Schweizer Städtepolitik

29. Januar 2019 05:54; Akt: 29.01.2019 05:54 Print

Biel ist die linkste, Bern die progressivste Stadt

Biel hat in den letzten 20 Jahren am linksten und Bern am progressivsten abgestimmt, wie eine Studie zeigt. Ein Grund dürfte in der Nähe der beiden Städte zur Westschweiz liegen.

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Vielen kommt zuerst der Aufstieg der SVP in den Sinn, wenn sie über die Veränderungen der Schweizer Politik in den letzten beiden Jahrzehnten sinnieren. Nicht minder prägend war jedoch eine zweite Entwicklung: Der Siegeszug der Linken in den Städten.

«Im Verlauf der letzten 20 Jahre haben sich die politischen Präferenzen in fast allen grösseren Städten nach links und die Wertehaltung in eine progressiv-liberale Richtung verschoben», heisst es in der Studie 20 Jahre Schweizer Stadtpolitik von Avenir Suisse, der die Auswertung von nationalen Abstimmungsergebnissen zugrunde liegt. Tendenziell gelte: «Je grösser eine Stadt, desto weiter links oben im zweidimensionalen Politik- und Wertespektrum befindet sie sich.»

Auffallend: Die Spitzenplätze im links-progressiven Viertel belegen zwei Städte im Kanton Bern. Oder wie Politologe Claude Longchamp unter Verweis auf die Studie am Montag twitterte: «Biel/Bienne beim Abstimmen neu die linkste, Bern die progressivste Stadt.»

Nähe zur Westschweiz als Einflussfaktor

Mit seinen rund 56'000 Einwohnern ist Biel lediglich die Nummer 10 unter den Schweizer Städten. Warum stimmt sie dennoch am linksten? «Die Nähe zum französischen Sprachraum spielt hier sicherlich eine Rolle», erklärt Fabian Schnell, Forschungsleiter bei Avenir Suisse. Die Westschweiz sei tendenziell weniger staatskritisch eingestellt als die Deutschschweiz. «Als Stadt an der Grenze zur Romandie ist Biel diesbezüglich stärker beeinflusst als andere Städte.»

Andererseits hat Biel bei gesellschaftspolitischen Themen wie Drogenpolitik, Abtreibung oder Migration in der Vergangenheit konservativer abgestimmt als etwa Bern, Basel oder Zürich. Schnell: «Kleinere Städte sind grundsätzlich konservativer eingestellt als grössere.»

Bern darf sich als progressiv-liberalste Stadt bezeichnen. Auch hier dürfte sich der Einfluss der Westschweiz bemerkbar machen, sagt der Ökonom. «Das Verständnis für eine andere Kultur ist ausgeprägter als in einer Stadt wie zum Beispiel St. Gallen, die weit vom Röstigraben entfernt liegt.»

Verschärfte Polarisierung zwischen Stadt und Land

Während sich die Städte in die linke und progressiv-liberale Richtung entwickelt haben, wurde die Bevölkerung der umliegenden Gemeinden im gleichen Zeitraum rechter und konservativer, wie die Studie weiter aufzeigt. Der Grund liegt Schnell zufolge in der sozialen Entmischung: «Menschen aus dem bürgerlichen Milieu wie Familien und Kleinunternehmer sind eher aufs Land gezogen, urban eingestellte Personen in die Stadt.»

Durch solche «Ghettos der Gleichgesinnten», wie Politologe Michael Hermann das Phänomen in einer Untersuchung nannte, habe sich der Graben zwischen den Städten und ihren Agglomerationen vertieft. Diese Polarisierung beobachtet Schnell mit Sorge: «In der dicht besiedelten Schweiz müssen Städte und umliegende Gemeinden gut miteinander auskommen. Wenn sich beide in ihre Schützengräben zurückziehen, wird es schwierig, politische Lösungen zu finden.»

(sul)