Kein Billettverkauf im Zug

17. Juni 2011 11:55; Akt: 17.06.2011 12:15 Print

«Das Konflikt-Potenzial steigt mit jeder Busse»

von Lukas Mäder - Dass künftig im Zug keine Billette verkauft werden, freut den Eisenbahnerverband nicht, wie Präsident Giorgio Tuti im Interview sagt. Er sorgt sich vielmehr um das Personal.

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Keine Gnade mehr auf Fernverkehrszügen: Wer kein Billett hat, muss ab Dezember eine Busse bezahlen, anstatt gegen einen Aufpreis von 10 Franken ein Ticket lösen zu können. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Fehler gesehen?

Im öffentlichen Verkehr wird der Service weiter eingeschränkt, indem keine Zugbillette mehr verkauft werden. Ist das in Ihrem Sinn?
Der öffentliche Verkehr sollte seinen Service nicht abbauen, sondern vielmehr ausbauen, um noch attraktiver zu werden. Deshalb ist das Ende des Billettverkaufs in den Zügen nicht in unserem Sinn.

Umfrage
Finden Sie es in Ordnung, dass künftig auf Fernverkehrszügen keine Billette mehr gekauft werden können?
14 %
75 %
6 %
5 %
Insgesamt 1295 Teilnehmer

Warum wehren Sie sich dann nicht dagegen?
Die Billettkontrollen bleiben. Ursprünglich stand auch diese Kontrolltätigkeit zur Diskussion. Wäre diese weggefallen, wären Arbeitsplätze unter Druck geraten. Insofern geben wir bei der sogenannten Billettpflicht nach, fordern aber Kulanz.

Wie soll diese aussehen?
Wenn zum Beispiel Touristen aus dem Flugzeug steigen, unser Tarifsystem nicht kennen und ohne gültiges Billett fahren, kann man diese Personen doch nicht büssen. Das wäre nicht im Sinn des öffentlichen Verkehrs als Service public und des Schweizer Tourismus. Kulanz ist zudem bei einem Klassenwechsel oder bei älteren Leuten nötig.

Warum bei älteren Personen?
Man erlebt doch praktisch jeden Tag, dass diese von den Billettautomaten überfordert sind.

Befürchten Sie, dass die Mitarbeiter des öffentlichen Verkehrs negative Auswirkungen zu spüren bekommen, wenn sie Bussen verteilen müssen?
Jedes Mal, wenn Passagiere gebüsst werden, steigt das Konfliktpotenzial. Das Zugspersonal wird zwar auf Deeskalation geschult, aber man sollte heikle Situationen nicht zusätzlich fördern. Deshalb wollen wir eine Möglichkeit, uns – wo angemessen – kulant zeigen zu können.

Der Eisenbahnerverband hat bereits früher auf zunehmende Aggressionen von Seiten der Passagiere hingewiesen.
Unbegleitete Züge und Geisterbahnhöfe sind ein Gefahrenpotential. Wir haben dabei den Begriff der Rehumanisierung des öffentlichen Verkehrs geprägt. Das Abbauen von Aggressionen funktioniert nur, indem wieder mehr Personal präsent ist. Deshalb fordern wir auch die Doppelbegleitung in allen Fernverkehrszügen.

Forderungen hat der Eisenbahnerverband bereits beim Cisalpino aufgestellt, als Sie eine sofortige Stilllegung verlangt hatten. Das ist eigentlich kein Kernthema einer Gewerkschaft.
Uns ist wichtig, dass die Qualität des öffentlichen Verkehrs stimmt. Das hat einerseits Auswirkungen auf die Arbeitsplätze. Andererseits ist das gute Angebot der wohl wichtigste Erfolgsfaktor des öffentlichen Verkehrs. Deshalb müssen wir zur Qualität Sorge tragen.

Ist sie denn in Gefahr?
Ich warne davor, mit der Qualität zu spielen. Die Leistungen sind nicht schlechter geworden, das Angebot wurde stark ausgebaut. Dafür müssen die Angestellten immer mehr leisten. Alles hat seine Grenzen und die sind erreicht. Wenn dann noch die Wertschätzung des Arbeitgebers fehlt, dann funktioniert es nicht mehr.

Ihre Mitglieder sind unzufrieden?
Die letzte Umfrage zur Personalzufriedenheit bei den SBB von Anfang Jahr fiel verheerend aus. Die Angestellten fühlen sich nur noch wahrgenommen als Nummer und als Kostenfaktor. Zudem besteht mangelndes Vertrauen in die oberste Führung. Die Leute leisten immer mehr, sind aber zunehmend unzufriedener. Irgendwann ist die Zitrone ausgepresst.

Jetzt müssen Sie über Kulanzfälle beim Billettverkauf in den Zügen verhandeln. Wie geht es da weiter?
Wir müssen mit jedem Anbieter des öffentlichen Verkehrs einzeln verhandeln, wobei die Billettpflicht praktisch nur die grossen Bahnunternehmen betrifft. Einen konkreten Verhandlungstermin haben wir noch nicht. Unser Begehren ist jedoch angemeldet.

