Alessia und Livia

10. Februar 2011 16:26; Akt: 04.03.2011 13:02 Print

Brief vom Vater - «Habe die Mädchen getötet»

Kurz bevor sich der Vater der entführten Zwillingsmädchen das Leben nahm, schrieb er einen grausamen Brief an seine Frau. Darin verkündete er den Tod der beiden Mädchen.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Die Hoffnung auf ein versöhnliches Ende des Entführungsfalls der Zwillingsmädchen Alessia und Livia verflüchtigt sich immer mehr: Wie die Kantonspolizei Waadt in einer Pressekonferenz mitteilte, hat der Vater Matthias S. seiner Frau schriftlich mitgeteilt, dass er die Mädchen getötet habe. Sie hätten «nicht leiden müssen» und würden «in Friede ruhen». Des Weiteren merkte er an, dass er sich im süditalienischen Cerignola befinde und sich demnächst das Leben nehmen werde. Kurze Zeit später setzte er seine Ankündigung in die Tat um.

Der Brief wurde am 3. Februar im süditalienischen Bari - unweit von Cerignola - abgeschickt. Die Waadtländer Polizei hat die Information über dessen Existenz in den letzten Tagen bewusst zurückgehalten - aus «ermittlungstaktischen Gründen und Respekt gegenüber der Privatsphäre der Familie», wie sie in einem Communiqué schreibt.

Reiseweg wird klarer

Auch der Reiseweg des offenbar seelisch schwer angeschlagenen Vaters wird immer klarer: Nach der Überfahrt von Marseille nach Korsika in Begleitung seiner Töchter kehrte er laut Polizeiangaben am 1. Februar von Bastia nach Toulon aufs französische Festland zurück - alleine. Von dort fuhr er mit seinem Privatauto weiter Richtung Süditalien.

Die Ermittlungen zur Auffindung der Zwillinge konzentrieren sich deshalb auf Korsika. Ein besonderes Augenmerk gilt hierbei dem Nordosten der Mittelmeerinsel: Matthias S. kam in der Vergangenheit aus privaten und geschäftlichen Gründen mehrmals in diese Region. Die Kantonspolizei Waadt wird dieses Wochenende zwei Inspektoren nach Korsika entsenden, um die Zusammenarbeit mit den französischen Behörden zu intensivieren.

Augenzeuge wollen die beiden Mädchen auf Korsika gesehen haben. Eine ältere Frau sagte beispielweise gegenüber einer Lokalzeitung, ihr seien die Kinder in Begleitung einer «50-jährigen Frau mit hellen Haaren» aufgefallen. Sie könne sich aber natürlich auch irren, so die selbst deklarierte Zeugin.

Informationen zu Giften und Suiziden gesucht

Die Polizei hatte bereits am Donnerstag Informationen veröffentlicht, die auf ein tragisches Ende der Entführung hindeuten. Bestätigen konnten die Untersuchungsbehörden frühere Aussagen von Valerio Lucidi, dem Onkel der entführten Zwillinge. Beim Durchsuchen des Büro-Computers von Vater Matthias S. seien die Beamten unter anderem auf Webseiten gestossen, die mit dem Fall in Verbindung stehen könnten.

So hat Matthias S. am Freitag vor zwei Wochen, also zwei Tage vor der Entführung der Mädchen, Seiten mit Informationen über Gifte, Suizide und Schusswaffen konsultiert. Zudem habe er Fahrpläne für die Überfahrt mittels Fähre von Marseille auf die Mittelmeerinsel Korsika angeschaut. «Dies ist äusserst beunruhigend», sagte Lucidi, «es könnte sich dabei um einen Hinweis auf einen grausamen Vorsatz handeln.»

Familie des Vaters «bestürzt»

Erstmals haben sich die Eltern und Geschwister des Vaters der verschwundenen Zwillinge aus St-Sulpice VD zu Wort gemeldet. Sie zeigten sich überzeugt, dass ihr Sohn und Bruder unter einer «schweren seelischen Störung» gelitten haben müsse. Nur der «Verlust seiner normalen Persönlichkeit» in dieser Zeit könne erklären, dass er «so schreckliche Taten vollbringen konnte», hiess es in der Medienmitteilung vom Freitagmorgen weiter. Sie hätten ihn «immer als liebevollen und fürsorglichen Vater erlebt», dem seine Familie alles bedeutet habe.

Die Eltern und Geschwister äusserten sich weiter «bestürzt und voller Sorge» über die Geschehnisse der letzten Tage. Sie litten unter dem Tod ihres Sohnes und Bruders und dem «ungewissen Schicksal unserer beiden Nichten und Enkelinnen».

Aufnahmegerät gesucht

Die italienischen Ermittler konzentrieren sich derweil auf die Suche nach einem Aufnahmegerät, das der Vater immer bei sich getragen haben soll. Sie hoffen auf eine Botschaft über den Verbleib der Töchter.

Dafür wurde im waadtländischen St-Sulpice, dem Wohnort der Eltern, die Suche nach Spuren von Alessia und Livia eingestellt. Die Polizei habe vor Ort alles unternommen, was möglich sei, sagt Jean-Christophe Sauterel, Mediensprecher der Kantonspolizei Waadt. Die Taucher und die Hundeführer sind mittlerweile nicht mehr im Einsatz.

Wie die italienische Presseagentur ANSA meldet, soll am Donnerstagabend in einer Kirche von Cerignola eine Andacht für Alessia und Livia stattfinden.

(fum/uwb/rub)