Berner Brauchtum

01. Januar 2016 17:21; Akt: 01.01.2016 17:21 Print

Narren, alkoholisierte Küsse und freche Parolen

von Mira Weingartner - In der Neujahrswoche werden im Berner Oberland Bräuche gepflegt. Besonders ledige Männer kommen dabei auf ihre Kosten.

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Brauchtum und Tradition werden im Berner Oberland grossgeschrieben, sagt Harry John, Tourismusdirektor des Kantons Bern. Alte Bräuche haben in den dortigen Gemeinden auch im Jahr 2016 noch immer einen hohen Stellenwert.

So kommt in Kandersteg am Neujahrsmorgen keine Katerstimmung auf. Wie es das Brauchtum dort vorschreibt, müssen erst die bösen Geister aus dem Kandertal vertrieben werden: Am 1. Januar ziehen von Mittag bis in die späten Abendstunden die «Pelzmartiga» – in Felle gekleidete junge Männer – durch das Dorf. «Zwischen dem Ende der Schulzeit und dem Beginn der Rekrutenschule gehört es für Einheimische dazu, bei diesem Brauchtum mitzumachen», so Doris Wandfluh von Kandersteg Tourismus. Die jungen Einheimischen mischen sich dabei unter die Wintergäste des Oberländer Kurortes und erschrecken die Passanten mit lautem Kettengerassel und schellenden Treicheln.

Ledige Sigriswiler machen feuchtfröhliche Politik

Auch in den elf Dörfern der Gemeinde Sigriswil herrscht im neuen Jahr keine Ruhe: Die dortigen Neujahrgesellschaften – bestehend aus einheimischen Junggesellen – sorgen am «zweiten Jänner» für buntes Treiben. Verkleidet als umstrittene Politiker, lokale Persönlichkeiten oder freche Fasnachtsfiguren ziehen sie von Haus zu Haus und verbreiten feuchtfröhlich ihre Stammtisch-Politik. Ein Blatt vor den Mund nehmen sie dabei nicht – verziehen wird ihnen alles, das Brauchtum erlaubt es. Was heute der puren Unterhaltung dient, hat einen tiefgründigen Ursprung: Knechte konnten beim Hausieren Essen und Geld für die strengen Wintermonate sammeln und die jungen Männer trafen beim sogenannten «Schwarznen» auf einheimische Heiratskandidatinnen. Küsse werden auch noch heute verteilt, den ledigen Männern wird aber in erster Linie aufheiterndes Bier und wärmender Kafi-Schnaps angeboten.

In Interlaken sorgt nicht nur das kostenlose Neujahrskonzert Touch the Mountain in dieser Zeit für Stimmung. Tags darauf, am 2. Januar, wird die Stadt zwischen dem Brienzer- und Thunersee von wilden Gestalten heimgesucht: An der «Harder-Potschete» rennen Figuren mit geschnitzten Holzköpfen brüllend durch die Strassen, schnappen sich Zuschauer und Touristen. Zwar sollen diese Angst und Schrecken verbreiten, doch in erster Linie sind die einheimischen «Potschis» beliebte Fotomotive für Touristen. Der erste solche «Chlumlerumzug» fand bereits im Jahr 1611 statt. Damals forderten verkleidete junge Männer vom damaligen Interlakner Kloster ihre «Guet Jahresgab» ein: Brot, Wein und einen Churerbatzen erhofften sie sich davon.

Authentische Berner Oberländer

Dass die Oberländer stark an ihren Traditionen hängen, mache die Region sehr authentisch, meint Harry John, Tourismusdirektor des Kantons Bern. «Die heimischen Talschaften mit ihren Chören, Trychlergruppen und Musikgesellschaften führen die Bräuche nicht nur für Gäste durch – sie feiern für sich selbst, weil es einfach dazugehört», so der Touristiker. Das werde von Gästen geschätzt. «So ist das Berner Oberland auch in der Neujahrswoche eine sehr beliebte Ausflugsdestination.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mami am 01.01.2016 18:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Finde ich top! Weiter so Muss wohl mal den urlaub im oberland verbringen :-)

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  • Mensch am 01.01.2016 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    schönes Brauchtum

    Würde es diese authentischen Brauchtümer doch nur noch überall geben. Sind es doch genau jene, welche unsere Kultur und unseren Reichtum ausmachen. Schleichend gehen alte Traditionen aber verloren, schön, gibt es wenigstens noch einige davon in Bergtälern und weit ausserhalb des städtischen Lebens. Vielen Dank für diesen Artikel zum Jahresbeginn!

  • Pintelbäri am 01.01.2016 19:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    25.12/ Mitternacht-31.12 irgendwann

    Die beste,schönste, längste Woche ist die Trychelwoche in Meiringen. Mit dem sagenhaften Ubersitz.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Adriano am 02.01.2016 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Geister vertreiben

    Schön wäre es ja, wenn die schlechten "Geister" sich so vertreiben lassen würden. Im Alltag bleiben sie leider präsent.

    • Luchs am 02.01.2016 21:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Adriano

      Oder sind seit diesem Jahr im Amt!

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  • Schreier Barbara am 02.01.2016 11:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    In Kandersteg

    In Kandersteg hätte man gestern und an Weihnachten eine Umarmung von den Pelzmartigen und evtl auch Ende Januar wenn Kandersteg in Anno dazumal schlüpft!!!!!!

  • Anna am 02.01.2016 01:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mittelländerin

    Gehe seit einigen Jahren nach Interlaken ans Feuerwerk..Auch dieses Jahr wars wieder wunderschön.. ein merci den verantwortlichen

  • Studiosus am 01.01.2016 23:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vermummungsverbot

    Auch im Unterland sucht man krampfhaft nach Ausreden, um sich sinnlos zu besaufen, Tätlichkeiten und Sachbeschädigungen zu begehen und ungeschoren davon zu kommen. Meist nennen wir es einfach "sich besaufen" oder "sich die Lampe füllen". Ist auch sehr authentisches Brauchtum, v.a. wenn dazu wie im Oberland noch Auto gefahren wird.

  • Daniel am 01.01.2016 20:18 Report Diesen Beitrag melden

    Tratition

    Ist doch toll das wir noch solche gebräuche haben, doch wie lange noch? Bald müssen WIR rücksicht nehben auf andere Glaubens- und Religions Gemeindschaften und uns anpassen, sonst gelten wir als Rassisten. Das gibt es schon in unzähligen Beispielen in der Schweiz.

    • Mensch am 02.01.2016 08:07 Report Diesen Beitrag melden

      Antwort@Daniel

      Sie haben geschrieben, was ich nicht gewagt habe auszusprechen! Dabei gibt es auch, in anderen Kulturen wie bei uns ähnliches Brauchtum. Die Bräuche von denen hier berichtet wird, gehören wahrscheinlich alle zu den Raunächten, der Zeit zwischen Weihnachten ( Wintersonnenwende ) und Neujahr. Früher wurde in dieser Zeit Haus und Stall, Gut und Habe geräuchert, gesegnet und auf das neue Jahr vorbereitet. Es wurde Inne gehalten, nicht gewaschen etc. Brauchtum gehört zum urtümlichen des Menschen u. sind oft uralte Überlieferungen. Die Dogmen der Religionen haben eher gespalten als vereint.

    • Luchs am 02.01.2016 21:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Daniel

      Wir sind Die Schweizermacher, noch FRAGEN!!

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