Überlastete Bahnpolizei

14. August 2016 21:43; Akt: 16.08.2016 09:09 Print

Würg-Attacke im Zug – und niemand hilft

Ein Mann würgt im Zug von Bern nach Zürich seine Begleiterin. Wegen den den Ereignissen in Salez SG nimmt beim Bahnpolizei-Notruf aber niemand ab.

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Es passierte am Nachmittag, als Hunderttausende an die Street Parade reisten, in einem Interregio nach Zürich, Abfahrt in Bern um 14.39 Uhr. Hier kam es zeitgleich zur Attacke in einem Zug bei Salez SG zu einem weiteren Fall von äusserster Brutalität: «Kurz vor Burgdorf begann ein Betrunkener seine weibliche Begleitung zu schlagen», erzählt ein Zeuge.

Dann habe der Mann diese mehrmals zu Boden geworfen, sie bespuckt, Bierdosen an ihren Kopf geworfen und sie gewürgt. Der schockierte Zeuge wählte auf dem Handy 0800 117 117 – die Notrufnummer der Bahnpolizei – und erhielt minutenlang keine Antwort. «Ich habe mehrere Male angerufen», erzählt er. Es sei immer nur die Stimme ab Band gekommen, in drei Sprachen. «Ich konnte kaum glauben, dass alle Leitungen besetzt sein sollen.» Das dürfe bei einem solchen Notfall doch nicht passieren.

SBB bestätigen den Vorfall

Die schwere Gewaltszene, die der Zeuge schildert, wird von den SBB bestätigt und ist im Zugjournal registriert. Die SBB räumen ein, dass die Notruf-Zentrale der Bahnpolizei aufgrund des Ereignisses in Salez zu diesem Zeitpunkt überlastet war. Grundsätzlich würden Notrufe aber «mit hoher Priorität bearbeitet», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig. Der Vorfall hinterliess bei einem Zeugen den Eindruck, dass «im Ernstfall niemand zu Hilfe eilt», wie dieser sagt.

Letztendlich wählte der Zeuge den Polizeinotruf 117. Die Zentrale verband ihn mit der Kantonspolizei Solothurn. Diese wollte eine Patrouille an den Bahnhof Olten schicken. «Ich bin extra ausgestiegen, aber ich habe keine Polizisten gesehen», sagt der Zeuge. Daraufhin rief er nochmal bei der Polizei an: «Die Dame meinte dann, dass die Kapo eh nicht in den Zug hinein dürfe und dass ich kurz vor Zürich nochmal 117 anrufen soll.»

Polizei verpasste den Zug

Polizeisprecher Thomas Kummer bestätigt den Notruf auf Anfrage von 20 Minuten. Die ausgesandte Partrouille sei wegen «Verkehrsaufkommens» erst zwei Minuten nach Abfahrt des Zuges im Bahnhof angekommen, also habe man den Fall nach Zürich weitergeleitet. «Wenn die Patrouille vor Ort gewesen wäre, hätte aber sie der Situation entsprechend interveniert», so Kummer weiter.

Vorwürfe macht der Zeuge auch dem Zugbegleiter: «Ich hielt den Kontrolleur auf und bat ihn, etwas zu unternehmen. Er lief wenig begeistert weiter.» SBB-Sprecher Christian Ginsig sagt dazu: «Diese Aussage können wir nicht nachvollziehen. Das Zugpersonal würde in einem solchen Fall die SBB Transportpolizei alarmieren.»

«Passagier hat richtig gehandelt»

Was aber, wenn ausgerechnet diese durch eine ebenso unwahrscheinliche wie tragische Koinzidenz faktisch lahmgelegt ist? SBB-Sprecher Ginsig äussert sich dazu grundsätzlich: «Der Passagier hat richtig gehandelt, indem er die Notrufnummer wählte, also 117 oder 0800 117 117.» Idealerweise informiere ein Kunde in begleiteten Zügen das Zugpersonal, in unbegleiteten Zügen stünden Notrufknöpfe zur Verfügung.

Erst das beherzte Eingreifen einer Passagierin hat die Situation laut dem Zeugen dann beruhigt. «Wenn diese Frau nicht eingegriffen hätte, wäre die Begleitung des Mannes jetzt tot», glaubt der Zeuge. In Zürich sei das Paar aus dem Zug gestiegen. Auch dort habe der Mann seine Partnerin nochmals gestossen – gegen eine im HB stehende Zugkomposition. Polizisten habe er auch in Zürich keine gesehen.

(rig/kaf)