Umstrittener Schmuck

19. Februar 2019 05:42; Akt: 28.02.2019 17:15 Print

Ärzte warnen vor Ohrlöchern für Babys

Eine Bernerin möchte einem kleinen Kind gestochene Ohrlöcher ermöglichen. Der Beitrag schlägt im Netz hohe Wellen. Kinderärzte, Anbieter und Politiker streiten sich über das Thema.

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Sollen Eltern für ihre Kleinkinder Ohrlöcher stechen lassen dürfen? Ab welchem Alter macht eine solche Praxis Sinn? Auf Facebook ist zurzeit eine angeregte Diskussion am Laufen. Grund des Anstosses ist ein Social-Media-Eintrag einer Bernerin über das Stechen von Ohrlöchern bei Kleinkindern. Darin sucht diese in der FB-Gruppe «Berner Flohmi» einen ‹seriösen› Anbieter, der für ein Baby Ohrlöcher stechen könne. Sie möchte einer Freundin einen Gutschein schenken, damit diese ihr Kind stechen lassen kann. Obwohl der Eintrag seit noch nicht einmal zwei Tage im Netz ist, überschlagen sich die Reaktionen darauf. Über 140 Kommentare sind bisher abgegeben worden. «So eine scheiss Diskussion, nur wegen einer Frage. So doof die Menschheit» oder «Professionelle Läden bieten dies erst ab fünf Jahren an» heisst es dort. Kinderärztin Irene Fietz sieht zwei Hauptprobleme bei der Thematik: «Der Ohrstecker muss täglich desinfiziert werden. Zudem bestehe die Gefahr, dass man den Stecker zu eng zusammendrückt und das hintere Teil im Ohrläppchen einwächst.» (Symbolbild) Das andere Problem betreffe die Optik: «Das Ohrläppchen der Kleinkinder wächst ständig.» Dadurch könne es später zu unliebsamen optischen Veränderungen kommen, so die Ärztin. Generell sei das Ohrlochstechen vor allem bei tendenziell südländischen Eltern und deren Kindern gefragt. «Bei gewissen Kulturen gehört das einfach dazu.» Beim Modegeschäft Clairs in Bern setzt man die Altersgrenze relativ tief. Bereits ab vier Monaten können interessierte Eltern ihre Kinder stechen lassen. Vor dem Stechen finde jeweils ein Gespräch statt: «Ein Gesundheitsformular und ein Impfausweis müssen ausgefüllt und wichtige Angaben bestätigt werden.» Gegenüber 20 Minuten äussert sich auch die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim kritisch zum Sachverhalt: «Kinder sollen mitentscheiden dürfen. Ab dem vierten bis fünften Lebensjahr ist das durchaus möglich.» Eine andere Meinung vertritt der Basler SVP-Nationalrat Sebastian Frehner. Er findet den Eingriff unproblematisch: «Das Kind darf ja auch nicht alleine entscheiden, ob es in den Kindergarten will oder nicht.» Das Gleiche gelte auch für die Ohrläppchen.

Zum Thema
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Sollen Eltern für ihre Kleinkinder Ohrlöcher stechen lassen dürfen? Ab welchem Alter macht eine solche Praxis Sinn? Auf Facebook ist zurzeit eine hitzige Diskussion am Laufen. Auslöser ist ein Social-Media-Eintrag einer Bernerin. Sie sucht einen Anbieter in Bern, der einem Kleinkind die Ohrläppchen stechen kann.

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Neu ist die Praxis nicht. Auch Promimütter lassen die Ohren ihrer Kleinkinder immer öfters stechen. So posteten zum Beispiel die beiden Schwestern Khloé Kardashian und Kylie Jenner Bilder ihrer Kinder, auf denen diese bereits Ohrstecker tragen.

Aktueller Fall
«Seriöser Anbieter gesucht»

Mittels der FB-Gruppe «Berner Flohmi» sucht eine Frau einen ‹seriösen› Anbieter, der für ein Baby Ohrlöcher stechen könne. Sie möchte einer Freundin einen Gutschein schenken, damit diese ihr Kind stechen lassen kann, wenn es ein Jahr alt sei.

Community
Heftige Debatte

Obwohl der Eintrag noch nicht einmal zwei Tage im Netz ist, überschlagen sich die Reaktionen darauf. Über 140 Kommentare sind bisher abgegeben worden.

• «Das wird kein seriöser Piercer stechen... und schiessen würde ich nicht empfehlen...»

• «Die Dame fragt, wo sie es stechen kann und nicht nach eurer Meinung!!!! Jeder entscheidet selbst für ihr Kind»

• «Professionelle Läden bieten dies erst ab fünf Jahren an.»

• «So eine scheiss Diskussion, nur wegen einer Frage. So doof die Menschheit»

• «So was von krank. Sorry»

• «Wenn sie ihre Kinder stechen lassen wollen, dann sollen sie doch»

Kinderärzte
Umstrittene Praxis

Bei Kinderärzten gebe es hinsichtlich der Praxis keine einheitliche Regelung, erklärt Irene Fietz. «Mir sind jedoch keine Personen im direkten Umfeld bekannt, die das anbieten», so die Berner Kinderärztin. Sie sieht zwei Hauptprobleme bei der Thematik: Zum einen sei die Infektionsgefahr bei Kleinkindern sicher grösser. «Der Ohrstecker muss täglich desinfiziert werden. Zudem besteht die Gefahr, dass man den Stecker zu eng zusammendrückt und der hintere Teil im Ohrläppchen einwächst.»

