Überfüllte Tierheime

04. September 2018 05:42; Akt: 04.09.2018 05:42 Print

Sorgt Klimaerwärmung für Katzenüberschuss?

Viele Tierheime platzen zurzeit aus allen Nähten. Täglich werden entlaufene und verwilderte Büsis gemeldet. Der Klimawandel trägt daran eine Mitschuld.

Das Tierheim Oberbottigen kann sich vor Katzen derzeit kaum retten.
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In diesen Monaten erblicken wieder Tausende Katzenwelpen das Licht der Welt. Doch so süss die Samtpfötchen auch sind, sie stellen die Tierheime vor grosse Herausforderungen.

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«Die Situation ist haarsträubend», sagt Susanne Klein, Leiterin des Tierdörflis in Wangen bei Olten. Das Tierheim weise aktuell einen Bestand von 140 Katzen auf, Pflegestellen mit eingerechnet. «Wir erhalten pro Tag fünf bis zehn Anrufe, dass wieder irgendwo ein herrenloses Büsi aufgetaucht ist», sagt sie. Manche davon wurden ausgesetzt, andere sind entlaufen oder haben sich bei Unfällen verletzt.

Reissaus in den Ferien

«Oft werden Katzen einfach zurückgelassen, wenn die Leute umziehen», sagt Klein. Sind sie nicht kastriert, sorgen sie zusammen mit weiteren unkastrierten, herrenlosen Tieren ständig für weiteren Nachwuchs. «Damit die Halter rasch ausfindig gemacht werden können und sich die Katzen nicht unkontrolliert vermehren, braucht es zwingend eine Chip- und eine Kastrationspflicht», sagt Klein.

Tierheime sind überfüllt mit Katzen

Je älter, desto menschenscheuer

Auch das Tierheim Oberbottigen stösst mit aktuell rund 60 Katzen an seine Grenzen. Die Unterkunft allein bietet nicht genügend Platz. «Wir sind angewiesen auf private Pflegeplätze und Mitarbeiterinnen, welche die Mutterkatzen und deren Junge bei sich zuhause aufnehmen», sagt Heimleiter Lukas Bircher.

Eine grosse Rolle bei der Überlastung spielen heuer verwilderte Bauernkatzen. Diese versuche man möglichst früh ins Tierheim zu holen und zu sozialisieren. «Im Heim werden die Tiere entfloht, entwurmt, gechipt und später weitervermittelt.

Klimatische Einflüsse?

Bircher vermutet, dass auch die Klimaerwärmung zur Vermehrung der Katzen beiträgt. Seit mehreren Jahren sei zu beobachten, dass die Katzen-Saison länger werde. «Früher gab es Katzennachwuchs im Mai und August. Heute sind die Kätzinnen zum Teil schon im März trächtig und bringen bis im Oktober Junge zur Welt.»

Was sagt die Wissenschaft?

Professorin Iris Reichler sagt zwar, Katzen würden heute nicht mehr Nachwuchs zur Welt bringen – das Tageslichtlicht steuere ihren Trieb. Aber: «Weil die Nagerpopulation durch warme Winter zunimmt, kann der Klimawandel bei wildlebenden Katzen einen Einfluss auf das Überleben der Nachkommen haben.» Eine Katzenmutter habe heute also viel höhere Erfolgsaussichten bei der Aufzucht als früher. «Auch weil viele Menschen Katzen fremdfüttern», so die Spezialistin für Reproduktionsmedizin an der Uni Zürich.

Dabei sei die Katzenpopulation in der Schweiz ohnehin bereits zu gross. Darum appelliert die Wissenschaftlerin: «Katzen sollen nur von ihren Eigentümern gefüttert werden.» Wer eine herrenlose Katze füttern möchte, solle auch die Verantwortung für das Tier übernehmen: «Das heisst die Katze impfen und kastrieren lassen.»

(sul/cho)