Medizinischer Notfall in Lyss BE

27. März 2019 21:09; Akt: 27.03.2019 21:09 Print

Warum wird ein Zug unter Quarantäne gestellt?

Ebola, Milzbrand oder gar Radioaktivität: Warum wurde am Dienstagabend ein Zug der SBB in Lyss BE unter Quarantäne gestellt? Die Antwort überrascht.

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Die Regiobahn RE3375 von Bern nach Biel blieb um 20 Uhr am Bahnhof Lyss plötzlich stehen, «Wegen eines medizinischen Notfalls kommt es zu Verspätungen» hiess es über den Lautsprecher, erinnert sich R.S.*, die im Zug sass: «Obwohl wir beim Bahnhof hielten, durften wir den Zug nicht verlassen und die Türen blieben geschlossen.»

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Fast 30 Minuten mussten die Passagiere im Zug ausharren. «Ich habe dann vernommen, dass ein Mitreisender gegenüber der Zugbegleiterin sagte, dass er Tuberkulose habe. Als sich dann auch noch Polizisten und medizinisches Personal vor dem Zugwagen aufstellten, bekam ich ein mulmiges Gefühl», so die 28-Jährige. Panik sei jedoch keine ausgebrochen, auch bei den anderen nicht.

Polizei nahm Personalien ab

Schliesslich wurden die Zugtüren geöffnet und die Passagiere durften den Wagen verlassen, wurden jedoch sogleich von Polizisten in Empfang genommen. «Wir mussten unsere Personalien angeben, durften dann aber gehen», so die Bernerin.

Lediglich ein Passagier blieb zurück: «Er hat auf mich keinen kranken Eindruck gemacht, wurde jedoch von den Sanitätern betreut und mitgenommen.» Zurück blieben auch viele Fragen – bei R.S. und den anderen Passagieren.

«Angst und Schrecken bei Bevölkerung»

Die Kantonspolizei Bern hielt sich mit Informationen bedeckt. Die Rede war lediglich von «Verdacht auf eine möglicherweise übertragbare Krankheit». Sie wollte weder bestätigen noch dementieren, dass es sich um einen Tuberkuloseverdacht handelte – wegen des Persönlichkeitsschutzes.

Für Immunologe Beda Stadler ist die Aktion völlig unerklärlich. Es gebe sehr wenige Krankheiten, die solche Massnahmen rechtfertigen würden: «Etwa bei den hochansteckenden und sehr gefährlichen Ebola-Viren oder Milzbrand-Bakterien müssten die Behörden so reagieren. Auch denkbar wäre eine Situation mit radioaktiven Stoffen», so der emerierte Professor der Universität Bern. Er als Mediziner erwarte von den Behörden, dass sie klar und transparent kommunizieren würden: «Wenn das Handeln der Kapo selbst mir als Fachperson suspekt und merkwürdig erscheint, kann das bei der Bevölkerung für Angst und Schrecken sorgen.»

«Hier wurde massiv überreagiert»

Licht in den Fall liefert erst das Berner Kantonsarzt-Team. Dort ist der Fall bestens bekannt: «Es stand ein Verdacht auf Tuberkulose zur Diskussion, der sich nicht bestätigt hat», so Kantonsärztin Linda Nartey. Solche Massnahmen würden bei übertragbaren Erkrankungen angewandt, bei denen eine mögliche Ansteckung bei potentiell Angesteckten rasch erfasst werden müsse. Dies etwa, um eine Ausbreitung in der Bevölkerung oder eine schwerwiegende Erkrankung bei einzelnen Personen zu verhindern.

Immunologe Stadler hat dafür kein Verständnis: «Hier wurde massiv überreagiert – mehrmals. Tuberkulose rechtfertigt eine solche Aktion auf keinen Fall.» Die Krankheit sei nicht hochansteckend, «selbst wenn der Erkrankte bereits sehr hohes Fieber und starken Husten hatte, also ein sogenannter Ausscheider ist» und die ansteckenden Bakterien in hoher Zahl absondere. Der Nachweis von Tuberkulose erfolge in der Regel nicht unmittelbar: Dieser müsse in einem Labor erbracht werden.

Telefon vertreibt Sorgen

Um sich mit Tuberkulose anzustecken reicht ein Aufenthalt im gleichen Raum mit einem Kranken – dies jedoch mindestens über mehrere Stunden. Die Tuberkulose ist mit speziellen Antibiotika in den meisten Fällen gut behandelbar.

So weit kommt es jedoch für die Passagiere von RE3375 glücklicherweise nicht. Noch am selben Abend konnten sie durchatmen. Wie R.S. erzählt, klingelte um 22 Uhr ihr Telefon – es war die Kapo Bern: «Mir wurde mitgeteilt, dass keine Gefahr bestehe und alles in Ordnung sei.»

* Name der Redaktion bekannt

(cho)