Vermisste Zwillinge

07. Februar 2011 11:32; Akt: 04.03.2011 12:55 Print

«Der Vater war fröhlich und gesellig»

Kurz vor seinem Tod ass Matthias S. bei Neapel eine Pizza - alleine. «Er wirkte normal», sagt der Chef der Pizzeria. Von Alessia und Livia aber fehlt jede Spur.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Ferdinando Trotta kann es noch immer nicht glauben: «Matthias S. ass seine letzte Mahlzeit bei mir», sagte der Geschäftsführer einer Pizzeria in Vietri sul Mare in der Zeitung «Le Matin». Bevor sich der Vater der beiden vermissten Mädchen Alessia und Livia um 23 Uhr in Cerignola vor den Zug warf, gönnte er sich zum Mittagessen ein ausgiebiges Mahl. «Er wirkte wie ein gewöhnlicher Kunde», sagt Trotta, «ich hätte nicht gedacht, dass er solche Schlagzeilen macht.»

Matthias S. sei gegen 13.20 Uhr gekommen. «Er war allein – ohne die Mädchen», sagt Trotta. Er habe gefragt, ob er noch eine Pizza bekomme. «Das Restaurant war halb voll. Ich gab ihm deshalb einen Tisch im ersten Stock», so Trotta weiter. Matthias S. wirkte weder gestresst, noch benahm er sich komisch. Im Gegenteil: «Er war zwar sehr ruhig, aber auch fröhlich und gesellig», sagt der Chef der Pizzeria. Der 44-Jährige habe sich Zeit gelassen. Er bestellte als Vorspeise einen Antipasti-Teller mit Salami und Schinken, eine Pizza Capricciosa, ein Dessert und zum Abschluss gönnte er sich einen Amaretto.

«Er schaute die Kinder am Nachbartisch nicht an»

«Er nahm auch eine Flasche Wasser – alles für 27,50 Euro», so Trotta weiter. Er habe grossen Appetit gehabt, danach sei man ins Gespräch gekommen. «Er sagte, die Pizza sei exzellent gewesen und wir unterhielten uns über ein Bild an der Wand.» Nur eines ist dem Pizzeria-Chef komisch vorgekommen am Mann in Jeans und Hemd. «Er sah die Kinder am benachbarten Tisch weder an, noch spielte er mit ihnen.» Er achtete aber nicht weiter darauf, doch als Trotta am nächsten Abend das Bild von Matthias S. in der Nachrichtensendung sah, gefror ihm das Blut in den Adern.

«Ich rief sofort die Polizei an. Ich war mir absolut sicher: Das ist mein Kunde», so Trotta. Er habe sich Sorgen um dessen beide Kinder gemacht. «Ich hoffte, dass sie durch den Hinweis die Mädchen finden», so der Pizzeria-Chef. Die Polizei kam am Sonntag mit Spürhunden vorbei und nahm die Fährte auf, von den Zwillingen aber fehlt weiterhin jede Spur. Obwohl es zurzeit noch keine Beweise gibt, dass sich die beiden Mädchen in Italien befinden, sucht die Polizei intensiv rund um Cerignola bei Bari nach den verschwundenen Mädchen, schreibt die Italienische Nachrichtenagentur ANSA. Neue Hoffnung schöpfte die Familie durch einen Hinweis aus Mailand.

Hoffnungsschimmer aus Mailand erblasst

Keine 24 Stunden nach dem Tod von Vater Matthias S. in Cerignola sollen die beiden Mädchen bei Mailand gesehen worden sein. «Alessia und Livia sind in Monza gesehen worden», sagte der Bruder der Mutter am Sonntag im Westschweizer Fernsehen. Die Kantonspolizei Waadt liess die Hoffnung allerdings kleiner werden. «Es gibt keine Belege, dass sie gesichtet wurden», sagt ein Sprecher zu 20 Minuten Online.

Auch die Polizei in Marseille tappt weiterhin im Dunkeln: «Wir arbeiten mit Hochdruck an der Aufklärung des Falls, er hat für uns höchste Priorität», so die zuständige Sprecherin. Man sei beispielsweise daran, alle vorhandenen Videoaufnahmen von den Häfen in Marseille und dem korsischen Propriano zu sichten. Die Mutter von Alessia und Livia gibt die Hoffnung nicht auf, wie sie sagt: «Ich bin mir sicher, dass Matthias ihnen nichts angetan hat.»

(fum/amc/sda)