Vermisste Zwillinge

21. Februar 2011 19:34; Akt: 04.03.2011 14:13 Print

Strand auf Korsika durchkämmt

von Annette Hirschberg - Eine Schar von Beamten geht weiteren Spuren auf Korsika nach. Gleichzeitig wurden die Zwillinge angeblich im italienischen Treviso gesehen.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Am Montagmorgen durchkämmten 50 Beamte den Strand von Palombaggio bei Porto Vecchio im Südosten der Insel Korsika. Gemäss dem französischen Radio RTL waren sie auf der Suche nach Livia und Alessia, den beiden seit dem 30. Januar verschwundenen Schweizer Zwillingen.

Gleichzeitig häufen sich Meldungen von Personen, die glauben, Livia und Alessia gesehen zu haben. So ist eine Frau im süditalienischen Salento tief und fest überzeugt, die Mädchen hätten im Januar dort in einer Kaffeebar gesessen. «Seit Tagen schlafe ich nicht mehr. Ich fürchte, man wird mir nicht glauben. Aber ich habe die Zwillinge ganz sicher gesehen, zusammen mit einem erwachsenen Paar», sagt die pensionierte Lehrerin.

Auch in der norditalienischen Stadt Treviso, unweit von Venedig, wurde die Polizei aufgeschreckt. «Kommt schnell, hier sind zwei Kinder, die aussehen wie die verschwundenen Schweizer Zwillinge», meldete sich eine Person aus einem Hotel bei der Alarmzentrale. Und sie war nicht die einzige. Doch leider handelte es sich um einen falschen Alarm, wie die Polizei vor Ort feststellte. Die zwei blonden Mädchen, die Livia und Alessia tatsächlich zum verwechseln ähnlich sahen, waren zwei holländische Schwestern, die mit ihren Eltern unterwegs waren.

GPS bringt keine neue Information

Die Untersuchung des kaputten Navigationsgerätes aus dem Auto des Vaters Matthias S. hat vorerst zu keinen neuen Erkenntnisen geführt, wie der zuständige Staatsanwalt in Italien am Montag bekannt gab. Nach der Analyse wurde das Gerät dem Hersteller zugesandt - in der Hoffnung, dass dieser doch noch neue Informationen herauslesen kann, berichtete die Nachrichtenagentur ansa.

Die Teile des kaputten Gerätes waren in Cerignola gefunden worden. Dort hatte sich der Vater der Zwillinge aus St-Sulpice VD vor einen Zug geworfen. Mit Hilfe des Navigationsgerätes hoffen die Ermittler, die Route des Autos rekonstruieren zu können.

DNA-Spuren noch nicht ausgewertet

Während die Polizeikorps in der Schweiz, Frankreich und Italien unzähligen Hinweisen nachgehen, versuchen mehrere Labors auch DNA-Spuren der Mädchen auf der Reiseroute des Vaters zu finden. So etwa auf einem Kugelschreiber der Fährgesellschaft mit der Matthias S. nach Korsika gereist war. Damit könnte bewiesen werden, dass die Mädchen am 1. Februar zusammen mit ihrem Vater auf der Fähre waren. «Die Auswertungen sind noch nicht abgeschlossen, darum können wir noch nicht sagen, ob die Mädchen den Stift berührt haben», erklärt Alfredo Fabrocini, Untersuchungsleiter im Fall Livia und Alessia im süditalienischen Foggia.

Keine Angaben gibt es bis jetzt auch zu den gefundenen Blutspuren im Norden von Korsika. «Wir geben keinen Kommentar ab», heisst es auf Anfrage von 20 Minuten Online aus dem Büro von Staatsanwalt Jacques Dallest in Marseille. So ist weiterhin unklar, ob es sich bei den Spuren überhaupt um menschliches Blut handelt.

Korsika im Fokus - Schweiz nicht ausgeschlossen

Befragt vom TV-Sender Rai2, gab der Staatsanwalt Vincenzo Russo nun bekannt, dass ausgeschlossen werden könne, dass die Zwillinge mit dem Vater nach Italien gereist seien. Es gebe keine Hinweise auf eine Einreise der beiden Mädchen.

Der Waadtländer Staatsanwalt Eric Cottier geht davon aus, dass die Kinder via Frankreich nach Korsika gebracht worden sind. Es sei aber auch möglich, dass die Zwillinge die Schweiz nie verlassen haben, wie er am Sonntag gegenüber dem italischen TV-Sender Canale 5 sagte.