Gerichtsentscheid

30. November 2017 17:14; Akt: 01.12.2017 02:52 Print

Tesla-Autopilot ist nicht schuld an Unfall

Ein Unfallfahrer wollte vor einem Berner Regionalgericht seinen Strafbefehl anfechten: Er habe auf den Autopiloten vertraut. Der Richter liess dies nicht gelten.

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Ein Tesla-Fahrer, der 2016 auf der A1 bei Kernenried ungebremst Tempo in ein Unterhaltsfahrzeug krachte, ist wegen grober Verkehrsregelverletzung verurteilt worden. Der Richter sagte ihm, auch ein Tesla-Fahrer müsse stets Herrscher über sein Fahrzeug bleiben.

Für Nutzer von teilautomatisierten Fahrzeugen wie eben eines Tesla Model S gälten dieselben Regeln wie für alle anderen Automobilisten. Das sagte der Einzelrichter des Regionalgerichts Emmental-Oberaargau bei der Urteilsbegründung am Donnerstag in Burgdorf.

Der Mann sei an diesem Tag im März 2016 schlicht unaufmerksam gewesen. Deshalb sei er in das auf dem Überholstreifen abgestellte Werkhof-Fahrzeug mit Anhänger geprallt, das vor einer Baustelle stand. Vor dem Unfall hatte der Mann zweimal bei voller Fahrt mit seinem Handy hantiert. Er hatte den Autopiloten eingeschaltet und auch ein Aufprallvermeidungssystem war in Betrieb.

Der Mann fühlte sich ungerecht behandelt, weil er gemäss eigenen Aussagen rund zwei Minuten vor dem Unfall das Handy weggelegt hatte, konzentriert war und das Steuer in der Hand hielt. Deshalb hatte er einen Strafbefehl angefochten, worauf es zur öffentlichen Gerichtsverhandlung kam.

Einzelrichter Manuel Blaser bestätigte nun aber die Schuldsprüche wegen grober und einfacher Verkehrsregelverletzung. Er setzte auch mehr oder weniger dasselbe Strafmass fest wie zuvor eine Staatsanwältin, nämlich eine bedingte Geldstrafe von 6600 Franken, eine Verbindungsbusse von 1650 Franken und eine Busse von 450 Franken.

Richter glaubt Tesla-Bericht nicht

Nichts wissen wollte der Richter von einem Einwand der Verteidigerin des aus dem Kanton Freiburg stammenden Unternehmers. Sie hatte darauf hingewiesen, dass gemäss der Datenauswertung des Unfallautos durch die Firma Tesla das vorausfahrende Auto eine bis zwei Sekunden vor dem Crash die Spur gewechselt haben soll.

Wegen dieses brüsken, späten Spurwechsels habe der Beschuldigte die Baustelle nicht gesehen und habe nicht mehr reagieren können, sagte sie vor Gericht. Das sagte auch der Beschuldigte am Donnerstag: Er glaube, dass jeder andere Automobilist in dieser Situation auch einen Unfall gebaut hätte.

Dieser Tesla-Bericht sei keine verkehrstechnische Expertise, sondern ein Herstellerbericht und «mit grosser Vorsicht zu geniessen», sagte hingegen Richter Blaser. Etwas mit dem System im Tesla könne nicht gestimmt haben.

Denn wenn man vom Bericht ausgehe und einen Abstand zwischen vorausfahrendem Auto und Tesla von zwei Sekunden annehme, müsste auch das vordere Fahrzeug ins Werkhoffahrzeug geprallt sein.

Blaser sah auch keinen Anlass, an den Angaben eines am Donnerstag einvernommenen Zeugen zu zweifeln. Bei ihm handelte es sich um den Fahrer desjenigen Autos, das vor dem Tesla fuhr.

Dieser Mann sagte, der Verkehr sei damals zweispurig an der Baustelle vorbeigeführt worden. Es sei problemlos möglich gewesen, die Stelle zu passieren. Zu seinem Erstaunen habe ihn der Tesla links überholt, sei geradeaus weitergefahren und in den Anhänger des Werkhof-Fahrzeugs geprallt.