Sind Sie optimistisch, was die Verhandlungen betrifft?
Ich darf optimistisch sein. Die Bahnen als Dienstleistungsunternehmen werden auf das Zugpersonal hören, um die Kunden nicht zu verärgern. Alles andere wäre verantwortungslos.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heinz Siegenthaler am 17.06.2011 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    Im falschen Zug - doppelt bestraft

    Die absolute Spitze der Frechheit ist doch, dass einer, der ein Ticket nach Basel hat und versehentlich im Zug nach Bern sitzt nun 70 Franken Busse und die Ticketdifferenz bezahlen soll. Ist er nicht schon genug bestraft, dass er Stunden auf dem Umweg über Bern verliert statt wie vorgesehen zur richtigen Zeit in Basel zu sein?

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  • André Gubelmann Brasilien am 17.06.2011 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    SBB und Fahrschein

    Dieser Entscheid der SBB ist eindeutig ein Rückschritt.Fortschritte sind angebracht.....

  • Der Patriot am 17.06.2011 21:30 Report Diesen Beitrag melden

    SBB Abschalten

    Zuerst gegen AKW`s stimmen, dann Zug fahren? Was geht in der Schweiz ab? Die SBB ist jetzt vielen schon zu teuer, unbequem,kundenunfreundlich, usw...... Keine 10Pferde bringen mich in einen Zug! Ich bin ein freier Mensch! Kauf mir lieber einen 7ner mit Allrad! Denn wir sind die coolsten ,wenn wir cruisen..........!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Alfred Baumann am 19.06.2011 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    degradiert

    Irgendwie kapiert Giorgio Tuti noch nicht, was da abgeht. Vgl. "60 Zugschefs noch ohne neue Stelle." Wählen wir ihn ab. Denn nun werden die Zugbegleiter zu Billettkontrolleuren degradiert, die Bussen eintreiben. Und wenn dann jemand nicht bereit ist, die Busse zu bezahlen? Gibts dann "Troubleshooter"-Kommandos, die die Züge stürmen und die Wagons mit Pfefferspray einnebeln? Noch ist es Zeit, das Ansinnen von Meyer zurückzuweisen.

  • H.M. Bern am 19.06.2011 10:13 Report Diesen Beitrag melden

    Altersgerechte Automaten ..?

    Vor allem für ältere Leute , sowie Touristen ? Das interessiert die SBB doch nicht ..!! Das einzige was interressant ist ,sind die Mehreinnahmen der Bussen ,und Verwaltungszuschläge ...!! Kulanz , Tolleranz ,sowie Feingefühl und Abschätzungsvermögen ,wer gewollt schwarz fahren will ,oder wer aus sonnstigem Grund ausnahmsweise kein Ticket besitzt !! Zb : Fehlendes Kleingeld ,Zeitmangel ,sich nicht auskennen in der Streckenführung usw .!! Das währen Gründe genug ,etwas Feingefühl walten zu lassen !! Aber dazu müsste man das auch noch haben !! Das gibt's nicht mit austeilen von Bussen ..!!

  • iamnimra am 18.06.2011 18:18 Report Diesen Beitrag melden

    SBB verärgert die Stammkundschaft

    Immer höhere Preise, immer grössere Gefahr, "kriminell" zu werden bei den immer komplizierteren Sonderfallbilleten, -strecken und -zeiten, hält mich zunehmend davon ab, Bahn zu fahren. Die Gefahr wird mir zu gross, "strafbar" zu werden, nur weil ich schlicht und einfach zur rechten Zeit ans Ziel kommen möchte. Einfachheit, (nicht Irreführung durch viele leicht zu übersehende Sonderfälle) und im Zweifelsfall (z. B. bei Billetautomatenfehler) zu gunsten des Angeklagten, ist schon vom Strafrecht her und der Preisdeklarationspflicht her angesagt.

    • Roger am 19.06.2011 13:51 Report Diesen Beitrag melden

      Quatsch

      Was heisst hier im Zweifelsfall? Wenn Du kein Ticket hast, dann hast Du kein Ticket und das ist zweifelsfrei ein Situation in der Du nicht berechtigt bist eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Wieso Du kein Ticket hast, ist dabei völlig irrelevant. Und übrigens, die Stammkundschaft, die hat ein Abo.

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  • Bahnhof am 18.06.2011 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    Automaten

    Bitte aber dann Tickets Automaten aufstellen, dass auch Aeltere Menschen damit zurecht kommen.

  • Abbas Schumacher am 18.06.2011 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    Der Wahn diese Bahn! Wahnsinn!

    Abzocke kommt dazu! Das ist keine Voraussicht! Vom Service gar keine Frage. Wo leben solche Strategen? Nicht an der Front! Das ist die falsche Richtung. Ah ja, und vorher sollte man den Damen/Herren für eine solche Fehlleistung noch etwas von ihrem Lohn kürzen.