Gösgen II

27. Januar 2011 13:40; Akt: 27.01.2011 14:01 Print

Knatsch um neues AKW in Solothurn

Die Pläne für ein neues Atomkraftwerk und Endlager spalten das Solothurner Niederamt. Eine Studie im Auftrag der Gemeindepräsidenten zeigt die Stimmungslage.

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Das Atomkraftwerk Gösgen. Steht hier bald ein zweites? (Bild: Keystone)

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Das geplante AKW Gösgen II stösst bei der Bevölkerung in der Standortregion Niederamt im Kanton Solothurn auf Skepsis. Ein Endlager wird abgelehnt. Das zeigt eine sozioökonomische Studie im Auftrag der Präsidenten der 15 Gemeinden zwischen Aarau und Olten.

45 Prozent der Niederämter lehnen die Pläne für das unter anderem vom Energiekonzern Alpiq geplante AKW Gösgen II ab. Die vom Verein Gemeindepräsidentenkonferenz Niederamt (GPN) am Donnerstag vorgestellte Studie basiert auf einer repräsentativen Umfrage unter 1000 Personen der Region. Im Niederamt leben 32'800 Menschen.

Für ein zweites Atomkraftwerk - zusätzlich zum seit 1979 bestehenden AKW Gösgen - sind 38 Prozent. Weitere 15 Prozent der Befragten geben sich neutral. Unternehmen, die ebenfalls befragt wurden, sehen die Pläne positiver.

Imageverlust befürchtet

Auf klaren Widerstand stösst das vom Bund geplante Tiefenlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. 71 Prozent der Niederämter sprechen sich dagegen aus. Die Ablehnung zieht sich durch alle 15 Gemeinden. Auch eine Mehrheit der Unternehmen ist dagegen.

Die Niederämter erwarten gemäss Studie mehrheitlich negative Wirkungen auf das Image der Region und einen Verlust der Attraktivität. Sie befürchten auch Unruhen und Spannungen in der Bevölkerung.

Region sucht Zusammenhalt

Die Studie werde in der Gemeindepräsidentenkonferenz zu «heftigen Diskussionen» führen, sagte Hanspeter Jeseneg von der Arbeitsgruppe Energie der GPN vor den Medien in Niedergösgen. Wichtig sei, dass sich das Niederamt an einen Tisch setze.

Die gesamte Schweiz werde über ein neues AKW entscheiden und nicht das Niederamt. Die Region müsse daher vorbereitet sein, «wenn uns die Schweiz das Projekt aufdrückt», sagte Jeseng. Es gehe darum, «eine positive Entwicklung» zu ermöglichen und die negativen Auswirkungen abzufedern.

Die Region will sich nicht zuletzt in Position bringen, um mit der Energiewirtschaft finanzielle Abgeltungen aushandeln zu können, wie GPN-Präsident Kurt Henzmann ausführte. Von den Steuereinnahmen und Entschädigungen des bestehenden AKW Gösgen profitiert derzeit vor allem die Standortgemeinde Däniken.

Energiekonzern sieht «Verunsicherung»

Für den Energiekonzern Alpiq ist es nachvollziehbar, dass die Meinungen zu den beiden Projekten geteilt sind. «Die Bevölkerung ist durch die parallel laufenden Diskussionen und die Ungewissheit bezüglich der Realisierung eines oder beider Projekte stark verunsichert», sagte Mediensprecher Martin Bahnmüller auf Anfrage.

Die Werte der Akzeptanz für ein neues AKW jedoch würden erstaunen. Eigene Erkenntnisse und die Ergebnisse von eidgenössischen Volksabstimmungen zeigten eine viele höhere Zustimmung, sagte Bahnmüller. 2003 sei die Initiative «Strom ohne Atom» im Niederamt mit Anteilen von bis zu 88,9 Prozent abgelehnt worden.

Arbeitsplätze in Sicht

Die Gemeindepräsidentenkonferenz liess vom Forschungs- und Beratungsbüro Rütter in Rüschlikon ZH auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Vorhaben berechnen. Für die Region würde das zweite AKW in der 60-jährigen Betriebsphase eine Bruttowertschöpfung von rund 720 Millionen Franken pro Jahr generieren.

Mehr als drei Viertel der Wertschöpfung wären auf den hohen Kapitaleinsatz zurückzuführen. 16 Prozent würden auf die für den Wohlstand der Region relevante Arbeitswertschöpfung entfallen. Mit 620 Vollzeitstellen würde das AKW gemäss Studie einen Beitrag von rund 7 Prozent zur regionalen Beschäftigung leisten.

Ein Atomendlager hätte eine geringere wirtschaftliche Bedeutung. Es seien etwa 30 Vollzeitstellen und eine Bruttowertschöpfung von rund 4 Millionen Franken pro Jahr über eine Dauer bis 2101 zu erwarten. Abgeltungszahlungen würden für die Region daher die grösste Wirkung haben.

(sda)