Das andere Problem betreffe das Kosmetische: «Das Ohrläppchen der Kleinkinder wächst ständig.» Dadurch könne es später zu unliebsamen optischen Veränderungen kommen, so die Ärztin. Generell sei das Ohrlochstechen vor allem bei tendenziell südländischen Eltern und deren Kindern gefragt. «Bei gewissen Kulturen gehört das einfach dazu.» In diesem Alter ein Ohrloch stechen lassen zu wollen, sei ein Wunsch der Eltern und nicht der Kinder: «Wieso kann man nicht warten, bis die Person selber sagen kann, ob sie es möchte?»

Anbieter
Ab drei Wochen möglich

20 Minuten hat bei verschiedenen Anbietern nachgefragt und wollte wissen, wie das Ohrlochstechen bei Kleinkinder bei ihnen gehandhabt wird. Vor allem Südländer würden ihre Kinder jeweils sehr früh stechen lassen, heisst es etwa beim Tattoo- und Piercingstudio El Mundo in Bern.

«Wir bieten diese Praxis deshalb ab drei Wochen nach der Geburt an.»

Auch beim Modegeschäft Clairs in Bern setzt man die Altersgrenze relativ tief. Bereits ab vier Monaten können interessierte Eltern ihre Kinder stechen lassen. Vor dem Stechen fände jeweils ein Gespräch statt: «Ein Gesundheitsformular und ein Impfausweis müssen ausgefüllt und wichtige Angaben bestätigt werden.»

Ohrstecker kann man auch in Apotheken stechen lassen. Beispielsweise in der Amavita-Apotheke in Köniz. «Wir haben eine Altersgrenze von 5 Jahren.» Jedoch komme es immer wieder vor, dass jüngere Kinder gestochen werden sollen. Die Galenica AG, zu der die Amavita Apotheken gehören, teilt gegenüber 20 Minuten mit, dass es keine allgemeine Regel für eine untere Altersgrenze gäbe. Man würde aber empfehlen, das Ohrstechen erst ab 7 Jahren durchzuführen.

Politiker
Rechts-Links-Graben

Auch in der Politik wird das Thema öfters kontrovers diskutiert. SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr sagte 2012 in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger», dass «Kinder nicht dazu da seien, unsere Vorstellungen von einem hübschen Töchterlein oder einem coolen gepiercten Sohnemann zu erfüllen». Gegenüber 20 Minuten äussert sich auch die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim kritisch zum Sachverhalt:

«Kinder sollen mitentscheiden dürfen. Ab dem vierten bis fünften Lebensjahr ist das durchaus möglich.»

Eine andere Meinung vertritt der Basler SVP-Nationalrat Sebastian Frehner. Er findet den Eingriff unproblematisch: «Es ist Sache der Eltern, ob sie die Ohren ihrer Kinder stechen lassen oder nicht.» Frehner zieht einen Vergleich: «Das Kind darf ja auch nicht alleine entscheiden, ob es in den Kindergarten will oder nicht.» Das Gleiche gelte auch für die Ohrläppchen.

(bho/maz)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • claudia20min am 19.02.2019 06:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unnötig..

    Wozu braucht ein Baby oder ein Kleinkind schon Ohrstecker? Ist es so schlimm, wenn man es erst später macht?

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  • Gaby am 19.02.2019 05:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lateinamerika normal - kein Problem

    Ich und meine Schwester haben mit 12 Monate Ohrringe bekommen. Wir sind nun beide Erwachsen und über dreissig, uns hat es nicht geschadet. Und wir mögen es.

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  • Augenroller am 19.02.2019 06:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Last doch das Kind entscheiden

    vor einigen Tagen hies es das Kind soll selber entscheiden ob es Mädchen oder Knaben Sachen tragen will. Hier wird aber ganz klar wieder die Selbstverwirklichung der Eltern durchgesetzt. Warum nicht noch gleich tättowieren lassen?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Luana Fiechter am 19.02.2019 21:36 Report Diesen Beitrag melden

    Ist nun wirklich kein Weltuntergang

    Mensch, es gibt nun wirklich Schlimmeres. Ich habe meine Ohrlöcher auch mit gerade 6 Monaten bekommen...ja und? Ich lebe noch :D und ich find sie super!

  • Trau Ma Ta am 19.02.2019 18:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trauma

    Uiuiui, und mich hat niemand gefragt, als sie mir mit jährig ein Furunkel stechen dürfte.

    • Berner Bär am 20.02.2019 08:33 Report Diesen Beitrag melden

      @Trau Ma Ta

      Ein Furunkel ist ja auch kein Schmuckstück, sondern ein infektiöser Herd ... Ziemlich daneben ein solcher "Witz"!

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  • 15-jährige am 19.02.2019 13:56 Report Diesen Beitrag melden

    Schadet nicht

    Dort wo meine Familie herkommt ist es üblich dass Kinder mit einigen Monaten Ohrlöcher bekommen. Auch meine Mutter hat dies schon lange und ratet mal, es hat ihr nie geschadet. Wer es später nicht möchte, trägt keine Ohrringe mehr. Kinder sind aber meistens stolz dass sie etwas aussergewöhnliches haben - da zählen auch Ohrringe. Es muss nicht sein, aber schaden tut es niemandem.

  • phil am 19.02.2019 12:17 Report Diesen Beitrag melden

    Promimütter... na ja, wenn

    Promimütter sind ja oft nur Promis, weil sie Geld oder bekannten Mann geheiratet haben... aber sonst nichts im Kopf... Wenn das eine Referenz sein soll... "Guten Abend"....

  • Who am i am 19.02.2019 12:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbst entscheiden blödsinn

    Wenn da baby gestochen wird macht es weniger probleme wegen der Schmerzen und fingert an den ohren weniger rum als schon grössere Kinder/Mädchen ich sehe da den einzigen vorteil, die Eltern können da entspanter sein