Neue Parteistrategie?

17. Dezember 2011 05:08; Akt: 18.12.2011 05:17 Print

Blocher beschimpft FDP als Sekte

Nach den verlorenen Bundesratswahlen greift Christoph Blocher die FDP frontal an und vergleicht sie mit einer Sekte. Erstmals spricht der SVP-Patron auch von Rückzug aus der Parteileitung.

Bildstrecke im Grossformat »

Die Strategie der SVP an den Bundesratswahlen steht in der Kritik - aus den eigenen Reihen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der SVP-Strategiechef Christoph Blocher greift nach den verlorenen Nationalrats- und Bundesratswahlen die Schwesterpartei FDP direkt an. «Sektiererisch» habe der Freisinn seiner Partei die Unterstützung versagt. Wer nicht mehr auf die politischen Inhalte achte und bei der SVP nur noch Abwehrreflexe habe, «erweckt den Eindruck eine Sekte», sagt Blocher im Interview mit der «SonntagsZeitung».

Umfrage
Ist Christoph Blochers Zeit an der Spitze der SVP vorbei und soll sich der 71-Jährige jetzt aus der Parteileitung zurückziehen?
78 %
13 %
9 %
Insgesamt 3251 Teilnehmer

Sein Vorwurf: Die FDP sei mitverantwortlich für die Wiederwahl von Eveline Widmer-Schlumpf und habe in den Parlamentswahlen die Zusammenarbeit torpediert. Blocher deckelt die parteiinternen Aufwiegler und beschwichtigt Kritik an seiner Strategie, indem er den angekündigten Oppositionskurs relativiert.

Maurer soll im Bundesrat bleiben

Statt von «Opposition» redet Blocher nun von «konstruktiver Regierungskontrolle» und spricht sich dafür aus, dass Ueli Maurer im Bundesrat bleiben soll. Dass dieser Weg eingeschlagen werden soll, scheint auch im Interesse des SVP-Bundesrates zu liegen. Der Gang in die Opposition sei eine «unwahrscheinliche Variante», denn «unsere Wähler wollen, dass wir so viel Einfluss wie möglich nehmen», sagt Maurer in einem SVP-Video.

Maurers Einfluss in der Partei scheint wieder zu steigen. Er sei bei der Basis klar beliebter als Christoph Blocher, zitiert die «NZZ am Sonntag» einen SVP-Nationalrat. Maurer sei der einzige, der bei allen Flügeln der Partei voll akzeptiert sei. Ganz besonders gut angekommen ist offenbar sein Ausflug zur Parteibasis im Hotel Kreuz – mitten während der laufenden Bundesratswahlen. Dieses Verhalten stiess allerdings auf heftige Kritik (vgl. Infobox).

Zieht sich Blocher aus Parteispitze zurück?

Erstmals bringt Blocher im Gespräch mit der «SonntagsZeitung» seinen Rückzug aus der Parteiführung ins Spiel. «Ich bleibe nicht sicher im Präsidium,» sagt er. Die SVP und er selbst würden das prüfen. «Niemand in der Parteileitung hängt an seinem Posten», sagte der Doyen in einem Interview mit dem «SonntagsBlick». «Wir sind um jeden froh, der nachkommt und es besser macht.»

Ausserdem zeigt sich der 71-Jährige glücklich über den Zwist, der um den künftigen SVP-Kurs entbrannt ist: «Bravo, endlich streitet die SVP wieder. Es ging zwanzig Jahre nur aufwärts, viele haben sich zurückgelehnt und sind im Schlafwagen nach Bern gefahren. Doch das ist jetzt fertig», betont er im Gespräch. Der aufkommende Streit macht ihn glücklich: «Wissen Sie, der Streit sollte der Normalzustand sein. Er führt zu Lösungen.» Anschliessend geht es im Interview um die Rolle seiner Frau Silvia und der Frauen allgemein. Blocher: «Meine Frau ist meine stärkste Kritikerin. Das sind die Frauen ja immer. Wir heiraten sie, weil wir ihre Kritik brauchen.»

Ricklis offene Kritik an Blocher

Eine Frau, die gar nicht mit Kritik spart, ist die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. In der Zeitung «Sonntag» formuliert sie diese so: «Im Fall Zuppiger haben Christoph Blocher, Toni Brunner und Caspar Baader Fehler gemacht. Was passierte, ist peinlich und schädlich für die Partei. Wir werden am Dienstag in der Fraktion dazu eine Aussprache haben und alle Fehler analysieren. Ich erwarte, dass da alles in aller Offenheit auf den Tisch kommt.»

Verbesserungspotenzial ortet die 35-Jährige bei der Kommunikation in der Partei: «Ein Problem ist, dass die Parteileitung die neuen Medien unterschätzt, die Geschwindigkeit, mit der sich heute Informationen verbreiten. Mein Kollege Lukas Reimann und ich sind glaube ich die Einzigen in der Fraktion, die Twitter nutzen und Facebook professionell einsetzen. An den Fragen und Inputs, die da an uns herangetragen werden, spüren wir schnell, wenn an der Basis Erklärungsbedarf besteht.»

Bringt sich der Polit-Jungstar damit nun in eine gute Ausgangslage für einen Job an der Spitze der Volkspartei? Da hält sich Rickli noch bedeckt. Sie will im Januar entscheiden, ob sie für das Fraktions-Vizepräsidium kandidieren wolle.

