Einsatz für Krankenschwester

18. März 2020 04:45; Akt: 18.03.2020 13:57 Print

«Ich übernehme die Parkbusse für Sie»

Wegen Überstunden und Bundesvorgaben müssen Spitalangestellte mit dem Auto zur Arbeit fahren. Eine Bernerin bat vergeblich um Verständnis und kassierte eine Busse.

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Das Medizinpersonal im Berner Inselspital arbeitet wegen des Coronavirus auf Hochtouren. Im derzeit hektischen Betrieb besonders belastet ist das Pflegepersonal. So wurden etwa die Arbeitszeiten von Pflegefachfrauen und -männern aktuell auf bis zu zwölf Stunden ausgeweitet. Zudem sollen sie möglichst nicht mit dem Öffentlichen Verkehr anreisen. Daran hält sich auch Anja F.* Jedoch gibt es auf dem Insel-Areal derzeit zu wenig Parkplätze für Mitarbeiter.

Mit einem freundlichen Brief wies die 28-Jährige die Polizisten auf den besonderen Umstand hin. «Ich verstehe, Sie gehen nur Ihrer Arbeit nach... so wie ich», beginnt ihr Brief, der an Polizisten gerichtet ist und den sie gut sichtbar hinter der Frontscheibe ihres Wagens platzierte. Darin erklärt sie die besondere Situation und schreibt: «Bitte seien Sie nachsichtig mit mir.»

Trotzdem Busse kassiert

Als die Bernerin am Montag nach einer langen Schicht im Spital zum Auto kommt, klemmt neben dem Brief ein Strafzettel der Kapo Bern. 100 Franken wollten die Berner Gesetzeshüter von F., weil das Auto zu lange an der falschen Stelle stand.

Neben der Busse entdeckte die Pflegefachfrau eine handgeschriebene Notiz: «Vergeblich versuchte ich die Polizistin vor einer Parkbusse abzuhalten. Ich übernehme die Busse für Sie.»

Die Notiz habe sie sehr berührt, sagt F. zu 20 Minuten. «Es ist unglaublich schön, dass die Solidarität, die wir derzeit von der Bevölkerung einfordern, da ist.» Leute würden helfen und ihren Teil zur Bewältigung der aktuellen Krise beitragen. «Das ist einfach nur schön.» Sie habe den Verfasser der Notiz umgehend angerufen: « Ich habe mich bei ihm bedankt, jedoch abgelehnt. Er muss das sicherlich nicht bezahlen.»

«Stimmt mich nachdenklich»

Der Mann arbeite derzeit auch im Homeoffice. «Ich habe gesehen, wie die Polizistin gerade versuchte, mein Auto zu büssen, konnte dies aber mit Verweis auf die Corona-Krise gerade noch abwenden», so der Berner zu 20 Minuten. Später habe er realisiert, dass F. dagegen eine Busse bekommen habe. «Das fand ich nicht gerecht. Die Pflegerin hatte viel den besseren Grund, nicht gebüsst zu werden.» Darum habe er auch ein Foto davon geschossen, und in den sozialen Medien veröffentlicht.

Die Pflegefachfrau ist der Polizistin nicht böse: «Aber es stimmt mich nachdenklich, dass genau die vorhin angesprochene Solidarität bei der Polizei offenbar nicht vorhanden ist.» Das Pflegepersonal sei genau so betroffen von der aktuellen Situation wie die Polizei. «Darum verstehe ich diese Parkbussen-Politik, die gerade ums Inselspital herrscht, nicht.»

Spital schaltet sich ein

Mittlerweile muss sich die Angestellte nicht mehr um die Busse kümmern. Die Leitung des Inselspitals hat sich der Sache bereits angenommen. Man sei bereits mit der Stadt Bern und der Kapo in Kontakt, sagt Alex Josty, Sprecher des Inselspitals. «Die Situation für die Mitarbeitenden soll verbessert werden.» Er sei davon überzeugt, dass man mit den Behörden zu einer gütlichen Lösung komme. «Und sonst mache ich das Angebot auch noch: Bevor unsere Pflegefachkraft die Busse zahlen muss, mache ich das.»

Polizei entschuldigt und bedankt sich

Die Kapo Bern hat auf Twitter bereits auf den Fall reagiert. «Hier wäre mehr Augenmass gefragt gewesen», entschuldigt sie sich. So Es würden bereits Parkplatz-Lösungen für Spitalmitarbeitende gesucht. «Unabhängig davon: Grossen Dank unseren Kolleginnen und Kollegen, die im Spital und bei den Rettungsdiensten viel Wertvolles leisten!»

