Berner Debatte

03. Mai 2019 05:01; Akt: 03.05.2019 05:01 Print

«Ich, ein Feminist? Ich bin ein Mann!»

Ob auch Männer Feministen sein können, ist eine häufig diskutierte Frage. Während die einen die Bezeichnung völlig gelassen nehmen, hadern andere damit.

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In einem aktuellen Interview über Gleichberechtigung in der Wochenzeitung «BernerBär» meint Berns Stadtpräsident Alec von Graffenried: «Ich, ein Feminist? Das würde ich so nie sagen. Ich bin ein Mann!» Die Aussage tangiert eine brisante Frage; nämlich die, ob Männer überhaupt Feministen sein können.

Solidarität zeigen

Nationalrat Fabian Molina, bekennender Feminist, ist anderer Meinung als von Graffenried: «Ich finde, dass das Geschlecht keinen Einfluss auf die Bezeichnung hat.» Männer könnten auch Feministen sein, denn es gehe um zentrale Themen wie Gleichberechtigung, Diskriminierung und Sexismus. In Molinas Augen reicht es aber nicht, sich nur als Feminist zu bezeichnen: «Bekennende Feministen müssen sich politisch einsetzen und auch im Alltag agieren.» Männer sollten sich solidarisch zeigen und die Frauen unterstützen. Aber: «Sie sollten nicht meinen, besser zu wissen, wie der Kampf der Frauen auszusehen hat, oder ihn gar bestimmen wollen», so der 28-Jährige.

Bereicherung für Bewegung

Auch Saskia Kircali, Vorstandsmitglied des Vereins Feministische Wissenschaft Schweiz, stimmt Molina punkto Unabhängigkeit des Geschlechts zu: «Auch Männer können Feministen sein.» Um die Anliegen des Feminismus zu unterstützen, brauche man nicht zwingend eine Frau zu sein. Zur Aussage des Stadtpräsidenten meint Kircali: «Es ist schade, so etwas zu hören.»

Kircali sieht es als Bereicherung, wenn sich Männer zu der Bewegung zählen: «Es ist toll, wenn sich ein Mann offen als Feminist bezeichnet», so die Zürcherin. Solange er gut mit dem Thema vertraut sei, sich seiner privilegierten Position als Mann bewusst sei und seine eigene Meinung äussere, sehe sie die Bezeichnung nicht als problematisch an. «Wichtig ist, dass die Kommunikation zwischen den verschiedenen Personen, die sich für den Feminismus einsetzen, stimmt», so die 22-Jährige. Feminismus setze sich für alle Geschlechter ein. «Für die Gleichberechtigung der Geschlechter können alle kämpfen», sagt Kircali.

Überraschenderweise stimmt gar der SVP-Hardliner Erich Hess Kircali und Molina zu:« Aus meiner Sicht können sich auch Männer Feministen nennen.» Er selber würde sich zwar nie als solchen bezeichnen, als «Frauen-Freund» aber durchaus. Dem Politiker sind jedoch die Anliegen des Feminismus unverständlich: «Männer haben das Gefühl, dass Frauen schlechter gestellt sind. Das ist aber nicht der Fall.»

Vor 50 Jahren habe man noch über die Gleichstellung diskutieren können, findet Hess, doch heute nicht mehr. Zudem sehe er auch nicht ein, für was Feministinnen und Feministen auf die Strassen gehen und protestieren: «Aus meiner Sicht sind Frauen und Männer heute gleichberechtigt. Deshalb bin ich auch kein Befürworter des Frauenstreiks.»

Neue Forderungen

Auch nach Ansicht von Alec von Graffenried können sich Männer grundsätzlich als Feministen bezeichnen. Nur er selber verzichte auf den Ausdruck.« Ich selbst bezeichne mich nicht als Feminist, weil für mich die Gleichstellung ein breiteres Thema ist als die Gleichstellung von Frau und Mann», so der Stapi. Denn Gleichstellung betreffe alle gesellschaftlichen Gruppen.

Nebst Lohngleichheit oder der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gebe es heute auch neue Forderungen: Die Gleichstellung und Integration der Migrationsbevölkerung in der Schweiz oder die Gleichstellung von schwulen, lesbischen oder transsexuellen Menschen. «Es braucht eine Stärkung der Strukturen, die diese Gleichstellung fördern, damit alle gleiche Handlungschancen haben», so der 56-Jährige. Dafür setze er sich ein.

(pal / miw)