Pfarrerin gegen Allah

22. September 2011 17:50; Akt: 22.09.2011 18:55 Print

Kirche leitet Verfahren gegen Dietrich ein

Die Kirche überprüft die Rolle von Christine Dietrich bei «Politically Incorrect». Die Berner Pfarrerin streitet ab, dass sie zur Führung des Islamhasser-Netzwerks gehört hat.

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Sprachrohr von «Politically Incorrect»: Die Berner Pfarrerin Christine Dietrich mischt seit 2007 beim Islamhasser-Netzwerk mit. Sie soll damals die Verantwortung für das Portal übernommen haben. Im selben Jahr wurde auf der Website verbreitet, sie arbeite nicht mehr für PI. Tatsächlich schrieb die Geistliche unter dem Pseudonym «Thorin Eisenschild» weiter für das Hassportal. Das Bild zeigt sie in einer Reportage von «Russia Today». PI rühmte sich kurz danach mit dem Auftritt der «tapferen Christine», inzwischen ist das Video nicht mehr auf der Seite. Die Verantwortung an Dietrich übergeben haben will Stefan Herre. Er gründete «Politically Incorrect» 2004. Der frühere Lehrer rief ein Portal ins Leben, das sich dem bedingunslosen Kampf gegen den Islam verschrieben hat. 2009 hielt Dietrich bei einem Protest gegen einen Moscheebau in Köln eine Messe. Gegendemonstranten bezeichnete die Schweizerin laut «Zeit» als «pathologisch Gute». Sie sagte sich 2007, 2010 und nun auch 2011 von der Webseite los. Die Kölner Demo wurde von der «Bürgerbewegung Nordrhein-Westfalen» (Pro-NRW) organisiert, deren Gründer Manfred Rouhs ist. Rouhs war zuvor in Parteien wie der NPD, den «Republikanern» und anderen rechten Gruppen wie der «Deutschen Liga für Volk und Heimat» tätig. Sowohl Rouhs als auch Bernd Schöppe vom Vorstand der Pro-NRW sind mit PI-Gründer Herre per Du. Pro-Aktivisten publizieren laut «Frankfurter Rundschau» regelmässig Artikel auf PI. Auch die im Oktober 2010 gegründete Partei «Die Freiheit» ist auf PI aktiv. Gegründet hat sie René Stadtkewitz, nachdem ihn die CDU ausgeschlossen hat. Grund dafür war eine Anti-Islam-Diskussion mit Geert Wilders, die Stadtkewitz mit PI-Gründer Herre organisiert hatte. Sein Stellvertreter ist Marc Doll, der ebenfalls früher bei der CDU war. «Freiheit»-Mitglieder betonen trotz ihrer intoleranten Haltung ihre Treue zum Grundgesetz und opponierten bei Herre teilweise gegen Pro-NRW, die für sie zu weit rechts stünden. Doll log aber auch gegenüber der «Frankfurter Rundschau»: «Keiner von uns ist bei PI drin.» «Freiheit»-Mitglied Marco Pinto schrieb als PI-Autor «Frank Furter»: «Es schadet uns allen, wenn PI so auftritt wie rechte Hetzerseiten.» Und dann über einen PI-Autoren namens «Kewil», er sei «im Grunde der Moslem auf PI. Er kommt, integriert sich nicht, will ständig extra Würste, baut nen Haufen Scheisse und wundert sich dann über das Echo.» Michael Stürzenberger (alias «Byzanz») von der «Freiheit» ist ein hochaktiver PI-Autor. Er war früher Pressesprecher von Monika Hohlmeier. Die Franz-Josef-Strauss-Tochter musste 2004 nach einigen Affären ihren Ministerposten in Bayern räumen. Der «Spiegel» zitiert Stürzenberger, er habe «tiefsten Hass auf diese Ideologie. Meiner vollsten Überzeugung nach muss der Islam von allen Seiten angeschossen werden.» Christian Jung ist Landesvorsitzender der «Freiheit» in Bayern und gehört laut «Frankfurter Rundschau» als «Nockerl» zum engsten PI-Zirkel. Am weitesten rechts steht aber wohl PI-Autor «Michael Mannheimer» (im Bild links), der zum bewaffneten Widerstand aufrief. Ausserdem betreibt Karl-Michael Merkle, so sein wahrer Name, die Website «Nürnberg 2.0», auf der Linke und «Gutmenschen» denunziert werden. Engmaschiges Beziehungsnetz: Die rechte Postille «Junge Freiheit» schrieb an PI: «Lieber Stefan, es wäre klasse, wenn du die Geschichte über ‹Linkstrend stoppen› auf PInews weiterdrehen könntest.» Im April 2011 wollte PI-Gründer Herre Terry Jones von «Stand Up America» einladen. Der Pastor hatte für Furore gesorgt, als er angekündigt hatte, öffentlich den Koran verbrennen zu wollen. Dirk Hülsenbeck, Geschäftsführer der CDU-Senioren, schrieb laut «Frankfurter Rundschau», er habe «Sympathien» für das PI-Engagement und wolle deshalb gelegentlich «brauchbare Infos» liefern. Der schwedische Rechtsextremist Patrik Brinkmann schrieb an PI: «Hier haben sie einige ‹gute› photos mit einige NS-Msulims, vielleicht können sie die fotos ferr PI verwenden.» PI kann als internationale Hass-Seite gesehen werden, weil sie auch Kontakte zu den Schwedendemokraten... ... zum Niederländer Geert Wilders und seiner «International Freedom Alliance», zur SVP, zur belgischen Vlaams Belang und der English Defence League unterhält. PI-Ortsgruppen sind angeblich in der Schweiz, Österreich und Tschechien gegründet worden.

