SVP auf Schleuderkurs

15. Dezember 2011 05:05; Akt: 15.12.2011 09:10 Print

Triumph und Tragik des Christoph B.

von Peter Blunschi - Christoph Blocher machte die SVP zur stärksten Partei in der Geschichte der Schweiz. Im Wahlherbst 2011 aber führte er sie ins Debakel. Ein Mythos gerät ins Wanken.

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Stürmisch eilte er aus dem Nationalratssaal (siehe Video). Sein joviales Gehabe konnte die brodelnde Wut kaum kaschieren. Mit der Bemerkung «das sind e chli tummi frage» pflügte sich Christoph Blocher durch die Journalistenmeute. Denn natürlich hatte das Parlament mit der Wiederwahl von «Erzfeindin» Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) die Konkordanz gebrochen.

So weit, so schlecht für die SVP. Die Verweigerung des ihr rechnerisch zustehenden zweiten Bundesratssitzes war der fast logische Schlusspunkt eines missglückten Wahlherbstes. Doch das weitere Gebaren der Partei an diesem 14. Dezember 2011 gab Rätsel auf. Denn sie attackierte nicht nur die SP, sondern auch den FDP-Sitz von Johann Schneider-Ammann, weil einzelne FDP-Fraktionsmitglieder angeblich Widmer-Schlumpf gewählt hatten.

Bizarrer Angriff auf die FDP

Die freisinnige Fraktionschefin Gabi Huber reagierte empört. «Für jedes einzelne Mitglied meiner Fraktion lege ich die Hand ins Feuer», sagte sie. Das scheint logisch, denn die BDP-Bundesrätin hat gemessen an ihren Ergebnis nicht einmal alle Stimmen aus dem Mitte-links-Lager bekommen. Und selbst wenn einzelne Freisinnige «abgedriftet» wären: Der Angriff der SVP wirkt widersinnig, denn die FDP ist ihr wichtigster Verbündeter.

Blocher stürmt aus dem Nationalratssaal

Was nur hat die SVP geritten? Und was Christoph Blocher, der als Vizepräsident und Chefstratege nach wie vor die Marschrichtung vorgibt? Der 71-jährige Unternehmer und Bundesrat a.D. wirkt in seinem Verhalten zunehmend erratisch. Sein einst untrüglicher Machtinstinkt scheint ihn verlassen zu haben. Die Verluste im Nationalrat, der gescheiterte «Sturm auf das Stöckli», die verunglückte Bundesratswahl – die Misserfolge häufen sich.

Abwahl als Tiefschlag

Dabei hat Christoph Blocher die Schweizer Politlandschaft so stark geprägt wie keine andere Persönlichkeit in der Geschichte des Bundesstaats. Jahrelang führte er die SVP mit einem untrüglichen Gespür für die Stimmung im Volk von einem Wahlerfolg zum nächsten. Polemisch, verletzend, humorvoll, brillant und mit bodenständigem Charisma trieb er die anderen Parteien vor sich her. Weit und breit konnte ihm keiner das Wasser reichen.

Die Wende kam im Dezember 2007. Die überraschende Abwahl aus dem Bundesrat traf ihn ins Mark. Gegen aussen mochte er sie als «Befreiung» kaschieren, doch in Wirklichkeit war sie ein schwerer Schlag für das protestantische Erfolgsethos des Pfarrerssohns. Seither lief Blocher nie mehr zur alten Form auf. Seinen Auftritten fehlte der einstige Glanz, und auch seine Instinkte schwächelten. Bei der Minarett-Initiative erkannte er den Trend erst spät.

Rufe nach einem Generationenwechsel

Dem von ihm bei jeder Gelegenheit beschworenen «Volk» ist dies nicht verborgen geblieben. Die Wahlen 2011 wurden auch für ihn persönlich zur Demütigung. Sein Angriff auf einen Ständeratssitz scheiterte kläglich, und selbst in der eigenen Partei ist er nicht mehr die Nummer eins. Noch 2003 erzielte er das mit Abstand beste Ergebnis aller Kandidaten im Kanton Zürich, nun wurde er auf der SVP-Liste von Strahlefrau Natalie Rickli übertroffen.

