Bielersee-Drama

05. Juli 2012 10:45; Akt: 05.07.2012 11:19 Print

Seeraser wird wohl angeklagt

Vor bald zwei Jahren wurde Angela A. von einem Motorboot überfahren und getötet. Jetzt steht die Strafuntersuchung vor dem Abschluss. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es zu einer Anklage kommt.

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Am Abend des 11.7.2010 sind Stephan F. und Angela A. mit einem Gummiboot in der Nähe der St. Peterinsel im Bielersee unterwegs. Plötzlich rast ein Motorboot auf das Pärchen zu. Trotz Rufen und Handzeichen der beiden ändert das Motorboot seine Richtung nicht. Um sich zu retten, springen die beiden ins Wasser. Stefan F. kann sich in Sicherheit bringen, seine Freundin wird von der Schiffsschraube erfasst und getötet. Der Fahrer flüchtet. 13.7.2010: Eineinhalb Tage nach dem Unfall sind bei der Polizei Dutzende Hinweise eingegangen. Gesucht wird ein wein- oder alt-bordeauxrotes Schiff, das dem Typ «Boesch» oder «Pedrazzini» ähnlich ist. Der Bootsführer wird als 55- bis 65-jähriger Mann mit einer leichten Stirnglatze beschrieben. An Bord des Schiffes dürften sich weitere Personen aufgehalten haben. 14.7.2010: Die Polizei weiss nicht, in welchem Kanton das Boot immatrikuliert sein könnte. Es wäre auch denkbar, dass der Bootslenker sein Schiff noch am gleichen Abend aus dem Wasser gezogen und abtransportiert hat. Das hätte er bei einer Auswasserungsstelle tun müssen (siehe Karte). Zudem ist der Bielersee mit dem Neuenburger- und dem Murtensee verbunden. Über die mögliche Ursache des Unfalls wird spekuliert. Bootsbesitzer vom Bielersee berichten von Sauforgien auf dem See. Stephan F., der Freund der Verstorbenen, wendet sich derweil an den Todesfahrer: «Stell dich, damit Angela und ihre Familie Ruhe finden können.» 15.7.2010: Ein wichtiger Hinweis? Eine Bieler Motorbootlehrerin, die glaubt, das Boot am Tag der Tat im Bieler Hafen gesehen zu haben, meldet sich bei der Polizei. Ihre Beschreibung passt auf die Täterbeschreibung. 19.7.2010: Stephan F. ist an einem ruhigen Ort untergetaucht. Der Fokus richtete sich derweil auf einen gewissen Michel B. Er ist der Mann, den die Bieler Bootslehrerin gesehen hat. Vier Tage lang galt er als Hauptverdächtiger. Doch er sagt: «Ich bin unschuldig und habe ein reines Gewissen.» 28.7.2010: Beim Campingplatz Sutz transportiert die Seepolizei mit einem Schleppkahn ein verdächtiges Boot ab. Es handelt sich um ein 25-jähriges Motorboot vom Typ «Boesch». 30.7.2010: Der Verdacht erhärtet sich: Die Polizei bestätigt, dass gegen den 74-jährigen Mann Tatverdacht besteht und sein Boot abtransportiert wurde. Er und seine beiden Begleiterinnen, die am fraglichen Sonntag auf dem See unterwegs waren, bestreiten, mit dem Unglück etwas zu tun zu haben. Der Mann steht laut Polizeiangaben aber «im Zentrum der Ermittlungen».

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Am 11. Juli 2010 verlor Stephan F. seine Freundin Angela A. - sie starb beim tragischen Bootsunglück auf dem Bielersee. Nun, bald zwei Jahre nach dem Drama, gelangt die Staatsanwaltschaft Berner Jura-Seeland mit einem Schreiben an die Medien. Auch das letzte der in Auftrag gegebenen externen Gutachten sei jetzt erstellt, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. Ende Juli werde nun der der Tat verdächtigte Bootsführer U.T. ein letztes Mal vernommen. Dann erhalte dieser eine Frist, um allfällige letzte Beweisanträge zu stellen.

Obwohl die Staatsanwaltschaft derzeit von einer Anklage ausgehe, entscheide die zuständige Staatsanwältin erst am Ende des Verfahrens, ob sie den heute 75-jährigen Verdächtigten U.T. effektiv anklage. Das sagte der Sprecher der genannten Staatsanwaltschaft, Pascal Flotron, auf Anfrage.

Das Verfahren wurde mehrmals verzögert

Verzögert wurde das Verfahren, weil die Gutachten laut der Mitteilung teilweise «extrem komplexe» Fragen zu beantworten hatten. Deshalb verzögerte sich der Abschluss von einem der Gutachten immer wieder. Die Anklage werde nicht vor Ende September erfolgen, heisst es in der Mitteilung.

