Akuter Lehrermangel

12. August 2018 16:30; Akt: 12.08.2018 19:14 Print

Jetzt müssen Studenten Berner Kinder unterrichten

von Benjamin Lauener - Im Kanton Bern startet am Montag das neue Schuljahr. Vor vielen Klassen werden aber keine voll ausgebildeten Lehrer, sondern Studenten stehen. Die Meinungen dazu sind gespalten.

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Ab Montag werden 30 Studenten der Pädagogischen Hochschule (PH) an 20 Schulen im Kanton Bern unterrichten. Sie besitzen zwar kein Diplom, aber es gibt zu wenig Lehrer, um alle Stellen zu besetzen. Die PH betont, dass es sich dabei um eine äusserste Notmassnahme handle. Sina Dumont ist eine dieser Stellvertreterinnen. Normalerweise müsste sie noch zwei weitere Semester die Schulbank drücken, bevor sie ganz alleine eine Klasse führen darf. Doch sie meldete sich, als bei der Hochschule Anfragen nach Feuerwehrlehrkräften eingingen. Dumont wird ab Montag vor einer Klasse der Primarschule Lauterbrunnen stehen. Dumont steht der bevorstehenden Erfahrung positiv gegenüber. Vor allem, weil sie durch Schulleitung, Hochschule und andere Lehrer besonders unterstützt wird: «Besser kann man es gar nicht haben. Wenn ich erst nach dem Studium zu unterrichten beginne, dann erhalte ich keine solche Betreuung», sagt Dumont. Beat Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer, äussert Vorbehalte: «Studenten einzusetzen ist eine absolute Notmassnahme. Ich will ja auch nicht von einem Arzt operiert werden, der noch nicht fertig studiert hat.» Zwar sei eine solche Stellvertretung eine Chance für angehende Lehrpersonen, aber die Verantwortung sei gross: «Die PH-Studierenden müssen beispielsweise auch mit schwierigen Eltern auf Augenhöhe über die schulische Zukunft eines Kindes diskutieren können.» Als Notlösung sei der Einsatz von PH-Studenten aber sinnvoll. Erwin Sommer von der Berner Erziehungsdirektion sagt, mittel- und langfristig täte man gut daran, den Studiengang für die Primarstufe attraktiver zu gestalten. Eine mögliche Massnahme: Mehr Lohn. Nach wie vor stehen die Berner Lehrer im interkantonalen Vergleich schlecht da.

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Ohne sie könnten viele Kinder nicht zur Schule gehen: An 20 Schulen im Kanton Bern werden ab Montag 30 Studenten der Pädagogischen Hochschule (PH) unterrichten. Sie besitzen zwar kein Diplom, aber es gibt zu wenig Lehrer, um alle Stellen zu besetzen. Die PH betont, dass es sich dabei um eine äusserste Notmassnahme handle, wie die «Berner Zeitung» (kostenpflichtiger Artikel) berichtete.

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«Besser kann man es gar nicht haben»

Sina Dumont ist eine dieser Stellvertreterinnen. Die 22-Jährige studiert seit vier Semestern an der PH, um das Primarlehrdiplom zu erhalten. Normalerweise müsste sie noch zwei weitere Semester die Schulbank drücken, bevor sie ganz alleine eine Klasse führen darf. Doch sie meldete sich, als bei der Hochschule Anfragen nach Feuerwehrlehrkräften eingingen. Dumont wird ab Montag vor einer Klasse der Primarschule Lauterbrunnen stehen.

Sie steht der bevorstehenden Erfahrung positiv gegenüber. Vor allem, weil sie durch Schulleitung, Hochschule und andere Lehrer besonders unterstützt wird: «Besser kann man es gar nicht haben. Wenn ich erst nach dem Studium zu unterrichten beginne, dann erhalte ich keine solche Betreuung», sagt Dumont.

«Mit schwierigen Eltern diskutieren»

Doch es gibt auch Vorbehalte zur vorübergehenden Lösung. Beat Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, sagt zu 20 Minuten: «Studenten einzusetzen ist eine absolute Notmassnahme. Ich will ja auch nicht von einem Arzt behandelt werden, der noch nicht fertig studiert hat.»

