Mutter der Zwillinge

15. Februar 2011 16:53; Akt: 04.03.2011 13:06 Print

«Hat er eine Komplizin in Lyon abgeholt?»

Die Familie der entführten Zwillinge Alessia und Livia schöpft neue Hoffnung: Hat der Vater möglicherweise eine Komplizin am Flughafen Lyon einsteigen lassen?

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Der Fall rund um die beiden vermissten Zwillingsmädchen Alessia und Livia und ihren Vater Matthias S. bleibt mysteriös: Noch immer arbeiten die Ermittler in allen drei involvierten Ländern mit Hochdruck daran, Licht in die weiterhin dunklen Punkte der Entführung zu bringen.

Neben dem Verbleib der beiden Kinder bleibt insbesondere auch der Reiseweg des Vaters ein Rätsel: Weshalb fuhr er am Sonntag, 30. Januar, mit seinem Audi A6 nicht auf direktem Weg nach Marseille? Matthias S.' Mobiltelefon wurde an jenem Abend nämlich in unmittelbarer Nähe des Flughafens Lyons, also mehr als eine halbe Autostunde von der eigentlichen Route entfernt, ein letztes Mal geortet.

Der Strohhalm der Hoffnung

Die Familie der Zwillinge schöpft aus dieser Ungereimtheit neue Hoffnung. «Wir fragen uns, ob Matthias S. womöglich eine Komplizin am Flughafen Lyon abgeholt hat», sagt die Mutter der Mädchen gegenüber 20 Minuten Online. Dies würde auch erklären, weshalb der Vater beispielsweise beim Kauf der Fährtickets ohne die Mädchen gesichtet wurde. Waren sie während dieser Zeit von der unbekannten Frau betreut?

Grundlage dieses Strohhalms der Hoffnung sind Aussagen mehrerer Personen auf Korsika, die Alessia und Livia in Begleitung einer blonden Frau gesehen haben wollen. Aufgrund der gemachten Angaben stuft die Polizei die Zeugen als glaubwürdig ein - ein Hinweis, der die Familie hoffen lässt, dass sich die Kinder bis zum heutigen Tag in der Obhut der Unbekannten befinden könnten.

Frau während der Planung kontaktiert?

Da die Familie in früheren Jahren mehrere Male die Ferien auf der Mittelmeerinsel verbrachte, lag die Vermutung nahe, dass sich Matthias S. und die «blonde Frau» aus dieser Zeit kannten. Die Mutter der Zwillinge ist allerdings überzeugt, «nie eine Frau getroffen zu haben, die der Beschreibung entspricht».

Sollte die Piste der unbekannten Begleiterin also wahr sein, bleibt nur die Hypothese, dass Matthias S. sie bei der akribischen Planung seiner Tat kontaktiert und irgendwo auf der Flucht aufgegriffen hat. Der von 20 Minuten Online kontaktierte Kindsrückentführer stützt diese These: «Kidnapper haben immer Helfer und Helfershelfer. Ich glaube, dass Livia und Alessia noch am Leben sind.»

(fum)