Livia und Alessia

16. Februar 2011 21:03; Akt: 09.03.2011 14:17 Print

«Die Tat war gut vorbereitet»

von Grégoire Corthay - Eine Profilerin hat sich den Fall der verschwundenen Zwillinge angeschaut. Sie schätzt die Chance, dass die beiden noch am Leben sind, auf zehn Prozent.

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Carine Hutsebaut ist Belgierin, ihr Handwerk lernte sie beim FBI. Sie denkt sich in das Gehirn von Mördern, Vergewaltigern und anderen Schwerverbrechern, um so auf deren Spur zu kommen. 20 Minuten befragte die Profilerin und Buchautorin, die Mitte März einer Akademie zur Schulung von Profilern eröffnet, über ihre Eindrücke im Fall der vom Vater entführten Zwillinge.

Was denken Sie über den Fall der Zwillinge aus St. Sulpice?

Carine Hutsebaut: Ich muss vorausschicken, dass ich nur über wenige, konkrete Informationen verfüge, um diese Frage zu beantworten. Was mich augrund von meinen Erfahrungen mit ähnlichen Fällen am meisten erstaunt, ist die Tatsache, dass es keine 100 Prozent verlässlichen Zeugen gibt, welche die Zwillinge ausserhalb der Schweiz gesehen haben. Auf Fotos sehen Livia und Alessia wie zwei blonde Engel aus - sie fallen einem deshalb auf, wenn man ihnen begegnet. Daher wäre es gut möglich, dass die beiden immer noch in der Schweiz sind, tot oder lebendig...

Denken Sie, dass die Zwillinge noch am Leben sind?
Ich denke, diese Chance liegt noch bei 10 Prozent. Diese Wahrscheinlichkeit rechfertigt den Einsatz aller möglichen Mittel, um nach den beiden zu suchen.

Welche Spuren würden Sie verfolgen?
Mir fehlen die Details, um ein psychologisches Profil von Matthias S. zu erstellen und seinen Geisteszustand während seiner Taten zu verstehen. Aus welchen Gründen hat sich das Paar getrennt? Wie weit war der Scheidungsprozess des Paares fortgeschritten? Was verbindet ihn mit Korsika? Welche Ortskenntnisse hat er? Wo hat er seine Jugend verbracht? Wo ging er zur Schule? In welchem Alter zog er aus Toronto weg, wo er geboren worden ist? Wie gut fühlte er sich im Wasser, was hat er für einen Bezug zum Tauchen? Welcher Religion gehörte er an? Warum hat er sich therapeutisch begleiten lassen? Hat er getrunken? War er gewalttätig? Ich würde zudem ein Gespräch mit dem älteren Bruder von Matthias führen. Auch das wäre eine Möglichkeit zu verstehen, wie Matthias funktionierte.

Wie erklären Sie sich Matthias' Reise? Die Tatsache, dass er sich in Süditalien allein umbrachte, nachdem er aus der Schweiz über Korsika dorthin gereist ist?
Dass er sich weit weg von seinen Kindern umgebracht hat, ist nicht aussergewöhnlich. In einem Brief hat er angekündigt, dass die Zwillinge in Frieden ruhen. Um diesen Frieden nicht zu stören, hat er sich dazu entschieden, sich anderswo umzubringen. Er lenkt damit die Aufmerksamkeit von dem Ort weg, wo sich die Mädchen befinden. Egal ob sie noch leben oder tot sind.

Wie erklären Sie sich seine Handlungsweise? War er in einem Wahnzustand?
Nein. Er scheint alles gut vorbereitet zu haben. Für ihn war der Selbstmord ein Mittel, um seinem Leiden ein Ende zu bereiten. Er hat sehr egoistisch gehandelt und sich um alles andere foutiert.

Was denken Sie über das Verhalten der Mutter und ihre Auftritte in den Medien?
Das Ganze ist ein Desaster für die Familie. Ich verstehe die Verzweiflung der Mutter. Sie ist in einem Ausnahmezustand ähnlich wie dies die Mutter der kleinen Maddie war. Sie hat eine Art Überlebensmodus eingeschaltet. Ich hoffe nur, dass sich die Medien nicht wie in anderen Fällen auf die Mutter stürzen, weil es keine anderen News gibt.

Gab es im Voraus Zeichen, aus denen die Mutter schliessen könnte, was mit den Kindern passiert ist?
Absolut. Ich bin sicher, dass es Signale des Vaters gab, die seine Umgebung und seine Freunde hätten wahrnehmen können. Man weiss aus Trennungen, dass vielfach Therapeuten oder Anwälte noch Öl ins Feuer giessen und zwischen den Parteien zu wenig geredet wird. Ich habe den Eindruck, dass Matthias davon ausgehen musste, dass ihm nach der Scheidung nichts mehr bleibt.

Kennen Sie ähnliche Fälle, wo Eltern mit ihren Kindern wegfahren und sich dann umbringen?
Nicht mit Zwillingen. Aber ich habe mich mit drei bis vier solchen Fällen beschäftigt, wo die Väter es nicht aushielten, plötzlich von ihren Frauen abgelehnt zu werden. In solchen Fällen empfinden die Väter ihre Kinder als eine Art Erweiterung ihrer selbst. Töten Sie die Kinder, glauben sie dann an die Wiedervereinigung im Jenseits. Grundsätzlich glauben die Väter, dass die Kinder nach ihrem Selbstmord nicht alleine weiterleben könnten. Deshalb nehmen sie sie mit.

(Bearbeitung uwb)