Bahnhof Bern

03. April 2018 05:51; Akt: 03.04.2018 05:51 Print

«Suizid war nicht geplant – es passierte einfach»

Der 30-jährige Markus wollte sich am Montag, 12. März um 15 Uhr vor einen Zug legen. In letzter Sekunde zerrten ihn Passanten aufs Perron zurück. Nun sucht er nach seinen Rettern.

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Markus* wollte sich am 12. März das Leben nehmen. Passanten zerrten ihn von den Gleisen. Nun möchte er sich bei ihnen bedanken und sich entschuldigen. (Bild: 20 Minuten/ber)

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Eigentlich war er auf dem Weg an ein Konzert, doch plötzlich überkam ihn der Wunsch, sich das Leben nehmen. Markus* (30) wandte sich im Bahnhof Bern von seinem Zug ab und bewegte sich auf die andere Seite des Perrons in Richtung der leeren Gleise 4 und 5. «Es war eine unbewusste Aktion», erinnert sich Markus, «plötzlich stand ich auf den Gleisen und der Zug kam.»

Doch wartende Passagiere erkannten die Gefahr: Sie packten den ehemaligen Englisch-Studenten Markus und zerrten ihn von den Gleisen zurück aufs Perron. Damit retteten sie ihm sein Leben – nur Augenblicke später fuhr ein Zug ein.

«Kein geplanter Suizid»

«Kurz davor war ich mit einem Red Bull in der Hand und dem Handy am Ohr auf dem Weg zu meinem Zug», erzählt Markus. «Ich wollte ans ‹30 Seconds to Mars›-Konzert in Basel.» Doch dann habe sich in seinem Kopf ein Schalter umgelegt und er sei wie in Trance auf der anderen Seite des Perrons auf die Gleise heruntergestiegen. «Es war kein geplanter Suizid», sagt der 30-Jährige, «es passierte einfach.»

Nachdem seine Retter ihm zurück aufs Perron geholfen hatten, brach Markus völlig aufgelöst und fertig zusammen. Mitarbeiter von Securitrans hätten ihn danach auf den Polizeiposten gebracht, wo er von den Beamten nach seinen Beweggründen befragt wurde. Was er damals genau gefragt wurde und was er antwortete, weiss er heute nur noch verschwommen.

«Möchte gerne meine Retter treffen können»

Im Moment als er sich vor einen Zug legen und so das Leben nehmen wollte, sei es ihm egal gewesen, wer dabei zuschauen muss und wie sich der Zugführer danach fühlen könnte. «In einer solchen Situation schaltest du alles aus, alle Gefühle, alle Gedanken.»

Doch nun sieht er es anders: Markus wünscht sich, sich bei seinen Rettern und dem Lokführer bedanken und entschuldigen zu können. «Ich würde verstehen, wenn diese Leute nichts mehr mit mir zu tun haben möchten. Mir würde es aber extrem viel bedeuten, mich mit ihnen persönlich treffen zu können.»

Auch sonst gehe es ihm wieder besser: «Vor fünf Jahren litt ich an einer Depression, die ich bis heute nicht ganz verarbeiten konnte. Aber ich bin froh, noch am Leben zu sein und befinde mich derzeit in Behandlung.» Auch eine kürzlich gestartete Logistiker-Lehre gibt Markus Kraft. Die Arbeit mit den Händen sei sehr beruhigend.

Dem Lokführer zumindest wird Markus vielleicht bald gegenübertreten und sich entschuldigen können, die SBB klärt dies derzeit ab.


Haben Sie Markus* das Leben gerettet oder kennen Sie jemanden, der dabei war? Melden Sie sich bei uns, damit sich Markus bei seinen Rettern bedanken kann.

* Name der Redaktion bekannt

(ber)