Livia und Alessia

08. Februar 2011 15:07; Akt: 04.03.2011 13:01 Print

«Matthias S. hat uns das Geld geschickt»

In Marseille hob Matthias S. 7000 Euro ab. Doch nicht um Livia und Alessia zu versorgen. Die Hoffnung sei geschrumpft, sagte deren Onkel vor den Medien.

Bildstrecke im Grossformat »
Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Vor rund 30 Journalisten aus der Schweiz, Frankreich und Italien gab der Onkel von Livia und Alessia über den Stand der Suche Auskunft. Valerio Lucidi sagte, die Mutter der Mädchen habe bis heute acht Briefsendungen mit 50 Euro-Scheinen erhalten. Die Waadtländer Kantonspolizei gab den Gesamtbetrag an ihrer Medienkonferenz am Dienstagabend mit 4400 Euro an.

Alle Umschläge seien am vergangenen Donnerstagabend auf der Post des Bahnhofs von Cerignola aufgegeben worden, wo sich Matthias S. am selben Abend das Leben nahm. Keine der Geldsendungen habe ein Schreiben enthalten, sagte Lucidi, der Bruder der Ex-Frau von Matthias S.

«Dass wir das Geld erhalten haben, beunruhigt uns - denn es zeigt, dass es keine Betreuungsperson gibt», sagte Valerio Lucidi. Matthias S. hatte in Marseille 7000 Euro abgehoben, bevor er weiter nach Cerignola reiste. Bei seiner Leiche fand man allerdings nur 100 Euro. Die Vermutung kam auf, der Vater habe Livia und Alessia nach Cerignola mitgenommen und dort jemanden mit dem Geld für die Betreuung der beiden bezahlt.

Neuer Zeuge aufgetaucht

An ihrer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz später am Dienstag, gab die Polizei bekannt, ein Zeuge sei aufgetaucht, der am Dienstagmorgen gesehen haben will, wie der Vater die Fähre in Korsika verlassen hatte - ohne die Mädchen. Ob die Kinder auf dem Schiff waren, hat sich nach Angaben der Kantonspolizei bisher nicht bestätigen lassen. Von der Hand gewiesen werden kann es aber ebenfalls nicht.

Noch immer ist die Reiseroute des Vaters unklar. Sein Handy wurde das letzte Mal am Sonntag, 30.1., gegen 18.15 Uhr in der Region Annecy F, unweit der Schweizer Grenze, geortet.

Familie beunruhigt

Valerio Lucidi sagte, man sei sehr beunruhigt. «Die Hoffnung auf ein gutes Ende ist winzig geworden.»

Obwohl Lucidi zu Beginn der Pressekonferenz die wichtige Rolle der Presse - insbesondere bezüglich Zeugenaufrufen - betonte, kritisierte er zum Schluss die Medien. Entgegen anderslautenden Berichten habe Matthias nie ein SMS an seine Ex-Frau geschickt, in dem er sich geweigert habe, die Kinder zurückgegeben.
«Sie hatten lediglich SMS-Kontakt darüber, dass sie sich nächstes Mal mit den Kindern besser organisieren sollen.»

Der Onkel sagte den Journalisten, künftig werde nur noch die Polizei über den Fall informieren. Er werde damit nicht fertig. «Einige von euch schreiben nur Mist», sagte Lucidi.

(Video: 20 Minutes Online)

(job/sda)