Doch Christoph Blocher denkt nicht daran, kürzer zu treten. Geht es ihm um Rache für die Abwahl aus dem Bundesrat? Oder ist es die Angst vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit? Denn innerhalb der SVP wagen es immer mehr Exponenten, am Denkmal Blocher zu rütteln. Direkte Kritik gibt es kaum, dafür hat der Chefstratege die Partei zu eisern im Griff. Doch die Rufe nach «Erneuerung» und einem «Generationenwechsel» sind nicht mehr zu überhören – der 37-jährige Parteipräsident Toni Brunner dürfte damit kaum gemeint sein.

Blocher ein zweiter Nero?

Anonym wird es noch deutlicher. In der Fraktionssitzung würden alle «von einem kranken Machtmenschen vorgeführt, der die Diskussionen ständig an sich reisst», lästerte ein Parlamentarier gegenüber der Zeitung «Der Sonntag». Den Vogel aber schoss ein «SVP-Spitzenpolitiker» mit einer von der «NZZ am Sonntag» zitierten Aussage ab: «Man sollte Christoph Blocher zu Weihnachten eine Lyra und ein Paket Streichhölzer schenken.»

Blocher als irrer Kaiser Nero, der anstelle von Rom seine Partei abfackelt und dazu Lieder trällert? Es wirkt unvorstellbar, doch mit weiteren Angriffen auf Verbündete könnte sogar dieses Szenario irgendwann Realität werden. Denn ein baldiger Abgang ist nicht in Sicht. Blocher verglich sich in der Vergangenheit gerne mit seinen Vorbildern Winston Churchill und Konrad Adenauer, die noch mit über 80 Jahren Regierungschefs ihrer Länder waren.

«Die Obsession der eigenen Unentbehrlichkeit ist nun einmal fester Bestandteil des Mythos Blocher», kommentierte die «Aargauer Zeitung» im Frühjahr. Man hat Christoph Blocher in der Vergangenheit schon mehrfach den Abstieg prophezeit, stets kam er gestärkt zurück. Doch die Vorzeichen waren nie so düster wie heute.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Karl F. am 15.12.2011 11:28 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Analyse wert!

    Man darf nicht vergessen, dass der Erfolg der SVP Blocher zu verdanken ist. Er prägt diese Partei wie kein anderer. Die Einbusse der Wähleranteile sind nie so gravierend wie bei der FDP, CVP und SP. Aber die Medien ziehen nur über eine Partei her. Dies ist inzwischen Standard. In der Sachpolitik gewinnt der Blocher-Clan auch meistens (Minarett-, Ausschaffungs- u. sicher auch die Masseneinwanderungsinitiative). Es geht um SOLCHE Anliegen, die mehrheitsfähig sind und die vor das Volk kommen und leider im BR künftig (ausser vom SVP-Feigenblatt) NICHT vertreten sein werden!

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  • Andy F. am 15.12.2011 09:46 Report Diesen Beitrag melden

    These: SVP-Führung wollte gar nicht

    Ich habe im Vorfeld und auch bei den Wahlen den Eindruck erhalten, die Partei wolle gar keine Regierungsverantwortung. Da ist so viel "schief" gelaufen, das muss doch schon fast Absicht sein. Und es würde eigentlich auch zum Rezept passen, welches der Partei in den letzten Jahren so viel Erfolg brachte: Sie suchen und benennen Probleme, übertreiben noch stark, malen den Teufel an die Wand und geben dann allen anderen die Schuld. Lösungen für die Probleme braucht es keine zum Erfolg, es reicht, wenn alle anderen schuld sind daran. BR-Verantwortung wäre dieser Strategie gar nicht zuträglich...

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  • Walt Heinz am 15.12.2011 15:53 Report Diesen Beitrag melden

    Wechselt doch zur BDP

    Die normalen SVPLer sollen doch gemeinsam zur BDP wechseln. Dann ist auch die Diskusion, dass eine 5% Partei keinen Anspruch auf einen BR hat zu Ende.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Christoph Bach am 17.12.2011 17:53 Report Diesen Beitrag melden

    SVP ist noch lange nicht mundtot

    Die SVP muss in die Opposition geben. Was nützt ein BR, welcher Vorsteher des VBS ist. Nichts! Diese Zuständigkeit könnte man geradesogut beim Innendepartement anschliessen. Eine Reduktion auf 5 BR durch weitere Zusammenlegung wäre längstens nötig und zeitgemäss. In der Opposition lässt es sich für die SVP akutell besser politiseren. Das Volk will die SVP und die SVP lässt sich nun einmal nicht von linksgesteurten Medien totreden.

