Grosser Drogen-Prozess

04. November 2019 19:08; Akt: 04.11.2019 19:57 Print

So funktionierte das Kokain-Netzwerk

Sieben Männern wird am Berner Regionalgericht derzeit der Prozess gemacht. Sie waren Teil eines komplexen Drogenhändlerrings, der von Holland aus operierte.

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Die Berner Kantonspolizei konnte jüngst einen sensationellen Erfolg verbuchen: Gemeinsam mit der holländischen Polizei und den Bundesbehörden gelang es ihr, einen internationalen Drogenring zu zerschlagen. Seit Montag nun müssen sich die Beschuldigten vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland verantworten. Schon die 161 Seiten umfassende Anklageschrift zeigt: Die Sache ist hochkomplex. 20 Minuten liefert die wichtigsten Infos.

Der Prozess

Vor Gericht verantworten müssen sich zwei Kongolesen und fünf Nigerianer. Den sieben Männern im Alter zwischen 33 und 58 Jahren wird vorgeworfen, im grossen Stil am Kokainhandel beteiligt gewesen zu sein – unter anderem als Organisatoren, Transporteure oder Grossverteiler. 110 Kilogramm sollen sie laut Anklageschrift zwischen August 2014 und Juli 2015 von Holland in die Schweiz geschmuggelt haben.

Am Montag starteten die Einvernahmen der Beschuldigten. Ein 58-jähriger Kongolese gab zwar zu, an den Transporten beteiligt gewesen zu sein. Ihm sei aber über längere Zeit nicht klar gewesen, was er transportierte. Zudem habe er mit der Ware nach der Übergabe in der Schweiz nichts mehr zu tun gehabt. Dieser Darstellung widersprechen andere Beschuldigte. Der Mann zeigte sich ferner reuig: «Es war ein Fehler, mich an der Sache beteiligt zu haben.»

Für die weiteren Einvernahmen, Zeugenbefragungen und Plädoyers hat das Gericht einen ganzen Monat veranschlagt – das Urteil soll am 3. Dezember verkündet werden.

Die Ermittlungen

Dem Drogen-Netzwerk kamen Berner Polizisten am 1. März 2015 auf die Schliche, als sie zwei Männer in einem Auto kontrollierten. In einem Ersatzreifen entdeckten die Beamten vier Kilo Kokain. Die Ermittlungen zeigten, dass die beiden Männer nicht zum ersten Mal Kokain von Holland in die Schweiz gebracht hatten.

Zeitgleich ermittelten die Bundesbehörden gemeinsam mit Westschweizer Kantonen gegen ein Holland-Schweiz-Netzwerk. Dessen Transporteure brachten das Kokain in Fahrzeugen oder als Bodypacker im eigenen Körper in Schweizer Depots.

Fortan arbeiteten Bund und Kanton Bern eng zusammen. Mit Erfolg: Vier Monate nach der Verhaftung der beiden Transporteure stiessen die Fahnder bei einer Hausdurchsuchung im Raum Köniz auf einen Mann, der 201 Fingerlinge voll Kokain in seinem Körper ins Land geschmuggelt hatte. Bis im Frühjahr 2016 wurden weitere Beteiligte des Netzwerks festgenommen.

Das Netzwerk

Das Netzwerk war von Holland aus mit vier parallel agierenden Zellen in der Schweiz aktiv, an deren Spitze je ein oder zwei Familienclans standen, wie der Anklageschrift zu entnehmen ist. Diese vier Zellen waren unabhängig voneinander tätig, halfen sich bei Bedarf aber gegenseitig aus – insbesondere dann, wenn Drogenlieferungen bei Polizeikontrollen abgefangen wurden. Jede Zelle verfügte über eigene Drogendepots an diversen Orten, die sogenannte «Zelle Bern», der die sieben Beschuldigten im vorliegenden Prozess angehören, etwa in Köniz oder Worblaufen.

Die einzelnen Rollen

Das Netzwerk war streng strukturiert, die Rollen seiner Akteure klar verteilt:

Organisatoren Die Denker und Lenker des Systems: Sie koordinierten den Empfang des Kokains im Drogensammeldepot im Südosten Amsterdams (Zulieferung), organisierten und überwachten den Transport zum Zwischenhändler in die Schweiz, begleiteten telefonisch den Absatz an die Grosshändler und sorgten für die Rückführung der Transportgelder, wie die Staatsanwaltschaft schreibt. Die Kommunikation verlief fast ausschliesslich über die Organisatoren. Sie verfügten als einzige über sämtliche Telefonnummern der involvierten Personen, während andere Akteure lediglich die Nummern der Organisatoren besassen.

Fournisseure Die Eigentümer der Drogen in Holland. Sie nutzten das Netzwerk, um ihre Kokainfingerlinge in die Schweiz zu schmuggeln und sie dort zu vertreiben. Für Benzin und Transport bezahlten sie dem Netzwerk pro Fingerling einen Betrag von 10 Franken.

Transporteure Für sie gab es laut Anklageschrift drei Arten, das Kokain über die Grenzen zu schmuggeln: Entweder schluckten sie die Fingerlinge in einer Wohnung in Amsterdam und transportierten sie im Magen oder sie beförderten die Ware in einem präparierten Autoreifen. Auch kam es vor, dass die Transporteure Bodypacker, die von Holland nach Frankreich reisten, in Colmar abholten und in die Schweiz zum Rezeptionnaire führten. Später brachten die Transporteure das Geld zurück zu den Organisatoren in Holland. Ein beschuldigter Kongolese, der am Montagmorgen vor Gericht vernommen wurde, verdiente pro Fahrt 5000 Franken sowie weitere 500 Franken pro chauffiertem Bodypacker.

Rezeptionnaire Die Rezeptionnaire, auch Depotverwalter oder Zwischenhändler, leiteten ein Drogendepot in der Schweiz, waren für die Weiterverteilung des Stoffs an die Grosshändler zuständig und sammelten das Transportgeld. Pro Kokain-Fingerling à 10 Gramm mussten ihnen die Grossisten zwischen 50 und 60 Franken zahlen. Gegenüber den Organisatoren mussten sie ständig Rechenschaft ablegen, wie viele Drogen sie erhielten, wie viele bereits abgeholt wurden und wie viel Transportgeld sie einkassierten.

Grossisten Die Grosshändler waren in der Schweiz ansässig und holten ihre Kokain-Fingerlinge jeweils beim Rezeptionnaire ab. Hierfür übermittelte ihnen der Organisator in Holland die Rufnummer des Rezeptionnaires, mit dem sie dann telefonisch die Übergabe regelten. Im vorliegenden Verfahren konnten zwar Rufnummern und einzelne Gespräche Grossisten zugeordnet werden, identifiziert werden konnten sie aber nicht.

(sul)