Entführungsfall

07. Februar 2011 19:18; Akt: 04.03.2011 13:00 Print

«Mit jeder Stunde steigen die Befürchtungen»

Trotz internationaler Grossfahndung bleiben die Zwillinge Alessia und Livia verschollen. Bei der Familie wächst die Angst vor dem Schlimmsten – auch beim Cousin der Mutter in Süditalien.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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«Wir erleben derzeit einen unglaublichen Albtraum», sagt Roberto Mestichelli, Cousin der Mutter der beiden entführten Zwillinge, «es braucht mittlerweile schon viel guten Willen, noch an ein einigermassen versöhnliches Ende der Geschichte zu glauben.» Die Hoffnung auf ein glückliches Auffinden von Alessia und Livia sei aber noch nicht verloren, versichert der Anwalt aus dem mittelitalienischen Städtchen Ascoli Piceno.

Die Banden der Familie Mestichelli sind stark: Trotz der geographischen Distanz – ein Teil der Grossfamilie wohnt in der Schweiz – versucht man, so regelmässig wie möglich in Kontakt zu bleiben. «Meine Cousine und ihre Zwillinge habe ich letztmals im Sommer anlässlich eines runden Geburtstags gesehen. Die beiden Sechsjährigen haben die ganze Zeit mit meiner Tochter gespielt», sagt Roberto Mestichelli am Telefon. Matthias S. – der Ehemann seiner Cousine, der sich am vergangenen Donnerstag das Leben nahm – sei damals nicht dabei gewesen. «Spätestens dann war mir klar, dass etwas nicht mehr stimmte in ihrer Ehe», so Mestichelli. Nie hätte er sich aber vorstellen können, dass der Ingenieur der Tabakfirma Philip Morris zu solch einer Entführung fähig gewesen wäre: «Er liebte seine beiden Mädchen über alles.»

Mit der Fähre nach Korsika?

Der Verbleib von Alessia und Livia bleibt weiterhin im Dunkeln: Unklar ist insbesondere, ob Matthias S. mit ihnen in Marseille eine Fähre bestieg, um nach Korsika oder eventuell gar Sardinien zu gelangen. «Mit Sicherheit können wir einzig sagen, dass Matthias S. im Zentrum von Marseille ein Ticket für drei Personen kaufte und dieses danach entwertet wurde», sagt Marc Reverchon, Generaldirektor des Fährunternehmens «La Méridionale» auf Anfrage von 20 Minuten Online. Man werde nun in den nächsten Stunden alle betroffenen Seeleute befragen und erhoffe sich dadurch wichtige Erkenntnisse: «Aber auch falls Matthias S. an Bord war, ist es durchaus möglich, dass die Mädchen bei der Ticketkontrolle unerkannt im Auto blieben», so Reverchon.

Die französische Polizei hofft in ihren Ermittlungen unter anderem auf die Bilder von Überwachungskameras. Diejenigen des Fährbetreibers werden allerdings nicht aufschlussreich sein: «Die Videobänder werden standardmässig nach 48 Stunden wieder überschrieben. Im vorliegenden Fall kam der Hinweis zu spät», sagt Reverchon. Bleibt zu hoffen, dass die Überwachungsbilder vom Hafen länger aufgezeichnet bleiben.

(fum)