Livia und Alessia

25. Februar 2011 10:15; Akt: 04.03.2011 13:12 Print

Schlammige Stiefel in der Villa von Matthias S.

von Annette Hirschberg - Neue Indizien im Fall der verschwundenen Zwillinge: Schlammspuren an Stiefeln und weggeworfene Zahnbürsten richten den Fokus erneut auf die Schweiz.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Irina L. hat die Villa von Mathias S. zusammen mit der Polizei minutiös durchsucht. Nun hat die Mutter der verschwundenen Zwillinge Livia und Alessia aus St.Sulpice VD in der italienischen Sendung «Chi l’ha visto» über ihre Funde gesprochen. So sind ihr im Schuhschrank ein paar Militärstiefel aufgefallen, die voller Dreck waren.

«Es sind Stiefel, die er seit Jahren nicht mehr getragen hat und der Schlamm an den Stiefeln war frisch», so Irina L. Offenbar hatte sie Matthias S. am 30. Januar - als er Alessia und Livia entführte - noch getragen. Sein Nachbar hat ihn jedenfalls vor dem Verschwinden der Zwillinge in Stiefeln gesehen. Er beschrieb diese als grosse schwere Stiefel - so ähnlich wie Militärstiefel.

Was machte Matthias S. am Sonntagmorgen?

An jenem Morgen brachte der Vater seine Zwillinge zu ebendiesem Nachbarn, und holte sie erst gegen ein Uhr wieder ab. Er habe etwas Wichtiges zu erledigen erklärte er damals dem Nachbarn. Was er in dieser Zeit gemacht hat, ist unklar. Aber: Am Audi von Matthias S. hat man ebenfalls Schlammspuren gefunden.

Ausserdem deutet einiges darauf hin, dass Matthias S. den Wagen in dieser Zeit benutzt hat. Am Morgen früh sah ihn Irina L. in der Nähe des Eingangs parkiert. Der Nachbar war sich hingegen sicher, dass er später nicht mehr dort stand. Nun untersuchen die Behörden, ob der Schlamm am Auto und an den Stiefeln derselbe ist. «Vielleicht können die Ermittler anhand der chemischen Analyse auch feststellen, von wo der Schlamm stammt», mutmasst man in der Sendung «Chi l’ha visto».

Gepäckkleber von Koffern entfernt

Mehr wurde auch zu den zwei vermissten Koffern bekannt. Zuoberst im Badezimmer-Abfalleimer fanden die Ermittler zwei Gepäckkleber, die bei Reisen im Flugzeug an Koffern festgemacht wurden. Über den Gepäckklebern lagen noch zwei Kinderzahnbürsten: jene von Livia und Alessia. Matthias S. hatte also an jenem Sonntag die zwei Koffer - einen grossen schwarzen und einen etwas kleineren dunkelblauen - noch in der Hand gehabt und die beiden Gepäckkleber abgelöst.

Irgendwann an jenem Tag oder in den frühen Morgenstunden des Montags ist er losgefahren mit seinem Audi und drei Tage lang durch die Schweiz, Frankreich und Italien geirrt, um sich am 3. Februar im süditalienischen Cerignola das Leben zu nehmen. Ob er die Koffer und seine zwei Töchter dabei hatte, oder sie gar nie die Schweiz verliessen, ist weiterhin unklar. Von den Mädchen fehlt seither jede Spur und auch die Koffer sind unauffindbar.

«Eine makabere Schatzjagd»

Hat Matthias S. seine Kinder getötet, in die Koffer gelegt und begraben? Diese Vermutung legen die Indizien jedenfalls nahe. In einem Brief schrieb Matthias S. seiner Frau, er habe die Mädchen getötet. Sie hätten «nicht leiden müssen» und würden «in Friede ruhen». Die verdreckten Stiefel hat Matthias S. am Sonntag wieder in den Schrank gestellt und andere Schuhe angezogen. Dann ist er irgendwann losgefahren - ohne irgendetwas mitzunehmen. Die Taschen mit den Kleidern von Alessia und Livia standen unberührt in seiner Villa. Auf seine Irrfahrt in den Tod hat er sie nicht mitgenommen. Wofür also die beiden Koffer?

«Es ist eine makabere Schatzjagd, mit der er alle zu täuschen versucht», sagte Irina L. am Fernsehen, «Matthias hat alles gut durchdacht und lange geplant. Er konnte sicher sein, mich damit zu verletzen. Einer Mutter die Kinder wegzunehmen ist einfach sadistisch... er wollte sicher sein, dass ich leide!»