Das war 2008

19. Dezember 2008 10:53; Akt: 22.12.2008 12:55 Print

Big Banking im grossen Service

von Lukas Hässig - Im auslaufenden Jahr stand das weltweite Finanzsystem mehrmals vor dem Kollaps. Neue Vorschriften sollen das Problem lösen. Nur: Mit welchem Rezept kann man der Krise wirklich Herr werden?

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Der Wahnsinn beginnt bereits Anfang Jahr, als England die angeschlagene Northern Rock Bank im Februar verstaatlicht. Bereits einen Monat später kauft JPMorgan Chase mit Hilfe eines Darlehens der amerikanischen Zentralbank die Investmentbank Bear Stearns. Die amerikanische Investmentbank Lone Star schnappte sich im August die deutsche Industriebank IKB zum Schleuderpreis. Lehman Brothers, einstige Top-Investmentbank, geht im September Konkurs. Die US-Hypothekar-Riesen Fannie Mae und ... Freddie Mac werden wegen drohender Insolvenz verstaatlicht. Den grössten amerikanischen Versicherer AIG nahm der US-Staat ebenfalls unter seinen Deckmantel. JPMorgan Chase kauft den ehemals grössten US-Vermögensverwalter Washington Mutual. Bank of America übernimmt Merrill Lynch, eine der bedeutendsten Investmentbanken weltweit. Die Citigroup übernimmt die Bank Wachovia, nach dem die Fusion von Wachovia mit Morgan Stanley gescheitert ist. Nach Northern Rock wird die Hypothekenbank Bradford & Bingley als zweite britische Bank verstaatlicht. Lloyds TSB übernimmt die britische Bank HBOS. Wenn die Aktionäre von HBOS dem geplanten Aktientausch zustimmen, kann die Übernahme Mitte Januar 2009 wirksam werden. Die niederländische Fortis-Finanzgruppe wird im Oktober fast vollständig verstaatlicht. Das gesamte Isländische Finanzsystem kommt ins Wanken: Nacheinander werden die Banken Landsbanki ... Glitnir und ... Kaupthing verstaatlicht. Dem isländischen Staat selber droht der Bankrott. Zu Hilfe kommen Schweden und Russland. Mit der EU wird verhandelt. Der Premierminister des Vereinigten Königreiches, Gordon Brown, beschliesst acht britische Banken teilweise zu verstaatlichen. Zu den Banken gehören: Abbey, ... Barclays, HBOS, ... die Investmentbank HSBC, ... Lloyds TSB, ... die Royal Bank of Scotland ... und das Finanzunternehmen Standard Chartered. Wegen dem Zusammenbruch des isländischen Finanzsystems und der daraus folgenden Zahlungsunfähigkeit der isländischen FL Group muss der dänische Billig-Flieger Sterling Airways Konkurs anmelden. Die massiv angeschlagene Bank BPN (Banco Portugues de Negocios) wird im November vom portugiesischen Staat übernommen. Die achtgrösste österreichische Bank, die Kommunalkredit, wird verstaatlicht. In Venezuela sollen Goldminen verstaatlicht werden. Der venezolanische Staatspräsident Hugo Chavez will so die Devisenreserven erhöhen. Einer der grössten Zeitungsverlage in den USA, die Tribune, hat Konkurs angemeldet. Der Verlag produziert namhafte Blätter wie die «Los Angeles Times» oder die «Chicago Tribune».

Fehler gesehen?

Zwei Daten markieren die Grenze zum Abgrund. Am 14. März 2008 rettet die US-Notenbank Fed die amerikanische Investmentbank Bear Stearns vor dem Bankrott. Bear Stearns, die Nummer fünf an der Wall Street, landet für ein Butterbrot im Hafen der Universalbank JP Morgan, das Fed garantiert die Schulden der maroden Handelsbank.

Fast auf den Tag genau ein halbes Jahr später, am 15. September, lässt die gleiche Fed zusammen mit der US-Regierung Lehman Brothers, eine andere grosse und traditionsreiche Investmentbank, fallen. Im Unterschied zu Bear Stearns schien Lehman mit dem weltweiten Finanzsystem weniger stark vernetzt zu sein.

Lehman-Konkurs bringt System zum Kollabieren

Die Verantwortlichen sollten sich täuschen: Der Lehman-Konkurs geht als grösster Fehler der Behörden in die Finanzgeschichte dieses Jahres ein. Der 600-Milliarden-Bankrott von Lehman Brothers schickt Schockwellen durch das System und bringt im «Schwarzen Oktober» einst als unerschütterlich geltende Bankhäuser zum Einsturz.

Zuerst wird das Modell der Investmentbanken nach amerikanischem Zuschnitt begraben: Die Nummer drei, Merrill Lynch, schlüpft bei der grossen Bank of America unter, die führenden Goldman Sachs und Morgan Stanley verwandeln sich in normale Geschäftsbanken und stärken mit Kapitalinfusionen ihre Bilanz.

Danach brechen grosse US-Geschäftsbanken ein. Washington Mutual, eine der grössten Sparkassen des Landes, geht ein, die Bank Wachovia mit rund 120 000 Angestellten, das sind 50 Prozent mehr als bei der UBS, gelangt unter die Fittiche von Wells Fargo.

Schliesslich schwappt die Pleitewelle zwei Wochen nach dem Lehmann-Beben auch auf Europas Finanzindustrie über. Die holländisch-belgische Fortis wird zerlegt und von den jeweiligen Heimstaaten mit Milliardenhilfen gestützt, die belgische Dexia erhält eine Staatsgarantie, England, Deutschland, Frankreich und weitere EU-Staaten schnüren Rettungspakete für ihre schlingernden Banken mit Hunderten von Milliarden Euro.

Ein Staat geht pleite

Den Banken folgt die erste Nation. Island verstaatlicht Anfang Oktober seine drei grossen Banken und erklärt sich kurz darauf ausserstande, eine Anleihe zurückzuzahlen. Der Inselstaat am Polarkreis ist faktisch bankrott, der Währungsfonds hält das Land über Wasser.

Am Ende trifft die grosse Welle auch die Schweiz mit voller Wucht. In den frühen Morgenstunden des 16. Oktobers geben Bundesrat, Nationalbank und UBS die grösste Rettungsaktion der Geschichte bekannt. 68 Milliarden Franken setzt das Land aufs Spiel, um seine grösste Bank – das Aushängeschild von Swiss Banking – vor der drohenden Zahlungsunfähigkeit zu bewahren.

Die gigantische Nothilfe wird im Hinterzimmer der ältesten Demokratie des Kontinents ausgeheckt. Drei Leute – die führenden Köpfe der Nationalbank – beschliessen faktisch im Alleingang, die UBS zu retten. Sie tun dies mit Berufung auf ihre Pflicht, die Stabilität des Finanzsystems zu garantieren. Bundesrat und Spitzenbeamte führen aus, und das Parlament erteilt zwei Monate später den Segen, auf den man notfalls verzichten könnte.

Ende gut, alles gut? Mitnichten! Lesen Sie weiter...