«Tanz dich frei»

03. Juni 2012 15:13; Akt: 03.06.2012 18:27 Print

Sprayereien, Schlägereien und 20 Tonnen Müll

10 000 Partygänger zogen vergangene Nacht in einem Protest-Zug durch Bern. Sie hinterliessen einen riesigen Abfallberg sowie Sprayereien und Beschädigungen am Bundeshaus.

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In der Nacht auf den Sonntag, 3. Juni 2012, tanzten zehntausend Menschen durch die Innenstadt von Bern. Begleitet wurden die Tanzenden von Musikwagen, die mit ihrem Sound ordentlich einheizten. Unter dem Motto «Tanz dich frei» demonstrierten sie so für mehr Freiräume und weniger behördliche Beschränkungen. Am Tag nach «Tanz dich frei»: Viel Arbeit für die Putzequipe - die Sprayer schreckten auch vor dem Bundeshaus nicht zurück. Berns Innenstadt ist innert Stunden in eine Party-Meile verwandelt worden. Während des Umzugs wurden auch Knallpetarden gezündet. Die Polizei tolerierte den Umzug, zeigte sich aber sehr präsent. Die Menschenmasse feierte noch bis in die frühen Morgenstunden. Schon am frühen Abend hatten sich die ersten Demonstranten vor der Reitschule versammelt. Getanzt wurde überall - auch auf dem Dach einer Tramhaltestelle. Die Stimmung in Berns Strassen war ausgelassen. Der ganze Bundesplatz war gefüllt mit Tanzenden. Partygänger kletterten gar auf den Baldachin beim Berner Hauptbahnhof und zündeten Petarden. Die Demonstranten warteten auch mit originellen Spruchbändern ... ... oder symbolträchtigen Dekoelementen auf. Um fünf Uhr morgens gab die Berner Band Patent Ochsner bei der Reithalle noch ein Spontankonzert. Der Bundesplatz nach der Tanz-Demo. Am Rande kam es zu Schlägereien und Tätlichkeiten. Bei der Polizei gingen zudem unzählige Lärmklagen ein. Am frühen Morgen zeigte sich dasselbe Bild wie jeweils nach der Fasnacht und nach grossen Fussballspielen - die Strassen waren übersät mit Abfall und die Sanitätspolizei barg zahlreiche Alkoholleichen.

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Mehr als 10 000 junge Menschen haben die Berner Innenstadt in der Nacht auf Sonntag zur Party-Meile gemacht und gleichzeitig für mehr Freiräume demonstriert. Der bunte und lautstarke Umzug ging einigermassen geordnet über die Bühne.

Die Polizei liess die tanzfreudige Menge gewähren, obwohl sich die anonymen Organisatoren nicht um eine Bewilligung bemüht hatten. Ihr Aufruf zur Strassenparty hatte sich via Facebook in Windeseile verbreitet.

Der städtische Sicherheitsdirektor Reto Nause hat am Sonntag eine gemischte Bilanz der Tanz-Demo gezogen. Angesichts der grossen Menschenmenge sei der Anlass einigermassen geordnet über die Bühne gegangen, sagte Nause.

Allerdings habe es eine Reihe von Sachbeschädigungen gegeben, was sich unter anderem in Sprayereien und einem eingeschlagenen Fenster am Bundeshaus manifestiere. Vereinzelt sei es zu Schlägereien und zu Übergriffen auf Polizisten gekommen. Bei der Polizei seien überdies viele Lärmklagen eingegangen.

20 Tonnen Müll

Riesig sei der Abfallberg, den die Demo-Teilnehmer auf den Strassen zurückgelassen hätten. Rund 20 Tonnen Müll hätten entsorgt werden müssen, das sei die zweithöchste Menge der letzten Jahre. Nur an den Top-Tagen der Euro 2008 sei noch mehr Abfall auf der Strasse gelandet.

Die Sanitätspolizei musste gemäss Nause insgesamt zwölf Personen betreuen und sechs davon ins Spital transportieren. Hauptgründe waren Verletzungen infolge von Stürzen und die Folgen übermässigen Alkoholkonsums.

Nachtlebenkonzept in Arbeit

Nause sprach gemäss Gemeinderatsbeschluss für die ganze Stadtregierung. Er hielt fest, der Gemeinderat habe die Forderung nach mehr Freiräumen im Berner Nachtleben zur Kenntnis genommen und schenke diesem Anliegen weiterhin Aufmerksamkeit.

