Täuschend echte Babypuppen

05. März 2019 05:43; Akt: 05.03.2019 05:43 Print

«Die meisten pflegen Reborns nur als Hobby»

Reborn-Babys boomen und werden in vielen Facebook-Gruppen zum Verkauf angeboten. Die Meinungen gehen indes stark auseinander. 20 Minuten sprach mit einer Solothurner Rebornerin.

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«Das Babyglück nochmals geniessen»: Carole Strässle-Pilloud stellt Reborn-Babys her. Wer denkt, hier schlafe ein kleiner Junge, irrt sich gewaltig. Bei diesem Baby handelt es sich lediglich um eine echt aussehnde Puppe. Die Knirpse müssen nicht geboren werden, sondern können in einer Kartonschachtel nach Hause geliefert werden. Der Handel mit den Puppen läuft. Auch auf Berner Facebook-Seiten wird mit den lebensechten «Spielzeugen» gedealt. Der Neupreis des Babys ist 700 Franken. Die Besitzerin ist aber bereit, über den Preis des Buben zu verhandeln. Für die einen sind die Babys eher gruslig, für andere sind die Reborn-Puppen ein Lebensinhalt. Gruslig oder süss? Fakt ist: Erwachen wird dieses Baby namens Priscilla nie. Reborn-Mütter attestieren ihren Knirpsen gern besondere Eigenschaften. Wie die Schweizer Reborn-Community auf Instagram schreibt, mag dieses Baby Rutschbahnen. «Da hat die kleine Maus aber viel Spass», schreibt eine Frau zum Bild. Diese Puppe kommt laut Instagram immer wieder an die frische Luft: Emilie sei bei Ausflügen fast immer mit dabei. Wie echte Babys werden die Puppen in Tragtüchern, im Huckepack oder in Kinderwagen verpackt. Ob Passanten merken, dass es sich um ein «Fake-Baby» handelt? Auf den ersten Blick sind hier wohl einfach zwei Mütter mit ihren Kindern am Spazieren. Unter Reborn-Müttern gibt es leidenschaftliche Sammler. Die Babys gibt es übrigens in den unterschiedlichsten Ausführungen. Zwillinge gibt's auch unter Reborn-Babys. Auch Reborns mit afrikanischen Wurzeln... ..oder strahlend blauen Augen gibt es auf dem Markt. Nicht nur beim Aussehen, sondern auch beim Outfit geben die Besitzer alles. Auf Tutti gibt es diese Bäbis zu kaufen. Hier etwa Baby Levi für 496 Franken. Oder Manuel aus dem Aargau für 300 Franken. Hergestellt werden die Babys von sogenannten Rebornerinnen. Diese kreieren die Babys je nach Geschmack. So gibt es Säuglinge mit wenig Haarwuchs... ...oder ältere Reborn-Puppen mit einer richtigen Haarpracht. Für die Haare wird meist eine spezielle Art von Wolle verwendet. Diese sieht dem Echthaar von Babys verblüffend ähnlich. Jedes Baby hat übrigens auch ein Geburtsdatum. Zur Geburt werden auch schon mal Fotoshootings organisiert. Ob die Geburtskarten bei den Empfänger jeweils gut ankommen? Das Geschlecht ist nicht von Anfang an deklariert. Es gibt aber auch Puppen, die nackt beinahe echt aussehen. Und auch die Hautfarbe und Details des Körpers sind fast wie echt. Dieses Reborn-Baby lächelt gar mit Grübchen. Andere scheinen noch etwas verschlafen zu sein. Und noch andere müssen mit geröteten Augen leben. Wer kein menschliches Baby möchte, kann sich auch ein Reborn-Äffchen anschaffen. Wieso auch nicht? Im Umgang werden sich Affen- und und Kinder-Puppen kaum unterscheiden.

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Carole Strässle-Pilloud (55) rebornt: Aus blanken, beigefarbenen Stoffkörpern fertigt die Grenchnerin lebensechte Baby-Puppen an. Die Rohlinge aus Vinyl bemalt sie mit speziellen Genesis-Farben, versiegelt sie und arbeitet mit Mohairwolle die Haare und Wimpern ein – «rooten» nennt sich letzteres in der Fachsprache. In jedes Löchlein kommt genau ein Härchen. «Es steckt sehr viel Arbeit dahinter», sagt Strässle, die dem Reborn-Hobby seit gut anderthalb Jahren frönt. Bis zu zwei Wochen verbringt sie an einem Modell.

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Ihre Reborn-Puppen, kurz Reborns, verkauft die diplomierte Pflegefachfrau für rund 200 Franken. Das sei vergleichsweise günstig. «Ich bin Anfängerin und meine Reborns sind noch nicht perfekt», erklärt sie. Bei erfahreneren Handwerkerinnen und je nach Beschaffenheit und Material blättere man schnell einmal zwischen 800 und 1000 Franken hin, weiss Strässle.

«Das ist doch krank»

Auf zahlreichen Facebook-Seiten wie Bärner Flohmi oder Marktplatz Region Thun tauschen sich die Rebornerinnen, also Herstellerinnen, aus und bieten ihre Werke feil. In den Kommentarspalten wird schnell klar: Die täuschend echten Baby-Puppen spalten die Gemüter. «Mega herzig», finden die einen, «das ist doch krank» oder «da kriegt man ja Angst» wettern die anderen.

«Wir Rebornerinnen werden leider immer wieder heruntergemacht», klagt Strässle. Sie würden als Spinner und Minderbemittelte hingestellt. Solche Reaktionen zeugten von Unverständnis und Intoleranz: «Männer haben auch ihre Eisenbahnen und Fliegerli. Warum dürfen wir Frauen nicht Reborn-Babys als Hobby haben?» Wegen der negativen Kommentare würden sich viele nicht trauen, ihre Reborns gegen aussen hin zu zeigen.

Hegen und pflegen: Ein Reborn-Baby wird gebadet

Aber auch von erfreulicheren Erfahrungen weiss Strässle zu berichten. Kürzlich sei sie mit einer Gruppe von 15 Frauen samt Reborns durch Basel spaziert. Menschen hätten neugierig in die Kinderwagen geblickt und seien ob der Babys entzückt gewesen. «Wir klärten sie dann darüber auf, dass es sich um Reborns handelt, und gaben sie einigen auf die Arme», erzählt Strässle. Man habe begeisterte Reaktionen geerntet. Was sie besonders toll gefunden habe: «Die Männer nahmen die Babys eher auf den Arm als die Frauen. Warum das so ist, kann ich mir aber nicht erklären.»

Babyglück noch einmal erleben

Reborn-Babys stillen unterschiedliche Bedürfnisse. Manche Frauen haben Babys verloren oder können keine Kinder bekommen – die wirklichkeitsnahen Objekte dienen dann als Ersatz. Dies ist aber weitem nicht das einzige Motiv: «Die Mehrheit der Frauen aus meiner Gruppe pflegt ihr Reborn einfach nur als Hobby», sagt Strässle. Andere wollten auf diese Weise herausfinden, «wie es ist, ein Kind zu haben.»

Bei Strässle selbst sind die Gründe nochmals etwas anders gelagert. «Ich habe das Gefühl, meine eigenen Kinder sind viel zu schnell gross geworden. Mit den Reborns kann ich mein Babyglück noch einmal in vollen Zügen geniessen.»

(sul)