Zwar sei eine solche Stellvertretung eine Chance für angehende Lehrpersonen, aber die Verantwortung sei gross: «Die PH-Studierenden müssen beispielsweise auch mit schwierigen Eltern auf Augenhöhe über die schulische Zukunft eines Kindes diskutieren können.»

Berner Lehrer verdienen wenig

Als Notlösung sei der Einsatz von PH-Studenten aber sinnvoll. «Das ist immer noch besser, als jemanden ohne Ausbildung vor eine Klasse zu stellen», so Zemp. Dies sei im Kanton Bern anders als etwa in Zürich möglich, falls die Schulleitung bis zum Unterrichtsbeginn keine ausgebildete Lehrperson gefunden habe.

Eine langfristige Lösung ist der Einsatz von Studenten also nicht. Wie Erwin Sommer von der Berner Erziehungsdirektion in der «Berner Zeitung» fordert, müssten Lehrer kurzfristig weiter dazu animiert werden, Kleinstpensen zu erhöhen. Derzeit arbeitet über ein Drittel der Pädagogen im Kanton weniger als 50 Prozent. Laut Sommer täte man mittel- und langfristig gut daran, den Studiengang für die Primarstufe attraktiver zu gestalten. Eine weitere mögliche Massnahme, die er erwähnt: «Konkurrenzfähiger Lohn». Diesbezüglich stehen die Berner Lehrer im interkantonalen Vergleich schlecht da.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • PH-Studentin am 12.08.2018 16:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Chance

    Leider lernen wir an der PH nicht, wie wir mit schwierigen Eltern umgeht. Und auch sonst nicht, wie man unterrichtet. Diese Chance für die Studenten ist die beste Ausbildung, welche sie erhalten können. Auch ist der Unterricht durch Studenten nicht zwingendermassen qualitativ schlechter als der von Lehrkräften mit Diplom.

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  • Utta am 12.08.2018 17:45 Report Diesen Beitrag melden

    Besserwisser Eltern, Lohn, Anstand

    Bei diesen Bedingungen heute, ist es halt schon sehr schwierig noch Lehrkräfte zu finden. Hut ab vor jeder und jedem der heute noch Lehrer ist. Ich könnte es auf jeden fall nicht.

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  • fredy niederer am 12.08.2018 17:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    eltern sei dank

    ich würde auch nicht unterrichten wollen, wenn man eh immer alles verkehrt macht und das noch zu einem hungerlohn.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • josin eggimann am 13.08.2018 23:43 Report Diesen Beitrag melden

    Schulleitung

    Das Kernproblem liegt nicht bei den Lehrern, dem Elternteil oder dem Lehrbetrieb, sondern bei den SCHULLEITUNGEN. Als ehemaliger Lehrer musste auch ich von der Schulleitung Erniedrigungen und Belehrungen anhören vom schlimmsten. An unserer Schule in B. wurden gleichsam vier Lehrer weggemobbt. Das spricht sich um und ist nicht förderlich.

  • Alex Vorburger am 13.08.2018 12:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Akademische Ignoranz

    Frau Dumont steht der bevorstehenden Erfahrung als studentische Lehrkraft positiv gegenüber: Weil sie u.a. durch andere Lehrer besonders unterstützt wird. Genau eine solchen Aussage legt die offensichtliche Ignoranz der Bildungstheoretiker offen: Die Ausbildung zur Lehrperson ist Sache der Ausbildungsstätten und nicht der Lehrerkollegen. Solange man aber dort dermassen simple Zusammenhänge ignoriert, wirken deren Klagen über Lehrermangel nicht nur dilettantisch, sondern sind auch selbstentlarvend.

    • Lehrer am 13.08.2018 13:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Nun!

      Es leuchtet nicht ganz ein, was sie hier mitteilen wollen. Sollte mit "ist" im Satz über die Ausbildung nicht "sei" gemeint sein? Ich selber arbeite seit bald 30 Jahren im Lehrerberuf und mit Abstand am meisten lernte ich durch erfahrene Lehrpersonen, ganz sicher nicht von Ausbildungsstätten, an denen Theoretiker über irgendwelche Statistiken und Studien dozieren. Das Lehrerseminar war eine sehr gute Lösung. Die Studentin hat absolut recht und sie wird vielleicht mehr von dieser Situation profitieren als wenn sie nur an einer Bologna Hochschulausbildung Creditpünktchen gesammelt hätte!

