Bluttat im Seeland

10. Dezember 2019 04:48; Akt: 10.12.2019 08:19 Print

«Wenn nicht ich, soll dich auch kein anderer haben»

Im Sommer 2016 wurde in einer Seeländer Gemeinde eine Frau mit zahlreichen Messerstichen schwer verletzt. Seit Montag steht der Täter vor Gericht.

Der Beschuldigte muss sich wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten. (Video: km)
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Die Schilderungen der 21-jährigen D.O.* vor dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland sind erschütternd: An einem Samstagnachmittag im Sommer 2016 klingelt es in der Wohnung, in der D. mit ihrer Mutter G.* (46) und der jüngeren Schwester Y.* (16) lebt. Durch die Gegensprechanlage hört D. Schreie. Erst denkt sie, die jüngere Schwester erlaube sich einen bösen Scherz. Dann merkt sie, dass es sich um die Mutter handelt: «Ich bin gestochen worden, ruf die Polizei», tönt es durch den Lautsprecher.

D. eilt aus dem vierten Stock des Mehrfamilienhauses, das sich in einer Gemeinde nahe Biel befindet, die Treppe hinunter, wählt unterwegs den Notruf. Am Hauseingang trifft sie auf die schwer verletzte Mutter, die blutüberströmt auf dem Boden liegt. «Ich hielt ihre Hand, die Augen hatte sie fast zu und atmete kaum noch», erzählt die Tochter unter Tränen den Richterinnen und Richtern. Der Täter hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits vom Tatort entfernt. Später stellt er sich der Polizei.

Vergewaltigungen und Todesdrohungen

Der Täter, das ist F.Y.* (36), der Ex-Partner von G. Zwischen August 2014 und Oktober 2015 lebt der Türke mit seiner eigenen Tochter (damals 12) bei G. und deren beiden Kindern. Schon nach wenigen Monaten verschlechtert sich das Beziehungsklima massiv. «Er hat Druck auf mich ausgeübt und mich ständig kontrolliert», sagt G., die im Anschluss an die Tochter vernommen wird. Bald habe sie kaum mehr alleine das Haus verlassen dürfen.

Messerstecher von Brügg steht vor Gericht

Bei Streitereien sei er handgreiflich geworden, habe sie geschüttelt oder gar gewürgt. Wie der Anklageschrift zu entnehmen ist, hatte F. mehrmals Geschlechtsverkehr mit G., obschon sie dies nicht wollte und sich dagegen wehrte. Manchmal, so die Klägerin, habe er auch Gewalt gegen sich selber angewendet: «Er schnitt sich selbst mit einem Messer und drohte mir, er werde sich umbringen, wenn ich ihn verlasse.» Und einmal, da habe er zu ihr gesagt: «Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich auch kein anderer haben.» Im Oktober 2015 hält es G. nicht mehr aus: Sie trennt sich von F., der fortan wieder eine eigene Wohnung mit der Tochter bezieht.

Doch F. lässt nicht von G. ab, will sie zurückgewinnen. Ständig habe er sie mit Anrufen belästigt und gestalkt, sagt G. Dass die Geschichte ein böses Ende nehmen könnte, deutet sich spätestens bei den Todesdrohungen an, die der Beschuldigte mehrmals gegen G. ausspricht: Er werde ihr «die Kehle durchschneiden», «die Sache nicht halb machen, sondern zu Ende bringen», sei dies «morgen oder in einer Woche» – dies seine Worte gemäss Anklageschrift.

Acht Schnittverletzungen

Am 30. Juli 2016 schliesslich schreitet F. zur Tat: Auf einer Sitzbank unweit des Mehrfamilienhauses wartet er, bis G. von ihren Einäufen zurückkehrt. Vor dem Hauseingang greift er sie von hinten an und sticht mit einem Taschenmesser mit rund zehn Zentimeter langer Klinge auf die Frau ein. Schmerzen habe sie in diesem Moment keine gehabt, sagt G. im Rückblick. «Aber ich spürte etwas Warmes und sah, dass es mein Blut ist.» Mit Armen und Ellenbogen habe sie versucht, ihr Herz zu schützen, das F. gezielt habe treffen wollen.

Nachdem sie zu Boden gesackt sei, habe er sich vor ihren Füssen hingekauert. «Er wartete, bis ich meinen letzten Atemzug mache», sagt G. Noch ehe F. gänzlich schwarz vor Augen wird, gelingt es ihr, dem Angreifer einen Tritt zwischen die Beine zu versetzen. Da sei er hingefallen und schliesslich weggerannt. Mit insgesamt acht Schnittverletzungen in Brust, Bauch, Oberschenkel, Oberarm und Hand wird G. ins Spital eingeliefert. Dass sie überlebt, ist laut dem rechtsmedizinischen Gutachter nicht selbstverständlich: «Wir hatten schon Todesfälle mit weniger Verletzungen im Bauch.»

«Hatte nicht Absicht, sie zu töten»

Der Beschuldigte, ein Mann mit stattlicher Figur und behäbigem Gang, der sich seit dreieinhalb Jahren im vorzeitigen Strafantritt befindet und sich unter anderem wegen versuchten Mordes und mehfacher Vergewaltigung verantworten muss, bestreitet sämtliche Vorwürfe des Opfers. Weder habe es in der Beziehung Streit gegeben, noch habe er sie gestalkt oder vergewaltigt. Zur Trennung sei es im Wesentlichen gekommen, weil sich die Kinder untereinander nicht verstanden hätten.

F.s Schilderungen zur Tat klingen reichlich konstruiert: In der Nähe von G.s Wohnung habe er sich aufgehalten, weil er sich dort mit seiner Tochter getroffen habe. Das Messer habe er bei sich gehabt, weil er es nicht in der Garderobe seines neuen Arbeitgebers habe lassen wollen. Zu seiner Ex habe er sich schliesslich begeben, weil sie ihn um einen Gefallen gebeten habe. Beim Hauseingang sei es zur Auseinandersetzung gekommen, sie habe ihn angeschrien und provoziert, weshalb er das Messer gezückt und auf sie eingestochen habe. Das sei «einfach passiert» und ein «dummer Fehler» gewesen, meint F.: «Ich bereue täglich, was ich getan habe. Ich hatte aber nie die Absicht, sie umzubringen.»

Ob das Gericht diesen Ausführungen Glauben schenken wird, wird sich in den folgenden beiden Tagen weisen. Die Plädoyers werden am Dienstag verlesen. Die Urteilsverkündung erfolgt voraussichtlich am Mittwoch.

*Namen der Redaktion bekannt

(sul)