Lawinen und lockeres Gestein

27. Juni 2019 04:42; Akt: 27.06.2019 19:25 Print

«Lawinengefahr ist nicht viel kleiner als im Winter»

von S. Ulrich - Die jüngsten Unfälle zeigen: Auch im Sommer ist das Hochgebirge keine lawinenfreie Zone. Die Gefahr wird von Berggängern aber allzu oft unterschätzt.

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Im Winter stellen Lawinen bekanntlich die grösste Gefahr im Hochgebirge dar. Im Sommer dagegen stehen Abstürze, Stein- und Eisschlag oder ein Wettersturz im Vordergrund. Aber: Auch zwischen Juni und Oktober kommt es immer wieder zu Lawinenunfällen.

Letzten Sonntag wurde die Air Glacier zu einem Rettungseinsatz am Eigergletscher aufgeboten. Drei Bergsteiger aus Osteuropa waren auf ihrem Abstieg von einer Lawine überrascht worden. «Einer der Männer wurde 300 Meter in die Tiefe gerissen», sagt Air-Glacier-Pilot Guido Baumann.

Der Alpinist hatte Glück im Unglück: Er konnte sich selber aus den Schneemassen befreien und somit schnell lokalisiert werden. «Die Rettungsaktion gestaltete sich aber schwierig, weil immer wieder kleine und grössere Schneerutsche im Gebiet herunterkamen», sagt Baumann. Der Mann wurde mit Verletzungen ins Berner Inselspital geflogen. Auch die beiden anderen Männer mussten mit dem Helikopter gerettet werden. «Da sie sich unter einem Abbruch befanden, der durch die warme Witterung jederzeit hätte abbrechen können, wurden beide Berggänger gleichzeitig von einem Rettungsspezialisten evakuiert.»

Berg wird zur Rutschpartie

Laut Baumann müssen die Bergretter derzeit besonders häufig ausrücken. Schuld seien die warmen Temperaturen, die für instabile Böden im steilen, schneebedeckten Gelände sorgen würden. «Es kommt in der Folge vermehrt zu Schneerutschen und -abbrüchen, bei denen Menschen mitgerissen werden können», so der Berufspilot. Er verweist auf den Wanderer, der ebenfalls am Sonntagabend oberhalb des Brienzersees zu Tode stürzte, nachdem sich eine Schneeablagerung unter ihm gelöst hatte.

Die Gefahr von Lawinen im Sommer werde deutlich unterschätzt, sagt Baumann. Immer wieder gebe es etwa Berggänger, die um die Mittagszeit den Berg erklimmen würden. «Dabei ist der Schnee schon morgens um neun Uhr weich. Das ist purer Leichtsinn.»

«Gefahr nicht viel kleiner als im Winter»

Auch Christine Pielmeier vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF warnt vor der momentanen Situation: «In den höchsten Gipfelregionen der Schweiz geht die Gefahr derzeit von nassen Lawinen aus.» Grund sind die 10 bis 30 Zentimeter Neuschnee, die letzte Woche im Hochgebirge angefallen sind.

Denn: Im Sommer gehen Lawinen vor allem während und unmittelbar nach Schneefällen nieder. «Durch die aktuell sehr hohen Temperaturen wird die Schneedecke komplett durchfeuchtet und es können sich Nassschnee-Lawinen lösen», erklärt Pielmeier. «Bei Neuschnee ist die Gefahr im Sommer daher nicht viel kleiner als im Winter.»

Für eine Tragödie braucht es beim Bergsteigen keine gigantischen Schneemassen. «Im exponierten Gelände reicht ein nasser Rutsch, der eine Person mitreissen und zum Absturz führen kann», so Pielmeier. Die durch den Absturz zugezogenen Verletzungen sind denn auch die Haupttodesursache bei Lawinenunfällen im Sommer, wohingegen ein Grossteil der Opfer im Winter verschüttet wird und erstickt.

Ein bis zwei Lawinentote pro Sommer

Auch wenn sie viel seltener sind als im Winter, fordern Sommerlawinen in der Schweiz im Schnitt ein bis zwei Todesopfer pro Jahr. Das entspricht ungefähr fünf Prozent der jährlichen Lawinentoten. So haben laut Zahlen des SLF in den letzten 40 Jahren 45 Menschen zwischen Juli und September ihr Leben in Lawinen verloren.

Pielmeier rät Berggängern, sich vorab zu informieren, wie sich das Wetter entwickelt. «Vor allem, ob es Neuschnee gegeben hat oder ob solcher prognostiziert wird.» Falls Schnee fällt und man dennoch eine Tour machen möchte, sei es wichtig, dass man imstande sei, eine eigenverantwortliche Beurteilung anstellen zu können. Pielmeier: «Wenn das nicht möglich ist, kann man sich beispielsweise einem Bergführer anschliessen.»