Wegen «aggressivem Verhalten»

11. Oktober 2019 04:52; Akt: 11.10.2019 11:38 Print

Tierklinik setzt vermisste Hauskatze auf die Strasse

Die Tierklinik Thun hat eine vermisste Hauskatze auf die Strasse gesetzt, da sich diese aggressiv verhalten habe. Die Besitzerin ist verzweifelt.

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P. L.* fand am Sonntagabend eine verängstigte Katze im siebten Stock ihres Wohnblocks in Thun. Nachdem sie bei allen Nachbaren geklingelt hatte und niemand etwas von einer Katze wusste, entschied sie sich dafür, das verängstigte Tier zur Tierklinik Thun zu bringen, um den Chip überprüfen zu lassen. Der Chip war in der Schweiz jedoch nicht registriert, weshalb die Besitzerin nicht kontaktiert werden konnte.

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«Sie haben gesagt, die Katze könne über Nacht dort bleiben», erzählt L. Am nächsten Tag dann habe sie eine Vermisstenanzeige gesehen mit der selben Katze auf dem Foto und sich umgehend bei der Besitzerin gemeldet. Besitzerin V. S.* machte sich am Dienstagmorgen auf dem Weg zur Klinik – nur um zu erfahren, dass ihre Katze dort schon am vorherigen Tag wieder auf die Strasse gesetzt wurde.

«Ich bin sehr traurig»

Die Klinik habe die Katze wegen «aggressiven» Verhaltens am Montagmorgen vor dem Wohnblock freigelassen. «Ich suche die Katze immer noch», sagt V. S., «man hat mir gesagt, sie sei auf der Strasse, sie hätten sie nicht mehr in der Klinik behalten können.» Sie verstehe die Welt nicht mehr. Ihre Katze Berna sei eine Hauskatze und kenne nur die Wohnung. Erst vor einer Woche sei die Familie S. nach Thun gezogen. «Berna ist bestimmt gestresst und verängstigt», sagt die Katzenhalterin. Und: «Ich bin sehr traurig.»

Eine Tierklinik ist keine Auffangstation

«Der Notfalldienst der Tierklinik ist grundsätzlich zuständig für kranke Tiere, für gesunde Findeltiere wäre die Polizei oder die Tierschutzorganisation zuständig», erklärt Gregor Schmid, Tierarzt bei der Tierklinik in Thun. Seiner Meinung nach ist es besser, wenn die Finder eingesperrte Katzen nicht in die Klinik bringen, sondern vor der Türe freilassen würden, damit die Tiere von allein nach Hause finden. Das sei der Normalfall bei nicht verletzten Katzen. «Wir haben am Sonntag die Katze in Empfang genommen und es hat sich herausgestellt, dass sie sehr aggressiv war», so Schmid.

«Bei so einem Verhalten empfiehlt auch der Tierschutz, die Katze freizulassen, damit sie weniger Stress ausgesetzt ist», erklärt der Tierarzt, «gesunde Tiere finden in der Regel auch wieder nach Hause.» Am Montagmorgen früh wurde das Tier vor dem Eingang des Wohnblocks freigelassen. Die Klinik habe aufgrund des strengen Diensttages keine Zeit gehabt, die Finderin noch darüber zu informieren: «Die Kommunikation war nicht optimal», räumt Schmid ein. «Wäre die Katze weniger aggressiv gewesen, dann wäre sie sicherlich nicht freigelassen worden und man hätte mit dem Tierschutz Thun eine Lösung gefunden.»

Hauskatzen kennen nur die eigenen vier Wände

Helen Sandmeier, Mediensprecherin des Schweizer Tierschutzes, bestätigt, dass Katzen in der Regel einen sehr guten Orientierungssinn haben «und teils auch nach Tagen und über weite Strecken wieder nach Hause finden.» Bei Hauskatzen sähe das jedoch anders aus. Diese würden nur das Leben in den eigenen vier Wänden kennen, alles andere sei fremd und ungewohnt für sie. «Da verwundert es nicht, wenn ein Tier aggressiv, verängstigt oder panisch reagiert», sagt Sandmeier. Es sei nachvollziehbar könne eine Tierklinik Findeltiere nicht ewig beherbergen, aber es erstaune sie, dass die Katze bereits nach so kurzer Zeit freigelassen wurde. «Man hätte sie in ein Tierheim oder eine Auffangstation bringen können, bis die Besitzerin gefunden ist», betont Sandmeier.

* Name der Redaktion bekannt

(km)