Dementsprechend sei zurzeit ein Nachtlebenkonzept in Arbeit. Allerdings seien die Möglichkeiten begrenzt durch übergeordnetes Recht von Bund und Kanton Bern. Der Stadtberner Gemeinderat sei also nicht der einzige Adressat des Jugend-Anliegens.

10 000 beteiligten sich am Umzug

Bei bestem Frühsommerwetter hatten sich laut Polizei mehr als 10 000 Menschen am Umzug von der Reitschule via Bahnhof und Zytglogge zum Bundesplatz beteiligt. Es war Berns grösste Jugendkundgebung seit November 1987. Damals hatte der Kampf um die Hüttensiedlung Zaffaraya die junge Generation auf die Strasse getrieben.

Der Anlass vom Samstag stand unter dem Motto «Tanz dich frei» und richtete sich in erster Linie gegen behördlich verfügte Beschränkungen des Berner Nachtlebens. Für manche Teilnehmer ging es auch um Kritik am Kapitalismus, und viele nahmen wohl einfach aus Freude am Happening teil.

Dem Aufruf angeschlossen hatten sich das autonome Kulturzentrum Reitschule, mehrere Gastrobetriebe, Nachtklubs, Linksparteien und Interessensorganisationen. Sie alle werfen den Stadtbehörden vor, die Bedürfnisse der Jungen zu verkennen und das Nachtleben ausdorren zu lassen.

Eine Art Street Parade mit Polit-Botschaft

Der Protest-Umzug startete kurz nach 21 Uhr. Rund ein Dutzend Sound-Mobiles befeuerten - wie bei der Street Parade - das tanzwütige Publikum auf dem Weg zum Bundesplatz. Während des Umzugs wurden regelmässig Knallpetarden gezündet.

Vor dem Hotel «Schweizerhof» flogen zudem Feuerwerkskörper gegen die Fassade. Mehrere Demo-Teilnehmer brachten sich in Gefahr, als sie die Überdachung beim Bahnhof bestiegen und sich in der Nähe der Fahrleitungen aufhielten.

Ein offizielles Ende der Kundgebung gab es nicht - bis in den Morgen hinein wurde an mehreren Brennpunkten getanzt, getrunken und gefeiert. Einen letzten Höhepunkt setzte die Berner Band «Patent Ochsner» in den Morgenstunden mit einem Spontankonzert vor der Reitschule.

(sda)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Ich verstehe nicht, wie alle Kritiker sogar bei einem solchen Event nur das negative sehen können. Es war ein Abend, der in die Geschichte der Stadt Bern einging. Die Atmosphäre war wunderbar, Leute zwischen 3 und 70 Jahren waren anwesend und hatten Freude an der Aktion. Wer dabei war, weiss, dass es ein spektakulärer Abend war. Wer nicht dabei war hat 1. vieles verpasst (politische Einstellung hin oder her) und soll 2. nicht über Dinge schimpfen, die er/sie nicht selbst miterlebt hat. Solche Anlässe sind wundervolle "Ausbrüche" aus dem immer gleichen Alltag. Ich bin froh, war ich dabei! – Berner

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Knut am 03.06.2012 04:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lerch sei Dand

    Das war ein sehr schöner und friedlicher Event! Danke Herr Lerch!

  • jeffrey am 03.06.2012 02:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    cool

    sieht aus wie Regimegegner aus dem Ausland. Ich finds gut wenn sich Junge einsetzten und selber bestimmen wollen und die Anliegen kundtun. Trotzdem sieht man auch div. Gefahren von Facebook etc. wenn die Politik dem Volkswillen nicht folgen will.

  • Lamebot am 03.06.2012 18:35 Report Diesen Beitrag melden

    10`000 ??

    Also ich weiss ja, dass an der BOTS/JSG in Basel jährlich 15`000 Leute vor Ort sind, aber das müssten min. 30`000 - 50`000 Leute gewesen sein!! Wer kommt auf eine Zahl wie 10`000?? Das wär gerade Mal eine Hallenstadion Menge Leute! Die halbe Stadt war am tanzen und das sollen 10`000 Leute sein???