Unfall mit Tempo 88 bis 109

Der Tesla krachte mit zwischen 88 und 109 km/h ins Werkhof-Fahrzeug. «Wie durch ein Wunder», so der Richter, verletzte sich niemand, auch der Fahrer nicht. Der Unfall sei aber einer der Kategorie «Das darf einfach nicht passieren», so der Richter. Genau so könne man eine grobe Verkehrsregelverletzung definieren.

Es kam aber zu einem Sachschaden von rund 200'000 Franken - 100'000 am Tesla und 100'000 am Unterhaltsfahrzeug. Zudem verursachte der Tesla-Fahrer mit seinem Unfall damals einen etwa zweistündigen Stau in Fahrtrichtung Bern.

(mch/sep/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rolf L. am 30.11.2017 14:57 Report Diesen Beitrag melden

    Unfallverhütung

    Wer nicht selber fähig ist (Nüchtern/ohne Medis/Psychisch gesund/usw.)ein Auto zu lenken soll Bitte den ÖV benutzen...Danke.

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  • Assentatio am 30.11.2017 15:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Diskussion

    Das Strassenverkehrsgesetz der Schweiz schreibt vor, daß man stehts das Lenkrad im Griff haben muß. Das gilt auch für Tesla Fahrer. Und wenn er sich auf die Straße konzentriert hätte, wäre der Unfall ganz bestimmt zu verhindern gewesen. Baustellen auf der Autobahn sind lange im Voraus signalisiert. Und von der Benützung des Handy müssen wir gar nicht sprechen. Und dann noch die Frechheit besitzen das Urteil anzufechten. Hat bestimmt genug Geld. Kann sich ja auch eine Anwältin leisten. Der soll bezahlen! Busse, Gerichtskosten, Anwältin... Und den Führerschein grad auch noch abgeben! Keine Diskussion!

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  • Engine am 30.11.2017 15:10 Report Diesen Beitrag melden

    Herrlich!

    Das kann ich mir grad bildlich vorstellen.... Schliesslich hat man für seinen Tesla so viel bezahlt, dann darf man auch an den anderen vorbei fahren! Und weil man so ein "geiles HighTech Spielzeug" hat, muss man ja auch nicht mehr mitdenken beim fahren... Einfach herrlich, das dieser Tesla Fahrer jetzt noch mit diesen Argumenten vor Gericht zieht, herrlich!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Reto am 01.12.2017 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    Die Grenzen kennen !

    JEDES dieser Assistenzsysteme hat seine Grenzen - diese zu kennen ist die Herausforderung (Auch für "Techis" fast unmöglich, da nicht Mal die "gleichen" Systeme gleich sind) z.B. ESP kann keinen Unfall verhindern wenn Sie die Physikalischen Grenzen (Geschwindigkeit) überschritten haben. Parksensoren verhindern keinen Schaden wenn Sie schneller sind als die Sensoren reagieren oder der Erfassungswinkel nicht alles abdeckt, ABS verlängert auf einer geschlossenen Schneedecke den Bremsweg statt zu verkürzen u.s.w.

  • Bruno/Ochsner am 01.12.2017 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Geschichte

    Wenigstens wird er als erster in der Schweiz in die Geschichte eingehen. Als der Erste der meinte wenn er ein Tesla hat kann er alle Verantwortung abschieben und jetzt doch der Angeschmierte ist, da in der Schweiz noch immer das Gesetz den Vortritt hat.

  • Leser am 30.11.2017 20:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbstfahrend

    Selbstfahrende Autos können nur funktionieren, wenn 100% aller Autos auf der Strasse selbstfahrend sind, und sie untereinander kommunizieren können. Die Infrastruktur muss aber gut sein, sonst klappt das nicht. Die Baustellen auf den Autobahnen sind ja haarsträubend, wie soll sich da ein Computer zurecht finden?

  • Ampera am 30.11.2017 20:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Model S

    Wer sich ein Tesla leisten kann, lacht doch über die Bussenhöhe oder nicht!?

  • Arroganz Herrscht am 30.11.2017 20:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ADler

    Solche Baustellen werden IMMER mehrere hundert Meter davor mittels Warnschildern/Dreiecken angezeigt. Ich wundere mich öfters, wie manche Fahrer regelrecht "schlafen" im Strassenverkehr....