Livia und Alessia

20. Februar 2011 17:20; Akt: 04.03.2011 13:11 Print

Verschwundene Koffer und ein Frauenmantel

Die Mutter der verschollenen Livia und Alessia erklärt, weshalb die Zwillinge bei einer Frau sein könnten. Sie sprach am Fernsehen auch ausführlich über Matthias S.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Für Irina L. ergibt einiges im Entführungsfall ihrer Töchter keinen Sinn. Sie könne nicht glauben, dass ein Mann, der seine Kinder liebe, diese umbringe, sagte die Mutter dem italienischen Fernsehsender «Canale 5» am Sonntag: «Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und solange ich die Kinder nicht sehe, kann ich es nicht glauben.»

Die Mutter führt weitere Elemente an, die sie am Tod von Livia und Alessia zweifeln lassen. So seien Koffer aus der Wohnung des Vaters Matthias S. verschwunden, der sich am 3. Februar bei Cerignola vor den Zug geworfen hatte. Niemand wisse, wo die Koffer seien.

Sie erinnerte sich auch, einen Frauenmantel in der Wohnung gesehen zu haben. «Eines ist sicher: Die Besitzerin des Mantels ist noch nicht gefunden», sagte Irina L. Keiner der Freunde ihres Ex-Mannes habe sagen können, dass Matthias S. eine Liebhaberin hatte. «Die Möglichkeit besteht weiterhin, dass er Livia und Alessia einer Person in Obhut gab.»

Wut und Verzweiflung erst in den Briefen

Irina L. gab auch Details über die Beziehung zu ihrem Mann nach der Scheidung preis. Er habe die Zwillinge immer sehen dürfen, wenn er das gewünscht habe. «Auch an Wochenenden, an denen sie bei mir bleiben sollten.» Ausserdem habe er sie auch an einem Tag unter der Woche gehabt. «Ich habe immer alles im Interesse der Mädchen gemacht, weil ihre Beziehung zum Vater wichtig ist», sagte sie am italienischen Fernsehen.

Getroffen hat sie auch, dass ihr Mann ihr gegenüber nie gesagt habe, was er in seinem Innern fühle. «Erst als jeder Kontakt abgebrochen war, äusserte er sich in seinen Briefen zum ersten Mal so heftig und verzweifelt», sagt sie. Seine wahren Gefühle habe er erst verraten, als er ihnen keine Chance mehr liess, etwas zu ändern.

Messe für Livia und Alessia

In Italien wurde am Sonntagnachmittag für die verschwundenen Zwillinge eine Messe gehalten. Gemäss der italienischen Nachrichtenagentur Ansa fand sie in der Kathedrale Saint Emidio in Ascoli Piceno statt: Die Mutter der Zwillinge stammt aus der Region Ascoli.

Der Bischof sprach über das Geschenk des Lebens und verlieh der Hoffnung Ausdruck, die beiden sechsjährigen Mädchen lebend wiederzufinden.

Minutiöse Suche nach Indizien

Jedes Detail ist hilfreich bei der Suche nach den Zwillingen aus Saint-Sulpice. Jedes Indiz, jede Spur wird verfolgt, seien sie noch so winzig oder schwach. Derzeit untersuchen die Spurensicherer in Rom einen Kugelschreiber.

Gefunden wurde er in Süditalien - nahe der Geleise, wo sich der Vater der Zwillinge vor den Zug geworfen hatte, teilte die Ansa am Samstag mit. Der Kugelschreiber trägt die Aufschrift «La Méridionale». Auf einer Fähre dieser Reederei ist der Vater von Frankreich nach Korsika gefahren.

DNS-Spuren auf Kugelschreiber?

Sollten auf dem Kugelschreiber DNS-Spuren der Zwillinge gefunden werden, würde dies gemäss Ansa bestätigen, dass die Zwillinge ebenfalls auf der Fähre von Marseille nach Propriano im Süden Korsikas waren. Zudem werden die Gleise nochmals Zentimeter für Zentimeter abgesucht, um weitere Überreste des Navigationsgeräts von Matthias S. zu finden. Der Vater der Zwillinge hatte es bei seinem Suizid offenbar auf sich getragen. Das Gerät war dabei stark zerstört worden.

Bis anhin konnte die Irrfahrt des Vaters nicht vollständig rekonstruiert werden. «Bis heute wissen wir nicht, wo die beiden Mädchen sind. Wir wissen nichts über ihr Schicksal», sagte der Marseiller Staatsanwalt Jacques Dallest zuletzt anlässlich eines Treffens der verschiedenen Ermittler am Mittwochmorgen in Marseille.

(rub/ann/sda)