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Die Reformierte Kirche Bern-Jura-Solothurn hat auf die Vorwürfe gegen Christine Dietrich reagiert: Der Synodalrat hat ein Advokaturbüro beauftragt, «objektiv abzuklären, was die Fakten und was allenfalls falsche Anschuldigungen sind», heisst es in einer Mitteilung vom Donnerstag. Die Berner Pfarrerin soll gemäss Recherchen deutscher Medien «Co-Chefin» des Islamhasser-Netzwerks «Politically Incorrect» gewesen sein. Die Seelsorgerin bestreitet eine Führungsrolle innegehabt zu haben. Sie streitet allerdings nicht ab, dass sie von 2007 an auf dem islamfeindlichen Blog aktiv war.

Dietrich bezahlte auch eine Zeit lang die Rechnungen für die Website, wie sie gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagte. Sie bestätigte im Gespräch mit 20 Minuten Online auch Beiträge auf der Website freigeschaltet zu haben. Die Kirche hat davon gewusst. Dietrich war nach mehreren öffentlichen Auftritten an Anti-Islam-Demos von der Kirche im August 2010 zu einem Gespräch gebeten worden. Die Pfarrerin der Gemeinde Siselen BE hat gemäss der Kirche damals «glaubwürdig zugesagt, dass sie nicht mehr aktiv ist für Politically Incorrect».

Ihre Kontakte zu den Verantwortlichen des Anti-Islam-Blogs hat Dietrich in der Folge aber nicht abgebrochen, wie sie selbst gegenüber 20 Minuten Online sagte. Nach den neuerlichen Schlagzeilen um ihre Verbindung zu dem Anti-Islam-Blog will sie in Zukunft alle Kontakte kappen. «Auch die persönlichen», so Dietrich. Es ist bereits die dritte Distanzierung der Pfarrerin von «Politically Incorrect».

«Nicht gegen Muslime, für Israel»

Dietrich selbst sagt, sie habe nie «gegen jemanden persönlich» geschrieben. Sie habe auch nicht «gegen Muslime» geschrieben, sondern pro Israel. Dass sie das auf einem Anti-Islam-Blog tat und auch Anti-Islam-Demos segnete, bezeichnet sie als «naiv».

Zuletzt hat Christine Dietrich nachweislich im März 2010 an einer Anti-Islam-Veranstaltung von der Bürgerbewegung ProNRW teilgenommen, wie eine Reportage des ZDF zeigt. ProNRW gehört zur neuen rechtsgerichteten Bewegungen in Europa und wird vom Deutschen Verfassungsschutz beobachtet. Dass sie bei der Veranstaltung 2010 gefilmt wurde, ist Dietrich peinlich. «Ich wollte im Hintergrund bleiben, weil es doch so schlecht ankam.» Tatsächlich ist Dietrich nur zufällig in der Reportage zu sehen. Der Kameramann filmte den Vorsitzenden von ProNRW, Markus Beisicht und den schwedischen Millionär Patrik Brinkmann,der gemäss «Spiegel» und «ZDF» rechtsextremistisch sein soll. Dietrich stand dabei im Hintergrund.

(amc/sda)