Mitgegangen, mitgefangen

21. Januar 2020 17:26; Akt: 21.01.2020 17:26 Print

Ein Gefallen, der auf der Anklagebank endete

Drei Männer standen am Dienstag vor dem Regionalgericht in Thun. Sie sollen eine Volg-Filiale überfallen haben. Zwei von ihnen wollen von dem Plan nichts gewusst haben.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Wir wollten etwas trinken gehen, als plötzlich Sanel* anrief», erzählt ein 24-jähriger Angeklagter am Dienstag vor dem Regionalgericht in Thun. Er und ein Freund waren an einem Abend im Mai 2018 mit dem Auto unterwegs, als Anrufer Sanel sie um einen Gefallen bat. Einen Gefallen, der sie teuer zu stehen kommt: Doch das wollen sie damals noch nicht gewusst haben, wie sie vor Gericht aussagten. So fuhren die beiden Freunde Halid (25)* und Sajan (24)* ins Lerchenfeldquartier in Thun, wo Sanel und ein Jugendlicher bereits auf sie warteten.

«Sie fragten uns, ob wir sie nach Goldiwil fahren könnten», schildert Sajan. Sanel habe angegeben, er und sein Kollege wollten sich dort im kleinen Dorf oberhalb von Thun ein wenig Gras besorgen. Sie boten dem Fahrer 20 Franken als Entschädigung an.

Als das Auto losfuhr, ahnten die beiden Freunde auf den Vordersitzen nach eigener Aussage noch nicht, was gleich geschehen würde. Auch nicht, als Sanel und sein Kollege auf den Rücksitzen auf einmal mit einer CO2-Pistole hantierten, Handschuhe anzogen und eine Sturmmaske auspackten. Die beiden Fahrgäste filmten sich gegenseitig mit dem Handy, spielten an der Waffe herum und «fühlten sich wie echte Gangster», wie der Staatsanwalt vor Gericht ausführte.

Als das Auto in Goldiwil ankam, ging es aber allem Anschein nach nicht wirklich um den Kauf von Marihuana. Vielmehr betrat der Kollege von Sanel, der sich nun vor dem Jugendrichter verantworten muss, mit Sturmmaske und Waffe die dortige Volg-Filiale. Er bedrohte die Angestellten mit der Pistole und floh mit einer Beute von 2000 Franken zurück ins Auto. Das Quartett kam nicht weit: Wenige Minuten später wurde das Fahrzeug von der Polizei angehalten.

Diese Volg-Filale wurde im Mai 2018 überfallen

«Ich wusste nicht, was ich tun sollte»

Vom Raubüberfall und dem Video wollen Fahrer Halid und Beifahrer Sajan nichts gewusst haben, beteuern sie vor Gericht. Erst als der Kollege von Sanel mit der Sturmaske von seinem Überfall zum Auto zurück rannte, sei Sajan bewusst geworden, was da gerade passierte. «Er kam mit der Sturmmaske angerannt, dann hiess es von hinten, wir sollen losfahren», rapportieren sie vor Gericht.«Wir standen unter Schock, wussten nicht was wir tun sollten.» Auf die Frage des Staatsanwalts, warum sie nicht einfach ausgestiegen seien, sagte Sajan: «Jeder hätte gedacht, ich gehöre zu den Tätern. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.»

Dass die beiden Freunde überhaupt keine Ahnung hatten, was vor sich geht, glaubt ihnen der Staatsanwalt nicht: Spätestens auf der Fahrt nach Goldiwil, als Sanel und der jugendliche Haupttäter mit der Waffe herumfuchtelten und sich filmten, hätten die beiden wissen müssen, dass gleich eine richtige Straftat erfolgen würde. Er forderte deswegen, die beiden wegen Gehilfenschaft zu Raub schuldig zu sprechen. Zudem wird eine saftige Geldbusse gefordert.

Gefängnis, Geldbusse, Landesverweis

Auch Sanel, der den Raub mit seinem jüngeren Kollegen im Voraus geplant haben soll, sass am Dienstag als Angeklagter vor Gericht. Dies jedoch erst nach einer intensiver Suche durch die Polizei, die dessen Aufenthaltsort erst ermitteln musste.

Vor Gericht wirkte der 23-Jährige nun apathisch und hatte die ganze Zeit über die Augen geschlossen. Über seinen Anwalt liess er verlauten, dass er jegliche Aussage verweigere. Kurze Zeit später verliess er den Gerichtssaal wieder – in Begleitung der Polizei. Der Staatsanwalt fordert, Sanel wegen Raubes schuldig zu sprechen und beantragt eine unbedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten. Dazu kommen eine Geldstrafe und ein Landesverweis. Gegen den Haupttäter des Raubs, der Kollege von Sanel, läuft ein Verfahren vor dem Jugendgericht. Für alle Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

* Name der Redaktion bekannt

(rc)