Gewalt in der Schweiz

25. März 2020 16:58; Akt: 25.03.2020 19:37 Print

Zahl der Vergewaltigungen nimmt Jahr für Jahr zu

Die Statistik spricht eine klare Sprache: Die Zahl der registrierten Vergewaltigungen in der Schweiz hat in fünf Jahren um über ein Viertel zugenommen.

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679 Frauen wurden in der Schweiz 2019 vergewaltigt. Zu diesem Ergebnis kommt die schweizerische Kriminalstatistik, die diese Woche veröffentlicht wurde. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr um 8 Prozent gestiegen. Ein Wert, den Corina Elmer, Geschäftsleiterin der Opferhilfestelle Frauenberatung sexuelle Gewalt in Zürich, nicht erstaunt: «Die Zahl steigt seit 2015 Jahr für Jahr.» Um 27,6 Prozent ist sie seither gestiegen. Die Zahl bilde jedoch nicht die Realität ab. Elmer geht von einer immensen Dunkelziffer aus, weil nur ein Bruchteil der Vergewaltigungen von den Opfern gemeldet würden.

Dies aus dem Grund, dass viele Vergewaltigungsopfer in einen Loyalitätskonflikt gerieten. «Ein Grossteil der Sexualdelikte begeht nicht der Fremde nachts im Park», sagt Elmer. In rund 65 Prozent der Fälle würden sich Opfer und Täter kennen. «Es ist etwa der Ex-Partner oder ein guter Bekannter.»

Staat demütigt Frauen

Es stelle sich die Frage, ob es tatsächlich mehr Sexualdelikte gebe, oder mehr Opfer die Tat zu Anzeige brächten: «Ich denke, das zweite trifft zu», so Elmer. Das habe damit zu tun, dass das Thema enttabuisiert worden sei.

Laut Elmer führt jedoch nur «ein sehr kleiner Teil» der Anzeigen zu einer Verurteilung der Täter. Das Verfahren hier in der Schweiz sei nicht besonders zielführend: «Und es ist vor allem sehr demütigend für Frauen.» Das Verhalten des Opfers liege in der Schweiz im Fokus. «Die Betroffenen müssen sich nachweislich zur Wehr gesetzt haben.» Dabei wisse man heute, dass viele Frauen in solchen Situationen in Schockstarre verfallen. «Aber auch werden Frauen hier gefragt, ob sie aufreizende Kleidung getragen hätten», so Elmer weiter. Andere Länder seien deutlich weiter als die Schweiz, etwa Deutschland oder Schweden.

Bundesrat will ausgleichen

Der Bundesrat will jedoch nachziehen. Er hat den Auftrag, die Erneuerung des Sexualstrafrechts auszuarbeiten. Geplant ist, dass diese im Sommer in die Vernehmlassung geht, wobei wegen Covid-19 unklar ist, ob der Zeitplan eingehalten werden kann. Nationalrätin Tamara Funiciello (SP) hofft auf die Einführung des sogenannten «Yes Means Yes»-Prinzips. Demnach ist Sex nur einvernehmlich, wenn sich beide Partner dafür aussprechen. «Dazu braucht es keine Unterschrift oder ein lautes Ja, wie vor dem Standesamt», so die 30-Jährige. Es gehe darum, dies im Gesetz festzuhalten. Denn heute gelte: «Wenn sich eine Frau nicht körperlich wehrt beim Sex, ist es keine Vergewaltigung. Das ist archaisch und absurd», so die Bernerin, die Mitglied der Rechtskommission ist.

Nationalrätin und Juristin Sibel Arslan, ebenfalls in der Rechtskommission tätig, räumt einer solchen Lösung gute Chancen ein: «Im europäischen Vergleich würde die Schweiz sonst sehr alt aussehen.» Die Grünen-Politikerin rechnet nicht damit, dass die Zahl der Verurteilungen damit in der Schweiz massiv steigen würde: «Es geht vielmehr darum, dass das Strafrecht eine abschreckende Wirkung hat.» Zudem brauche es mehr Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit. So sei es wichtig, dass sexualisierte Gewalt in der Bildung behandelt werde – und auch, wo Frauen im Fall der Fälle rasch und einfach Hilfe finden würden.

Keine Zeit nach der Vergewaltigung

Die Rolle der Opferhilfestellen für Vergewaltigungsopfer ist entscheidend, sind sich Arslan und Corina Elmer von der Frauenberatung sexuelle Gewalt einig: «Was auf Geschädigte nach der Tat zukommt, kann ein weiteres Trauma auslösen», so Elmer. Viele Opfer würden sich nach der Tat medizinisch untersuchen lassen. Bei einer Vergewaltigung sind Mediziner verpflichtet, die Polizei einzuschalten. «Im schlimmsten Fall wird dann ein Opfer kurz nach der Tat auch noch stundenlang einvernommen.»

Ein Vorzeigeprojekt sei das Zentrum für sexuelle Gesundheit am Berner Inselspital. Spuren und Beweismittel werden dort nach einer Vergewaltigung für ein Jahr gesichert. Das Opfer kann dann Anzeige erstatten, wenn es sich bereit dazu fühlt. Seit 30 Jahren wird dies in Bern so praktiziert. Elmer: «Leider ist das noch nicht in allen Kantonen die gängige Praxis.»

(cho)