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Die neusten Leser-Kommentare

  • R. Walther am 04.06.2012 22:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meinungen zum Thema "Allgemeinfinanzierung"

    Mir fällt auf, dass die meisten Beitäge die den Event beführworten entweder schreiben wie "geil" es war oder irgendwie die Abfallnenge zu rechtfertigen versuchen. Aber kein Beitrag (habe zwar nicht ganz alle gelesen) beschäftigt sich mit der Kritik, dass die Allgemeinheit die Kosten tragen muss. Damit es alle verstehen: die dafür aufgewendeten Steuergelder kommen von der Allgemeinheit. Diese Allgemeinheit geht täglich Arbeiten - das ist das Gegenteil von Party machen - um diese so genannten Steuern mit zu finanzieren. Mich würde mal interessieren, wie die Beführworter zu diesem Aspekt stehen.

  • R. Walther am 04.06.2012 22:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ähnliche Probleme im Dorf 

    @alle Bei und im Dorf fand diese Woche das seeländische Feldschiessen des Kantons Freiburg statt. Auch hier hatten wird - wenn auch in einem viel kleineren Ausmass - mit Vanalen und Abfall zu kämpfen. In einem Gebäude welches der Gemeinde gehört wurde ein Tisch zersägt, eine Statue wurde absichtlich beschädigt, und wurde Abfall in den Garten geworfen,... Ich frage mich einfach, wo dieses respekt- und rücksichtslose Verhalten noch hin führen wird.

  • R. Walther am 04.06.2012 22:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur 40, die sich nicht im Griff hatten?

    @Schwaller Fabienne Unter "sich im Griff haben" verstehe ich auch, dass man nich einfach Abfall auf die Strasse wirft (schliesslich muss der Steuerzahler hierfür genauso bezahlen wie für Vanalenakte). Oder ist es für Sie normal; dass man grössere Abfallmengen einfach auf die Strasse wirf? Nehmen wir mal an, dass jeder der rund 11'000 Teilnehmer (ich verwende Ihre Zahlen) versehentlich 10 Gramm Abfall verloren hat (Durchschnittswert). Somit haben alle Teilnehmer zusammen 110'000 Gramm bzw. 110 Kg versehentlich verloren. Zieht man diesen Wert von 2 Tonnen ab, kommt man immer noch auf eine Abfallmenge von rund 2 Tonnen (2 heisst ja nicht 2.0 sondern 1.5 bis 2.4999). Das heisst, jede der von Ihnen genannten 40 Personen die sich nicht im Griff hatten, hat 50 Kg Abfall auf die Strasse geworfen. Ich halte es doch eher für unwahrscheinlich, dass eine Person alleine soviel Abfall verursacht.

  • R. Walther am 04.06.2012 22:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    100 Gramm Abfall pro Person ist nicht wenig

    @Michael Aebischer Es werden ja verschiedenen Teilnehmerzahlen genannt. Bei 2 Tonnen Abfall a 18'000 Personen ergibt immerhin rund 0.1kg bzw. 100 Gramm Abfall pro Person. Klar sind das wesentlich weniger als 2 Kg. Aber trotzdem: Ich weiss nicht wie das bei Ihnen ist, nur soviel Abfall werfe ich bestimmt nicht auf die Strasse. Auch bei kleine Abfallmengen (Verpackungen von Kaugummis und ähnliches) würde mir nie in den Sinn kommen, diese (absichtlich) auf die Strasse zu werfen. Man kann ja mal etwas aus versehen verlieren, aber bestimmt nicht gleich 100 Gramm (wobei das ja nur der Durchschnitt ist).

  • Michelle am 04.06.2012 17:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein unvergessliches Erlebnis

    ihr habt einfach mühe mit allem was ihr nicht gewohnt seit. bei der fastnacht und beim zibelemärit sagt niemand was wegen abfall und betrunkenen. ich habe weder schlägereien noch aggressive menschen gesehen. in den gesichter waren die tollsten lachen und diese freude hat man gespürt. ob hiphoper, technoleute oder electroliebhaber, alles war vertreten und man feierte hand in hand. Ausserdem liest man ständig in den kommentaren negatives von anderen städtlern, ihr wart nicht dort und sorry aber bei euch schliesst nicht ein club nach dem anderen... In vielen städten könnt ihr in den ausgang wenn bei uns schon alles zu ist. So friedlich seine meinung zu sagen ist top. Dieser abend war ein erlebnis und ich werde dies nie in meinem leben vergessen. und zum abfall, all diese müllmänner erhalten mit sicherheit sonntagszulagen und könneen sich nächsten monat etwas schönes damit kaufen