    • Alex Vorburger am 13.08.2018 14:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Lehrer

      Danke der Nachfrage. Unter Ausbildung verstehe ich den - möglichst nicht unnötigen - theoretischen Hintergrund, der zur Bewältigung der Praxis beitragen soll und dies ist Sache der PH. Betr. des von Ihnen erwähnte Lernens von Kollegen bin ich ganz Ihrer Meinung, inkl. Seminar. Das wäre dann kollegiale Unterstützung - die tatsächlich nicht von PHs geleistet werden kann. Wenn nun aber StudentInnen vor Beendigung des Vermittelns des theoretischen Rüstzeugs in die Praxis gelangen, brauchts gezwungenermassen mehr kollegiale Unterstützung - in Zeiten von Lehrermangel und administrativem Überfluss.

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  • Monika Sigrist am 13.08.2018 12:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grausame Entwicklung

    Schlussfolgerung: Es scheint mir,den Kommentaren zu entnehmen, dass sich sehr viele Lehrpersonen unter den schreibenden befinden. Zusammenfassend, wütige Lehrer die finden, dass sie zuwenig versienen, zuviel arbeiten, einen der strengsten Berufe innehaben, zuwenig Ferien um sich die nötige Erholung zu gönnen und sich zuguterletzt mit dem schlimmsten Klientel auf Erden abgeben müssen, nämlich den abartigen unerzogenen Kindern mit den allen ungebildeten bösartigen Eltern und dessen Anwälten. So viele gebeutelte ausgenommene gequälte Lehrer. Warum arbeitet ihr noch immer als Lehrer?

    • Alex Vorburger am 13.08.2018 12:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Monika Sigrist

      Etwas haben Sie noch vergessen: Lehrpersonen, die sich Kommentare wie Ihren anhören müssen - tatsächlich mit ein überzeugender Grund, den Lehrberuf nicht zu ergreifen.

    • Monika Sigrist am 13.08.2018 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alex Vorburger

      Vielleicht müssen noch viel mehr Lehrer ihren Dienst quittieren! Manchmal braucht es solche Massnahmen um das Schiff in eine Kursänderung zu zwingen! sehen Sie das mal von dieser Seite! Mit jammern über schreckliche Umstände ist es leider nicht getan wie man sieht und liest! Schönen Tag wünsch ich Ihnen

    • Beobachter am 13.08.2018 13:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Monika Siegrist Nun!

      Sie hören sich an, wie eine frustrierte Mutter, die sich selbst überschätzt oder eine Schulsekretärin, die ihre Kompetenzen schlicht überschreitet...!

    • Alex Vorburger am 13.08.2018 14:09 Report Diesen Beitrag melden

      @M. Sigrist

      In dieser Formulierung kann ich Ihrem Kommentar zustimmen.

    • Heidi Heidnisch am 13.08.2018 18:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Monika Sigrist

      Es arbeiten ja immer weniger als Lehrer. Das ist doch gerade das Problem...

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  • Jojo am 13.08.2018 11:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kantönligeist

    Das Problem ist einfach, dass Berner Studenten oft nicht in Bern Stellen besetzen, sondern lieber in anderen Kantonen arbeiten (z.B. Zürich) ... und das liegt schon auch am Lohn. In Zürich gibt es in der Primarschule keinen Mangel, nur im Kindergarten, da man dort auch wieder weniger verdient. Man bekommt für 100% Arbeit nicht 100% Lohn... also zeigt das ja, dasses immer ums Geld geht!

    • Ex-Schüler am 15.08.2018 19:50 Report Diesen Beitrag melden

      Doppelmoral

      Aber die Lehrpersonen empfehlen den Schülern bei der Berufswahl nicht auf die Einkommensperspektiven zu schauen, sondern einen Beruf zu erlernen, der ihnen gefällt.

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  • Mami eines Erstklässlers. am 13.08.2018 10:56 Report Diesen Beitrag melden

    Das kleinere Übel

    Lieber eine(n) motivierten Studenten / Studentin, als einen emerittierten Pauker, der widerwillg seinen beschaulichen Ruhestand unterbrechen muss.

    • Minou am 13.08.2018 11:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mami eines Erstklässlers.

      Er muss gar nichts.

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