Super-Recognizer

30. Juli 2019 19:12; Akt: 30.07.2019 19:12 Print

Gesichtsprofis sollen uns vor Terrorismus schützen

von S. Ulrich - Super-Recognizer erkennen ein Gesicht, das sie nur einmal flüchtig gesehen haben, auch nach Jahren wieder. Deshalb sind sie für die Polizei von grossem Interesse – auch in der Schweiz.

Neurowissenschaftlerin Meike Ramon erklärt, was Super-Recognizer sind und warum sich die Polizei so sehr für sie interessiert. (Video: sul)
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Im Alter von zehn Jahren weilte Carina* mit ihrer Familie in den Badeferien in der Türkei. Im Hotel machte die Familie die flüchtige Bekanntschaft mit einem deutschen Ehepaar und dessen Kindern. Es folgte ein bisschen Small Talk an der Hotelbar in Gesellschaft weiterer Gäste. Es blieb bei der zwanglosen Begegnung, die Wege trennten sich nach diesem Abend für immer – bis Carina die Familie eines Tages am Flughafen in Bari (I) wiederzuerkennen glaubte.

Ihre Eltern reagierten ungläubig und verblüfft, konnten sie sich doch kaum mehr an den damaligen Urlaub erinnern. Doch Carina lag richtig, wie sich im Nachhinein herausstellte: Sie konnte die Gesichter der Familie zehn Jahre nach der ersten Begegnung identifizieren.

Normalsterblichen gelingt es lediglich bei Verwandten oder langjährigen Schulfreunden, deren Gesichter auch nach längerer Zeit richtig zuzuordnen. Anders verhält es sich bei sogenannten Super-Recognizern, zu denen auch Carina zählt: Sie können eine Person, die sie nur ein einziges Mal zuvor gesehen haben, auch viele Jahre später an ihrem Gesicht erkennen – auch wenn sich dieses altersbedingt stark verändert hat. Solche Ausnahmetalente der Gesichtserkennung sind rar: Experten gehen von ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung aus.

Super-Recognizer wird man nicht, man ist es

Zu den weltweit führenden Super-Recognizer-Forscherinnen gehört Meike Ramon (38), zu deren Probandinnen auch Carina gehört. Die kognitive Neurowissenschaftlerin an der Universität Freiburg beschäftigt sich seit gut vier Jahren mit den Gesichtsprofis. Erst etwas mehr als doppelt so lange, seit 2009, gibt es den jungen Forschungszweig. Es erstaunt daher wenig, dass es aktuell mehr Fragen als Antworten zum Phänomen gibt. «Wir wissen aber, dass die Fähigkeit, Gesichter zu verarbeiten, zu einem grossen Teil angeboren und nur bedingt trainierbar ist», sagt Ramon. Und: «In Bezug auf andere Fähigkeiten scheinen sich Super-Recognizer den bisherigen Forschungsergebnissen zufolge nicht von anderen Menschen unterscheiden.» Weder haben sie ein aussergewöhnliches Gedächtnis, noch sind sie überdurchschnittlich intelligent.

Super-Recognizer helfen Polizei bei Fahndung

Worauf hingegen das Talent der Super-Recognizer beruht, warum sie unbekannte Gesichter offenbar effizienter verarbeiten, ist noch weitgehend ungeklärt. «Fest steht, dass sie sich viel weniger als der Durchschnitt von identitätsirrelevanten Unterschieden wie altersbedingten Veränderungen, dem Tragen einer anderen Frisur oder der Qualität eines Fotos beeinflussen lassen», sagt Ramon. In dieser Hinsicht sind sie nicht nur ihren Mitmenschen überlegen, sondern auch jeder automatischen Gesichtserkennungssoftware.

Londoner Polizei als Wegbereiter

Genau deshalb sind die Ausnahmetalente nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Polizei von grossem Interesse. In der Straffahndung konnten Super-Recognizer bereits mehrfach ihre Effizienz unter Beweis stellen. So etwa 2014 im Falle der ermordeten Britin Alice Gross: Das 14-jährige Mädchen verliess an einem Sommertag das Haus und kehrte nicht mehr zurück.

Eine Super-Recognizer-Spezialeinheit der Londoner Polizei – die erste weltweit – sichtete etliche Stunden Videomaterial von örtlichen Überwachungskameras. Auf einer Aufnahme entdeckten sie das Mädchen, wie es von einem kaum erkennbaren Mann auf einem Fahrrad verfolgt wurde. Beide verschwanden in einem Waldgebiet. Auf einer anderen Aufnahme erkannten die Gesichtsprofis denselben Mann, wie er in einem Laden Bier kaufte und anschliessend in den Wald zurückkehrte. So konnte der Täter letztlich ermittelt werden.

Auch die Kölner Polizei nahm nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015/2016 die Dienste der Londoner Spezialeinheit in Anspruch. Die Super-Recognizer machten auf dem Videomaterial die Frauen ausfindig, die angegeben hatten, belästigt und beraubt worden zu sein, und verfolgten deren Weg zurück, bis die Opfer auf die Täter trafen. Auch hier konnten auf diese Weise einige Tatverdächtige identifiziert werden. «Das Interesse an Super-Recognizern bei der Straffahndung ist nach wie vor gross», sagt Ramon.