  • Roland am 16.12.2011 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    TRIUMPH + TRAGIK MIT FASSUNG TRAGEN

    Auf keinen Fall darf man das Gesicht verlieren, sonst verliert man Glaubwürdigkeit. Ev. ein bisschen leiser Treten würde nicht schaden, aber ansonsten sehe ich keinen Änderungs-Bedarf. Abstimmungs-Wahl-Strategien sollten in Zukunft auch nicht mehr ausdiskutiert werden, sondern nur noch Handeln ist Angesagt.

    • Markus Meier am 17.12.2011 23:36 Report Diesen Beitrag melden

      Gesicht verlieren?

      Nein, man verliert sein Gesicht erst, wenn man meint, man darf es unbeding nicht verlieren! Warum mit dem Kopf durch die Wand gehen wollen, wenn 2m daneben eine Türe ist? Wer ohne Alternativen antritt, der hat von Beginn an verloren. Eine Schlucht überquert man zwar nicht in zwei Schriten, aber via eine Brücke, welche man zuerst bauen kann, kann man es doch tun!

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  • Daniel am 15.12.2011 20:53 Report Diesen Beitrag melden

    Alle Wege führen nach Rom

    Schuster bleib bei den Leisten, d.h. nicht beirren lassen, und weiter die SVP-Strategie Überfremdung + EU bekämpfen. Es kommt die Krisen-Zeit, da wird es in der CH-Bevölkerung und bei den BR / Politiker auch wieder ein umdenken geben - und der SVP-Kampf hat sich alleweil gelohnt.

    • sterntaler am 16.12.2011 00:33 Report Diesen Beitrag melden

      Du, komm mal runter

      EU bekämpfen? Was soll dass? Ich will mit meinen Nachbarn in Frieden leben, so wie es sich gehört. Die EU schaft uns den grössten Binnenmarkt den es gibt und wir sollen uns mit ganz Europa anlegen? Was soll das bringen? Das wir am Ende aus dem EU Markt rausfliegen? Sorry, aber ich kann diesen Unsinn echt nicht mehr hören.

    • Rappen-Spalter am 17.12.2011 13:11 Report Diesen Beitrag melden

      Sorry Bankrotte-EU is kein Partner mehr

      und schon gar kein EU-Diktatur ist in der Schweiz erwünscht, was wir tun oder lassen sollen.

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  • Papierlischweizer am 15.12.2011 19:34 Report Diesen Beitrag melden

    Tragische Figur.

    Je länger je mehr gemahnt Blocher an die tragische Figur des Don Quichote. Unermüdlich reitet er mit seiner lahmenden Stute SVP und in treuer Gefolgschaft seiner Sancho Pansas Mörgeli, Brunner, und Baader gegen die Windmühle EU an, um sich die Gunst der bedrohten Dulcinea, des Volks, zu erheischen. In der Geschichte ging Don Quichote daran zu Grunde.

    • uncharted lands am 16.12.2011 01:55 Report Diesen Beitrag melden

      uncharted

      Genialer Kommentar, noch besserer Vergleich!

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  • Dario Iten am 15.12.2011 15:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Blocher hat einen guten Job gemacht.

    Fakt ist, ohne Blocher währen wir jetzt in der EU und ich denke wir alle wissen, was dies zum jetzigen Zeitpunkt für uns bedeuten würde. Blocher hat einen guten Job gemacht, doch ich denke es ist Zeit für ihn zu gehen.

    • Frank R. am 15.12.2011 21:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Nein !

      Fakt ist, wir leben immer noch in einer direkten Demokratie und da entscheidet immer noch das Volk über einen eventuellen Beitritt !! Hr. Blocher hat also auch nur eine stimme genau wie wir alle !

    • Remo am 15.12.2011 22:08 Report Diesen Beitrag melden

      Nein

      Falsch, Blocher hat NICHT den EU Beitritt verhindert, sondern den EWR Beitritt. Die EWR Mitgliedschaft hätte uns einiges erspart. Insofern war das schlecht was Blocher gemacht hat!!!!

    • Dani Häberli am 16.12.2011 08:20 Report Diesen Beitrag melden

      Wenn das Volk aber will, dann

      Und es gibt noch einen weiteren Fakt: wenn das Volk denn in die EU wollte, würde es in die EU gehen, mit oder ohne Blocher. Aber eben, es will nicht (und das ist auch gut so).

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