Vermisste Zwillinge

16. Februar 2011 16:15; Akt: 04.03.2011 14:12 Print

Ein neuer Zeuge und hoffen auf das Diktiergerät

Im Fall der verschwundenen Zwillinge gehen die Ermittler Hinweisen aus drei Ländern nach. Die Blutspur auf Korsika wird derzeit ausgewertet, das Diktiergerät könnte neue Hinweise geben.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Die Suche nach Alessia und Livia geht unvermindert weiter. Sämtliche Spuren werden derzeit geprüft und ausgewertet, egal ob aus der Schweiz, Italien oder Korsika. Das Ganze sei ein Rätsel, sagte der Marseiller Staatsanwalt Jacques Dellest am Mittwoch in Marseille nach einem Treffen zwischen den Ermittlern aus Frankreich, Italien und der Schweiz.

Eine Spur allerdings liess in den letzten Tagen aufhorchen: Die gefundene Blutspur auf Korsika. Auf die Insel setzte sich der Vater nach dem Verschwinden der Zwillinge ab. Zeugen wollen in der fraglichen Zeit auch die Mädchen auf Korsika gesehen haben. Doch über die Blutspur gab es am Mittwoch in Marseille keine Neuigkeiten. Die Resultate der Untersuchungen sind weiter ausstehend, sagte Dellest.

Sicher sei einzig, dass der Vater von Livia und Alessia im Süden Italiens vor seinem Suizid einen Brief an die Mutter geschickt habe, in dem stand, dass die beiden Mädchen tot seien, sagte Dallest. Was dieser Brief zu bedeuten habe, müsse jedoch erst noch geklärt werden.

«Alle Möglichkeiten in Betracht ziehen»

Der Waadtländer Staatsanwalt Pascal Gilliérion betätigte seinerseits, dass die Ermittler immer noch auf der Suche nach dem Diktiergerät des Vaters sind, welches dieser immer dabei hatte. Das Gerät könnte eine Botschaft enthalten, die Aufschluss über das Schicksal der beiden Mädchen geben könnte.

Gilliéron betonte, dass die Ermittler nichts ausschliessen würden. «Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen.» Weder, dass die Zwillinge die Schweiz gar nie verlassen hätten, noch dass der Vater eine Komplizin aus der Gegend von Lyon gehabt haben könnte, wie die Mutter der Zwillinge gegenüber 20 Minuten Online vermutete.

Man ermittle weiter in diese Richtung, sagte er und verwies auf das Mobiltelefon des Vaters, das am Tag der Entführung, am 30. Januar, am Flughafen von Lyon hatte geortet werden können.

Irrfahrt des Vaters gibt weiter Rätsel auf

Die Ermittler versuchen inzwischen weiterhin, die Irrfahrt des 43- Jährigen Vaters zu rekonstruieren. Dieser war am 30. Januar zusammen mit seinen beiden Töchtern von seinem Wohnort St-Sulpice in Richtung Marseille losgefahren. Die Spur der Mädchen verliert sich auf der Fähre von Marseille nach Korsika in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar.

Laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa ist jedoch ein neuer Zeuge aufgetaucht, der einen Mann mit zwei blonden Mädchen im Hafen von Propriano (Korsika) gesehen haben will. Während er die Kinder identifizieren konnte, war er sich beim Vater nicht sicher. Zudem will der Mann einen schwarzen Audi mit Schweizer Kennzeichen gesehen haben. Die Zeugenaussage wird zurzeit geprüft.

(meg/sda)