CH: Hilfe bei Aufklärung von Raubüberfällen

Auch in der Schweiz. Hier nimmt die Kantonspolizei Freiburg eine Vorreiterrolle ein. Bereits 2016 hatte sich die Kapo im Rahmen von Ermittlungen wegen zweier bewaffneter Raubüberfälle an Ramon gewandt. «Die Polizei hatte verschiedene Fährten und Verdächtige, die sie mithilfe von Super-Recognizern eingrenzen wollte», erklärt Ramon. Ihren Testpersonen wurden die Aufnahmen der Überwachungskameras gezeigt, auf denen die Täter mit Sonnenbrille und Baseballcap bekleidet waren. Das Videomaterial glichen sie dann mit den Bildern von Verdächtigen ab.

Der Einsatz hat sich gelohnt: «Die Erfahrungen waren positiv und konnten die Ermittlungen weiterbringen», sagt Kapo-Sprecher Jona Friedrich. Künftige Kollaborationen zwischen der Polizei und den Gesichtsprofis könnten laut Friedrich darin bestehen, «Verbindungen von verschiedenen Fällen zu schaffen, indem man Bild- oder Videomaterial miteinander vergleicht». Ramon betont allerdings, dass es sich derzeit primär um eine wissenschaftliche Zusammenarbeit handle; konkrete Einsätze von Super-Recognizern in der Kriminaitätsbekämpfung kehrten nicht regelmässig wieder.

Bei der Kantonspolizei Bern ist aktuell keine Zusammenarbeit mit Super-Recognizern geplant. «Grundsätzlich verfügen aber unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich hauptsächlich mit Fahndungs- und Auswertungsaufgaben befassen, selbst über individuell ausgeprägte Fähigkeiten und Kenntnisse, die in ihrer entsprechenden Tätigkeit besonders wertvoll sind», sagt Sprecher Dominik Jäggi. Neben der guten Merkfähigkeit im Bereich der Gesichtserkennung gehöre dazu etwa das Erkennen und Wiedergeben von Zahlenkombinationen und -abfolgen, was vor allem im Bereich der Fahrzeugfahndung anhand von Kontrollschildern durchaus von Vorteil sein könne.

Testverfahren zur Erkennung von Super-Recognizern

Gemeinsam mit dem Landeskriminalamt (LKA) Berlin entwickelt Ramon derzeit ein Testverfahren, um Super-Recognizer in den Reihen der Polizei ausfindig zu machen. Nach einer Pilotphase soll im ersten Quartal des kommenden Jahres ein möglichst grosser Teil der über 25'000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Berliner Polizei getestet werden. Simon Rjosk vom LKA-Strategiemanagement schwebt vor, dass Super-Recognizer vor allem bei «herausragenden Lagen» eingesetzt werden: «Sie könnten zum Beispiel bei der Aufklärung oder sogar bei der Verhinderung von Terroranschlägen von besonderer Bedeutung sein.»

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • peter smolka am 30.07.2019 19:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genau

    Genau das wollt ihr, uns schützen. Das ist für das hier das ihr uns noch mehr kontrollieren könnt, aber durch die Medien wollt ihr natürlich die breite Masse für dumm verkaufen. Aber es klappt ja. :)

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  • Spartan am 30.07.2019 19:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Forget it

    Uralte Geschichte. In GB gibts das schon ewig.

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  • Fabiano am 30.07.2019 20:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Macht vorwärts

    Helft den Flüchtlingen vor Ort dass sie gar nie fliehen müssen anstatt sie hierher zu locken.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Leser am 31.07.2019 16:02 Report Diesen Beitrag melden

    Die Leute wo alles frei geben erkennen es selbe ni

    Die Leute wo alles frei geben erkennen es selbe nicht, aber viele Kommentarschreiber haben es schon lange erkannt. Kommentarregeln ist für die LEUTE egal wo die Kommentare frei geben. Ich amüsiert euch noch darüber wenn die Leute sich gegenseitig angreifen. Einfach selber zu euch EHRLICH sein wenn eurer Verstand es zulassen würde.

    • Leser am 31.07.2019 16:09 Report Diesen Beitrag melden

      Es ist die Wahrheit:

      Es ist die Wahrheit: Ihr amüsiert euch noch darüber wenn die Leute sich gegenseitig angreifen. Einfach selber zu euch EHRLICH sein wenn eurer Verstand es zulassen würde.

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  • Bürger am 31.07.2019 15:51 Report Diesen Beitrag melden

    Die wo Kommentare frei geben

    Die wo Kommentare frei geben, die denn nicht über das nach. Wenn Leserin und Lesser sich gegenseitig angreifen in den Kommentaren. Wer die Kommentare freigibt, kennt nicht wirklich selber die Kommentarregeln. Seid endlich zu euch selber mal Ehrlich

  • Wanted am 31.07.2019 12:26 Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Grenzkontrollen nutzt das nichts

    Man hat es ja gesehen der Verrückte kam problemlos bis nach Deutschland.

  • Ötz am 31.07.2019 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    Und trotzdem....

    Die Super Recognizer kommen erst nach der Tat zu Einsatz....

  • Avenarius am 31.07.2019 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Say. "Oachkatzlschwoaff "

    Beim Grimassenschneiden funktionieren diese Dinger nicht mehr. Also freut euch künftig auf witzige Begegnungen im Flughafen-Flur.