Strategie-Team statt einzelner Chef

Die Strategie bei den Bundesratswahlen wird auch vom Schwyzer SVP-Ständerat Alex Kuprecht kritisiert. Er formuliert in der «Zentralschweiz am Sonntag» eine mögliche Neuausrichtung der Parteispitze. Die Strategie während der Bundesratswahlen sei «suboptimal und nicht vollumfänglich von der Fraktion getragen» gewesen. Deshalb fordert er, nicht nur einen einzigen Strategiechef in Person von Christoph Blocher zu haben, sondern ein Strategie-Team, welches die Parteiausrichtung festlegt.

Der angeschossene FDP-Parteichef Fulvio Pelli hingegen glaubt nicht an ein Abtreten Blochers und kontert in der «SonntagsZeitung»: «Blocher ist in seinen Positionen gefangen.» Er macht klar, dass er kaum eine Möglichkeit sieht, mit der SVP unter der faktischen Leitung Blochers zusammenzuarbeiten. So wie die Situation sich heute zwischen SVP und FDP gestalte, könne es nicht weitergehen. Pelli wendet sich deshalb den liberalen Kräften der Mitte zu. Von BDP-Chef Hans Grunder hat er gar eine Einladung zu neuen Gesprächen für ein Mitte-Bündnis erhalten.

(jam)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • rica,St.Gallen am 18.12.2011 07:35 Report Diesen Beitrag melden

    Herr Blocher treten Sie zurück!!!

    aber ohne das Gehalt,dass Sie bekommen nach dem Rücktritt,das könnte die AHV gut gebrauchen,Sie als Millionär spüren das nicht,aber der AHV tuts gut undSie haben was gutes getan fürs Volk........

  • Heinz Brunner am 18.12.2011 10:51 Report Diesen Beitrag melden

    Wo bleibt die Einsicht ???

    Wenn jemand, der ausser dass er viel Geld hat, nur noch anderen seine verworrenen Meinungen aufzwingen will, weil er ja sonst nichts gescheiteres mehr zu tun weiss, sollte nun einfach abtreten. Verdienste hin oder her, es gibt in unserer Zeit viele fleissige Leute, welche am Ende eines Jahres keine fünf Franken vorig haben. Die müssen um ihre Existenz kämpfen und sind dabei sogar noch zufrieden. Gegenüber dem Gehabe eines C.Blocher u. seinem Anhang sind mir diese Leute wichtiger.

  • Der Nette am 18.12.2011 08:05 Report Diesen Beitrag melden

    SVP at its best!

    Im Schuldzuweisen war und ist die SVP absolute Weltklasse. Nur zu dumm, dass darauf immer weniger eigene Wähler reinfallen - die besser Gebildeten sahen es übreigens schon vor Jahren kommen. Time is up.........

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • I. Darius am 19.12.2011 14:26 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Schaden als Nutzen!

    Wie müssen uns wohl alle Glücklich schätzen, dass wir DEN Blocher und DIE Partei haben(SVP):-) Was würden wir nur ohne sie und nur mit diesen "Sekten" tun:-) Hahaha, Hochmut kommt kurz vor dem Fall, heisst es, bei Blocher und der SVP bedeutet das wohl eher, Hochmut kommt nach dem (Wahl)Fall oder eher Wahldebakel, naja, sei es wie es sei, das Resultat war und ist das Gleiche, die Alten und sogenannten "Zugpferde" in der SVP haben ausgedient und schaden der Partei mehr als sie ihr nützen!

  • Michael am 19.12.2011 13:33 Report Diesen Beitrag melden

    Der Alte Mann und das Meer

    wird auch diesen Sturm überleben - Ahoi

  • Susanne am 19.12.2011 08:21 Report Diesen Beitrag melden

    Herr Blocher

    Ich bin SVP-Mitglied, aber jetzt reichts! Ich wäre Ihnen, Herr Blocher dankbar, wenn Sie endlich in den Hintergrund treten würden. Die FDP ist der SVP in vielen Fragen am nächsten und somit schiesst man nicht gegen diese normale Partei. Das Thema Sekte steht Ihnen, Ihrer Frau oder Ihrem Bruder schon gar nicht an, denn für mich als Atheistin haben sie ein sektirerisches, machtbessesenes und krankhaftes Verhalten.

    • Samara Morgaine am 19.12.2011 12:11 Report Diesen Beitrag melden

      Christoph Blocher

      Da haben Sie völlig recht, ich bin auch SVP-Mitglied und habe auch langsam die Schnauze voll. Ch. Blocher ist halt von seiner Mission besessen.

    einklappen einklappen
  • Markus Meier am 18.12.2011 19:28 Report Diesen Beitrag melden

    der Zenit ist überschritten!

    Eigentlich ist es egal ob nun Blocher beibt oder geht. Die SVP ist Blocher. Blocher ist die SVP. Ab nun geht es nur noch steil den Berg runter. (Hätte sich Blocher 2007 aufs Ruhebänkli gesetzt, dann wäre die Partei immern noch oben...)

    • jayjay am 19.12.2011 00:47 Report Diesen Beitrag melden

      leider nicht...

      Na, du machst es dir ein bisschen einfach. Die SVP hat einige potente Politiker in der Startrampe, ob man die nun mag sei mal dahin gestellt - aber das Pulver ist noch nicht verschossen!

    einklappen einklappen
  • Michael am 18.12.2011 19:20 Report Diesen Beitrag melden

    und wer sagts ihm?

    Es haben wohl alle verstanden, dass es für Herrn Blocher an der Zeit wäre, sich auf sein wohlverdientes Altenteil zurückzuziehen. Nur traut sich niemand, es dem wohl senilen alten Herrn zu sagen. Und seine Jünger können nicht, dafür haben sie ihm zuviel zu verdanken - schliesslich zahlt er halt noch die Rechnung, da kann man ihn schlecht vom Tisch weisen...