten die Musik und Luftaufnahmen beigesteuert.

Eine versteckte Liebeserklärung

Am Sonntag feierte der Film in Thun Premiere. Dort habe es positive, aber auch negative Rückmeldungen gegeben, so Oesch: «Es entstand sofort eine lebhafte Diskussion. Wir haben unser Ziel somit erreicht.» Er hoffe, dass die Leute verstehen, dass es ein kritisches Porträt einer tollen Stadt sei, die halt Probleme habe – so wie jede andere auch. Oesch:«Es ist eine Liebeserklärung, aber eine versteckte.»

(cho)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sceptic am 14.06.2016 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    Gratulation!

    Ich gratuliere den Produzenten und Grüsse an dieser Stelle Herrn Remo "Rigedi" Rickenbacher! Thun hat sich längst seiner Wunschdemographie "Scheintot +" angepasst. Es gab mal Gründe, diese Stadt sehr, sehr zu mögen. Wer aber auch immer aktuell das Sagen hat (bitte nicht immer noch der Fritschi?!) macht einen super Job, die Attraktivität dieser Stadt auf dem Niveau von Hämmeroiden zu halten.

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  • BärnerGring am 14.06.2016 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Vorschlag

    Tja, Diskussion ist gut und schön, doch irgendwann ist genug gesagt, genug geheult und genug kritisiert. Wie wär's also endlich mal den nächsten Schritt weg von den ewigen Diskussionen hin zur Verwirklichung von Ideen zu wagen?

  • Heimatort Bönigen am 14.06.2016 10:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo! Grosses Schweizer Kino!

    Herrlich! Kerniges Video. Schweizerischer geht es nicht mehr: Kritisch, aber bei aller Kritik auch selbstkritisch, viele schöne Heimataufnahmen, Humor, etwas schrill aber nicht zu sehr. Ist alles als Lob gedacht!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Roland Moser am 19.06.2016 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Verdient - oder unverdient satirisch?

    Dieser Beitrag trifft Thun und den Sommer(beginn) 2016 mit satirischer Oberflächlichkeit. Brillen- und Hörgeräte (wohl eher für ältere Menschen gedacht) sind und bleiben das einzige Hilfsmittel, genauer hinzusehen und hinzuhören. Thun erhält wieder einmal mehr "von aussen gesehen" den Dämpfer einer tristen und depressiven Stadt? 800 harte Arbeitsstunden können nicht ausreichen, um ein Fensterglas durchsichtig zu machen! Weil ein Fensterglas immer auch mindestens zur Hälfte auf der Gegenseite geputzt werden sollte. Bei Brillengläser (auch Sonnenbrillen) ist das nicht anders.

  • Thuner am 15.06.2016 22:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Thun passt

    Wer Thun kennt und sich etwas um Gesellschaft bemüht wird merken, dass die Stadt alles bietet, was man sich wünscht. Und für Halligalli gibts ja in Bern die Reitschule. Der Film gefällt mir aber gut, besonders ohne Ton.

  • Daniel Bruni am 15.06.2016 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Thun ist schön

    Der bin ist isschen fest in grau gehalten mit depressivem Unterton und all die schönen Seiten von Thun einfach sind nweggelassen. Thun ist einer der schönsten Städte mit Parks, Panorama, vielen Sportmöglichkeiten, herrlichem Herbstwetter und und und... zeigt doch bitte nächstes Mal die schönen Seiten https://

  • heimwehthuner am 14.06.2016 17:54 Report Diesen Beitrag melden

    Haut mich nicht um

    Was sagt der clip aus ? Dass es in Thun noche einen Platten und CD- Laden gibt? Sind die Cervelatpromis allesamt sprachlos, weil sie eine andersartige Meinung über Thun hätten, als es die Autoren suggerieren möchten? Wünschen sich die Autoren die produzierende Selve zurück - oder bloss die Zwischennutzung als Biermeile? Warum vermisst gerade die Zalandogeneration das Verschwinden von Fachgeschäften? (Bei Hörgeräten wird Service und Beratung halt noch geschätzt...) Der clip veranschaulicht, was er kritisiert: mangelndes Selbstvertrauen der Filmemacher .

  • Daniel F am 14.06.2016 17:06 Report Diesen Beitrag melden

    Lokal Promis

    Ich finde es cool hat es so viele berühmte Thuner im Video aber es ist schade dass sie nichts sagen?