Bergier-Kommission

26. April 2013 22:07; Akt: 26.04.2013 22:16 Print

Streit um Anzahl abgewiesene Juden

Die Flüchtlingspolitik der Schweiz von 1939 bis 1945 gibt unter Historikern weiter zu reden. Im Zentrum steht die Frage, wieviele Juden abgewiesen wurden. Die Bergier-Kommission wehrte sich gegen Vorwürfe.

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Mitglieder der Bergier-Kommission stehen hinter ihren Aussagen zur Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg. Neuere Forschungsarbeiten widersprechen ihren Zahlen über abgewiesene Asylbewerber nicht.

An einer Diskussionsveranstaltung unter dem Patronat der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte (SGG) in Bern verwahrten sich die Historiker Georg Kreis und Jakob Tanner am Freitag gegen Versuche, die Arbeit ihrer Kommission mit einer «fragwürdigen Zahlendiskussion» in Misskredit zu bringen.

Um die Flüchtlingspolitik von 1939 bis 1945 war schon kurz nach Veröffentlichung des Kommissionsberichts im Jahr 1999 ein Zahlenstreit entbrannt. Die Experten hatten die Zahl der an der Grenze abgewiesenen Asylsuchenden auf rund 24'000 geschätzt. Wie viele von ihnen Juden waren, konnten sie nicht eruieren.

Aufgrund zweier Studien zur Rückweisungspraxis in Genf kamen Medien zum Schluss, die Schweiz habe während des gesamten Krieges nur rund 3500 Personen an der Grenze zurückgewiesen. Der französische Anwalt Serge Klarsfeld wiederum bezifferte das Total der abgewiesenen jüdischen Flüchtlinge seinerzeit auf «weniger als 5000».

Heute geht der ehemalige Nazi-Jäger sogar von höchstens 3000 weggewiesenen Juden aus, wie er unlängst gegenüber «Schweiz am Sonntag» erklärte. Klarsfeld stützte sich auf Forschungsarbeiten der Genfer Historikerin Ruth Fivaz, die die Wegweisungspraxis an der Grenze zu Frankreich untersucht hat.

Zahlen nicht verwechseln

Fivaz selbst warnte in Bern davor, die Zahl der weggewiesenen Flüchtlinge mit jener der weggewiesenen Juden zu vermengen und die Diskussion zu «instrumentalisieren», um die Bergier-Kommission anzugreifen. Sie bezifferte die Zahl der an der Grenze zu Frankreich zurückgeschickten Juden allein für die Zeit von 1942 bis 1944 auf rund 3300.

Guido Koller vom Bundesarchiv, das die Flüchtlingszahlen zuhanden der Kommission errechnet hatte, erinnerte daran, dass von den geschätzten 24'400 abgewiesenen Asylsuchenden allein 9700 im Wegweisungsregister der Polizeiabteilung dokumentiert seien.

Kein neuer Flüchtlingsbericht

Das Thema schaffte es unlängst auch in die Fragestunde des Nationalrats. Der Bundesrat begrüsste zwar in seiner Antwort die Anstrengungen der Wissenschaft, Licht ins Dunkel um die abgewiesenen Flüchtlinge zu bringen. Die Archive der Schweiz und ihrer Nachbarländer stünden auch allen Forschenden offen.

Der Bundesrat lehnte es jedoch ab, das entsprechende Kapitel des Bergier-Berichts überarbeiten zu lassen, um, wie es der Fragesteller formuliert hatte, allenfalls die auf der Aktivdienstgeneration lastende «Schmach» zu tilgen.

(aeg/sda)