*Name der Redaktion bekannt

(cho)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Päde am 18.03.2020 05:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unser Freund und Helfer

    Typisch Polizei, ich habe mit dem Freund und Helfer schon lange abgeschlossen... ich hoffe wenn der Polizist einmal in der selben situation ist versteht ers.

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  • Einzelkämpfer am 18.03.2020 05:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Polizei kennt Null Toleranz.

    Nicht einmal in dieser Situation anerkennen die Parkbussen verteilenden Polizisten den Sondereinsatz von Medizinischem Pflegepersonal an, und ziehen ihre Strafkoloniale Tour Gnadenlos durch- obschon sie mit einem Brief an der Scheibe Deutlich darüber informiert wurden. Eine Schande sondergleichen.

    einklappen einklappen
  • Firefighter118 am 18.03.2020 05:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ins eigene Fettnäpfchen getrampt

    Ich hoffe nur die Polizistin bekommt kein Corona und muss dann ins Inselspital. Da kommt dann das Pflegepersonal um 17:00 und wird Ihr klarmachen, dass Sie jetzt nach Hause gehen, da die Parkzeit abläuft und sie sonst eine Busse bekommen. Die Polizistin soll selber schauen wie Sie zu den Medis, Essen kommt. - Ja Frau Polizistin soweit könnte es kommen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • HubertO am 18.03.2020 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Die Polen machen es besser!

    Ich bin zur Zeit in Polen und wie es aussieht bleibe hier noch eine Weile.:) Als es klar wurde, dass man die Ausbreitung der Seuche möglichst mit vielen Mitteln und schnell in den Griff kriegen muss, wurde in fast allen Städten in Polen kurzerhand die Erhebung der Parkgebühren bis auf weiteres eingestellt.

  • Robert am 18.03.2020 13:23 Report Diesen Beitrag melden

    Polizei und Augenmass... ja genau

    Ich habe in 30 Jahren als Autofahrer noch keinen Polizisten mit Augenmass erlebt, wenn es um büssen / geldeintreiben geht. Dafür aber wegschauen und nicht auftauchen, wenn es darum geht die wirklich wichtigen Dinge anzugehen... Wenn die Arbeit vor die Füsse fällt, wird sie gemacht, Anstrengung wird vermieden.

  • Brandon am 18.03.2020 13:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was ...

    Was vielleicht von Seiten Inselspital auch gemacht werden könnte, dass man der gesamten Personal ein offizielles Hinweis (wie Vignette Ähnlich oder wie Ärzte es besitzen) heraus gibt für das Parkieren während dieser Pandemie Situation. Weil ich denke, dass dort nicht nur Inselspital Mitarbeiter/innen Parkieren. Aber so ist für jeden Polizist/in ersichtlich, dass es um Personal geht des Inselspitals. Das müsste halt die Stadt Bern mit dem Inselspital lösen. Aber diesen die diese Vorgabe gemacht haben (kein ÖV), dachten unvollständig nach.

  • F. Meyer am 18.03.2020 13:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Andere Sichtweise

    Ich verstehe den Unmut... objektiv gesehen , woher soll der oder die Polizistin wissen ob der Brief echt ist, es gibt nichts was es nicht gibt!Wenn es wirklich so ist was ich in diesem Fall nicht bezweifle, könnte die Polizei die Busse kulanter Weise zurücknehmen! Das Spital ist gefordert Parkplätze zu organisieren bzw. In Absprache mit der Polizei zur Verfügung zu stellen... ich würde die Busse dem Spital weitergeben! An dieser Stelle danke ich für den Einsatz den diese Krankenschwester bzw. Das Personal im Gesundheitswesen leistet! Tragt Sorge, beibt gesund!

  • Luzia W. am 18.03.2020 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    Gangbarer Weg

    Seit langem muss ich von der Spitex betreut werden. Parkplätze sind bei uns Mangelware. Die 'Spitexerinnen' kassierten unzählige Parkbussen von Fr 40.--, die ich jeweils übernahm. Nach einigem hin und her mit der Polizei ergab sich folgende Lösung: Bei verbotenem, aber nicht behinderndem parkieren durch die Spitex keine Busse. Eine solche ist nur fällig, wenn die Spitex verboten und zugleich behindernd parkiert. Die Polizei hält sich an die Absprache. Damit lässt sich leben.