Flexibilisiertes Modell

24. April 2017 18:42; Akt: 25.04.2017 17:24 Print

Lehrlinge fürchten sich vor «noch strengerer Lehre»

Das neue Modell der Informatiker-Lehre, wie es die Berner nun testen, stösst bei den Betroffenen auf viel Skepsis. Die Lehrlinge möchten weiterhin zwei Tage zur Schule gehen dürfen.

Das sagen die Informatiker-Lehrlinge zum neuen Konzept.
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Um die Lehre zu flexibilisieren, sollen Auszubildende zuerst das lernen, was sie im Betrieb am dringendsten brauchen. Durch die Auflösung der Reihenfolge der Pflichtmodule und Einführung von Selbstlern-Elementen soll die Präsenzzeit an der Schule von zwei auf bis zu einen Tag pro Woche reduziert werden.

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Die Gewerblich-Industrielle Berufsschule Bern arbeitet zurzeit an einem solchen Modell, ab 2019 sollen rund 1000 Informatik-Lehrlinge eine flexibilisierte Lehre absolvieren. Dies berichtet die«NZZ am Sonntag».

Werden es die Betriebe ausnutzen?

Die flexiblere Gestaltung der Lehre wird bereits auf Bundesebene im Rahmen der Vision Berufsbildung 2030 diskutiert – das Berner Modell soll also gar national Schule machen.

Gegen den Berner Versuch regt sich nun auch Widerstand. Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, warnt davor, dass die Sozialisierung der Jungen in der Berufswelt leiden könne. Auch befürchten die Kritiker, dass die Ausbildungszeit, die nicht mehr in der Schule verbracht wird, von den Lehrbetrieben knallhart in Arbeitszeit umgewandelt wird, anstatt dass die Lernenden vom Betrieb beim Selbststudium unterstütz würden.

Das flexibilisierte Modell wirft auch die Frage auf, ob sich die Betriebe nach den Lernzielen in der Schule zu richten haben oder ob die Schule den Anforderungen der Privatwirtschaft nachkommen muss.

Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis

Auch mehrere Informatiker-Lehrlinge an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern begegnen dem neuen Modell mit Skepsis: «Ein Selbststudium ist sicher schwieriger, als wenn eine Lehrperson da ist, die man bei Unklarheiten fragen kann», sagt Patrick Howald (17), Lehrling im ersten Lehrjahr.

Doch nicht nur das, einige der Lehrlinge gehen sogar noch weiter: «Ich kann mir gut vorstellen, dass die Lehrbetriebe ihre Lernenden ausnutzen und sie dann mehr arbeiten müssten», sagt Marco Rezzonico (16).

Auch kritisieren die Lehrlinge das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis. Patrick Howald meint etwa: «In der Lehre ist die Schule ein wichtiger Bestandteil, deshalb finde ich es wichtig, dass beides gleich gewichtet wird».

Verantwortung

Während Auszubildende bei der GIBB dem neu angedachten System eher skeptisch gegenüberstehen, sehen Arbeitgeber durchaus Vorteile darin: «Die Lehrbetriebe können so etwa Einfluss auf den Schulstoff der Berufschule nehmen», sagt Janine Abt, Sprecherin der Login Berufsbildungs AG. Sie glaubt nicht, dass das neue Modell für Lernende mehr Stress bedeutet: «Für das Erlernen der Kompetenzen bleibt gleichviel Zeit wie vorher.» Lediglich der Lehrort würde sich von Schule auf Lehrbetrieb ändern.

Auch die Swisscom ist vom neuen Modell angetan, aber: «Als Unternehmen liegt es jedoch in unserer Verantwortung mit den Lernenden anzuschauen, ob zu Hause die Voraussetzungen für ein Selbststudium gegeben sind», sagt Sprecherin Sabrina Hubacher. Falls nicht, könnte auf Räumlichkeiten an der Schule oder im Betrieb zurückgegriffen werden.

(stm)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Siri am 24.04.2017 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auspressen wie eine Zitrone

    Unsere Jungen sollen also in den Betrieben noch mehr zum gleichen Lohn leisten, um dann an den Wochenenden genügend Zeit für das Selbststudium zu haben. Wieviele werden diesem Druck wohl nicht standhalten können? Egal Hauptsache es können wieder Kosten gesenkt werden.

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  • Typhoeus am 24.04.2017 18:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Strenger ja, mehr Arbeit im Betrieb

    und weniger Freizeit, da sie für Selbstudium eingesetzt werden soll. Der Schuss kann total hinten hinazs gehen, wenn Überforderung einsetzt. Profitieren werden vor allem die Arbeitgeber.

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  • Schweizer am 24.04.2017 19:39 Report Diesen Beitrag melden

    Wird schon ausgenutzt

    Während meiner Lehre sollten wir auch Zeit im Betrieb für Selbststudium haben. Dies steht so in der Berufsbildungsverordnung. Was aber nicht nur unsere Firma nicht interessiert hat, wenn man reklamiert hat hiess es einfach das es schon immer so gewesen sei. Also ans Berufsbildungsamt gewendet, die meinte das wir diese Zeit zu gute hätten für Selbststudium. Aber wenn es die Firmen nicht machen, könnte das Berufsbildungsamt auch nicht tun. Das neue System wird nur dazu führen das Lernende noch mehr ausgenutzt werden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nola am 25.04.2017 15:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bin dagegen

    Selbststudium mag ja gut sein. Nur muss dann die Zeit gegeben sein. Unser Sohn 3 Lehrjahr Informatiker kann/darf im Bertrieb nichts für die Schule tun. So ein Betrieb wäre also 0 geeignet für dieses System.

  • El Anwalto am 25.04.2017 09:27 Report Diesen Beitrag melden

    Studenten

    Ging es hier um Studenten, wäre das Unverständnis gegenüber dieser Haltung gross. Tja :) Jedem das seine, mir das beste amigs!

  • Eduard Arnold am 25.04.2017 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Optimierung

    Falscher Weg, leider, denn nur wenige Betriebe kennen das Wort Ethik und setzen es auch um. Der Rest ist beim Wort Profit stecken geblieben, optimiert und geht nicht sind die Leitplanken.

  • ac am 25.04.2017 09:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schwierig

    wenn ich daran denke wie die lehrlinge bei meinem (noch-) arbeitgeber ausgenuzt werden verstehe ich die skepsis der lehrlinge...

  • PS;L am 25.04.2017 09:00 Report Diesen Beitrag melden

    Gewinn, Optimierung, Effizienz

    Es lastet immer mehr druck auf unseren Jungen. Diese müssen das vielfache an Wissen in einem Bruchteil der Zeit erlernen wie das früher üblich war. Daher bleibt auch kaum mehr was hängen und nur die wenigsten haben noch Spass in Ihrem Beruf. Wir müssen etwas ändern, mal etwas vom Gas... Es geht nicht nur um Nettoerträge im Leben... Wir stellen den Jungen einen Scherbenhaufen hin und erwarten, dass diese für uns einen Palast daraus bauen. Wir haben uns verschuldet und Ihr jungen müsst dafür aufkommen - Wenige profitierten und heute leiden alle darunter - besonders die Jungen!