Am 11. Juli 2010 überfuhr ein Boot im Bielersee die 24-jährige Angela A. Deren Beine wurden von der Motorschraube der Jacht zerfetzt. Ihr Begleiter blieb unverletzt. Sie waren auf einem kleinen Gummiboot von der St. Petersinsel unterwegs in Richtung Lüscherz gewesen und sprangen ins Wasser, als sich das Boot näherte und nicht auswich.

Mutmasslicher Täter fuhr einfach weiter

Während die Frau verblutete, fuhr der Motorbootfahrer weiter, ohne sich um das Opfer zu kümmern. Der mutmassliche Täter U.T. betonte stets, er habe bei der Bootsfahrt nichts Aussergewöhnliches bemerkt. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Nach dem Unfall fahndete die Polizei tagelang nach dem flüchtigen Bootsführer. Aus der Bevölkerung gingen Hunderte von Hinweisen ein. Ende Juli 2010 teilten die Behörden mit, ein 74-jähriger Rentner aus der Region stehe unter dringendem Tatverdacht.

Das Boot des Mannes wurde beschlagnahmt. Die Suche nach Spuren des Opfers am Boot gestalteten sich schwierig.

(feb/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas Hinz am 05.07.2012 11:50 Report Diesen Beitrag melden

    Schlampige Ermittlungen?

    Es wurde ja offenbar einmal mehr massiv geschlampt bzw. dilettantisch vorgegangen bei den Ermittlungen, so wurde zumindest damals berichtet. Haben sich diese Vorwürfe mittlerweile verflüchtigt oder aber wollte sich einfach wieder einmal niemand dieser Sache annehmen und eine Untersuchung gegen die KP Bern aufgleisen? Immerhin hatte die Polizei doch damals am Boot des Hauptverdächtigen "aus Versehen" Spuren entfernt anstatt fachmännisch analysiert...?

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  • Sagaris am 05.07.2012 13:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tötung und Fahrerflucht

    Ein paar Jahre Bewährung und ein paar Franken Busse, so wird es aussehen. Was die Ermittlungen gekostet haben wollen wir gar nicht erst wissen.

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  • Traurig Aber am 05.07.2012 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Und Abstand zum Ufer?

    Mit einem Gummiboot ohne Motor darf man maximal 300m vom Ufer fahren. Wie war es hier?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Karl am 06.07.2012 21:35 Report Diesen Beitrag melden

    eher wie Motorsägen

    Schiffsschrauben sind eher wie Motorsägen

  • Martin am 06.07.2012 20:51 Report Diesen Beitrag melden

    Immer das selbe!

    Klar, es ist schlimm, keine Frage. Aber man kann jetzt nicht einfach alle Verantwortung auf den Bootsführer des Motorbootes abschieben. Oftmals ist es nicht so, wie es die "ach so gerechte Bevölkerung" dies empfindet! Es gibt für alles und mehr ein Gesetz in der CH. Zu gerne wird immer alles verzerrt und verdreht! So wie immer. Aber beim Gesetz sind es die Details, die den Unterschied ausmachen. Nicht toll, aber es ist so. Deswegen sollte man aufpassen, dass man sich nicht zum Deppen macht wegen weiss ich was, denn oft ist es anders. Das ist alles.

  • Martin am 06.07.2012 20:41 Report Diesen Beitrag melden

    Andere Frage:

    Bei Aussbordmotoren gibt es sogenannte Schärbolzen, die als Sollbruchstelle eingebaut werden, damit sie brechen, wenn die Schraube beispielsweise gegen einen Stein stösst. Gibt es das auch bei grossen Motorbooten oder nicht? Der hätte dann nämlich brechen sollen!

    • Tony R. am 08.07.2012 20:47 Report Diesen Beitrag melden

      Menschen sind nicht aus Stein

      Brechen wegen etwas Fleisch? Wohl kaum. Mich interessiert eher, warum das Boot nach dem Unfall tagelang versteckt blieb. Es war doch irgendwo! Auch die "Verheimlicher" werden hoffentlich vor Gericht kommen.

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  • Vanja Lienhard am 06.07.2012 09:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es geht um Menschenleben 

    Es ist traurig wie versucht wird die Schuld dieses dragischen Unglücks bei dem ein Mensch sein Leben verloren hat hin und her zuschieben und dies mit noch teilweise doch recht zynischem sarkasmus! Aus diesem Unglück muss man nun Lehren ziehen und Massnahmen ergreifen und wenn dies halt dann heisst für die Bootsfahrer es gibt mehr Regeln und Auflagen, dann ist dies wohl richtieg so. Der Verkehr auf dam Wasser nimmt immer mehr zu und das Bedürfniss von Wasseraktivitäten auch. Menschenleben geht vor eigener Vergnûgungssucht.

  • A. am 05.07.2012 22:07 Report Diesen Beitrag melden

    Natelortung?

    Wie sieht es mit dem Alibi des Verdächtigen aus? Oder was sagen seine Telekommunikationsdaten, die sollten ja seinen Aufenthalt recht genau protokollieren können?