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14. Februar 2011 12:23; Akt: 04.03.2011 13:06 Print

«Alessia und Livia leben noch»

von A. Mustedanagic - Er spürt entführte Kinder auf und bringt sie zurück: 20 Minuten Online sprach mit einem Agenten einer Rückentführungsfirma über den Fall Alessia und Livia.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Die Regeln für das Interview sind deutlich: Keine Namen, keine Fotos und auch sonst nichts, das Rückschlüsse auf die Identität des Mannes ermöglicht. Wer das Geschäft des Agenten kennt, versteht warum: Sein Job ist es, entführte Kinder aufzuspüren und zur Familie zurückzubringen – meist illegal (siehe Infobox). Sein US-Arbeitgeber ist bei grenzüberschreitenden Kindsentführungen oft die letzte Anlaufstelle für verzweifelte Mütter und hoffnungslose Väter.

20 Minuten Online hat sich mit dem Agenten und Kindesentführungsexperten in einem Café in Zürich getroffen. Der Mann sieht aus wie der Nachbar von nebenan: kurze braune Haare, vertrauensvolle braune Augen, sympathisches Lachen. Er ist weder ein Berg von einem Mann noch taucht er im James-Bond-Outfit auf. Was er aber über den Fall von Alessia und Livia zu sagen hat, ist mindestens so spannend wie ein Spionagefall.

Ihr Job ist es, Kinder aufzuspüren und zurückzubringen. Haben Sie schon mal ein Kind aufgespürt, das nicht mehr am Leben war?
Nein, im Gegenteil. Ich habe Kinder aufgespürt, bei denen es hiess: Sie sind tot –wie im Fall der beiden entführten Zwillinge. Es gab in diesen Fällen auch Briefe, Todesnachrichten und viele vermeintliche Beweise mehr, aber die Kinder waren immer wohlauf, einfach irgendwo versteckt.

Sie glauben also nicht, dass die entführten Zwillinge tot sind?
Wenn ich von den Informationen in der Presse ausgehe, glaube ich, dass Alessia und Livia noch am Leben sind, ja.

Was macht Sie so sicher?
An der Entführung und der mutmasslichen Tötung der Zwillinge gibt es aus meiner Sicht einfach zu viele unklare Punkte. Ich beschäftige mich seit über 15 Jahren mit entführten Kindern und deren Verbleib, war vorher acht Jahre bei der Polizei, und während dieser ganzen Zeit ist mir kein ähnlicher Fall begegnet. Deshalb spricht für mich - trotz des Geständnisses des Vaters - zu viel dagegen, dass er sie wirklich umgebracht hat.

Matthias S. soll einfach psychisch verwirrt und verzweifelt gewesen sein. Ist doch möglich, dass er sehr irrational gehandelt hat.
Wenn mir meine Erfahrung etwas sagt, dann ist es, dass ein Vater seine Kinder nicht tötet, unauffindbar verscharrt, dann ein paar Tage herumfährt, Pizza isst und sich dann erst vor den Zug wirft. Egal, ob er verwirrt ist oder nicht: Wer den Mut hat, seine Kinder umzubringen, der hat auch den Mut sich anschliessend selbst zu richten.

Er könnte die Kinder auch einfach auf der Fähre von Bord geworfen haben, wie viele Medien spekulieren.
Sie müssen sich das Bild mal vorstellen: Sie werfen ihre eigene Kinder den Haien zum Frass vor – von einer vollen Fähre aus und schauen dann zu?! Das gab es noch nie! Nicht einmal in Amerika ist so ein Fall bekannt und meine Kollegen dort drüben haben einiges erlebt. Ich glaube auch nicht, dass er sie zunächst vergiftet hat. Wenn er wirklich Gift gehabt hätte, hätte er sich selbst auch damit umgebracht. Das braucht weniger Mut und ist sicherer als vor einen Zug zu springen.

Was irritiert Sie so sehr am Fall, dass Sie nicht an den Tod der Mädchen glauben?
Es beginnt beim Testament des Vaters: Würden Sie Ihr ganzes Vermögen Ihren Kindern vermachen, welche Sie zu töten planen? Und nehmen wir an, Sie haben wirklich ihre Kinder getötet, würden Sie anschliessend ein paar hundert Kilometer herumfahren, bevor Sie sich selbst umbringen? Matthias wusste, dass die Polizei hinter ihm her sein wird und dennoch stieg er immer wieder ins Auto und fuhr herum. Da stellt sich mir die Frage, warum riskiert er, dass er erwischt wird? Er muss einen Grund gehabt haben, warum er sich erst in Italien das Leben nahm.

Sie denken an Helfer, wie die blonde Frau, die angeblich mit den Zwillingen gesichtet worden ist?
Entführer haben immer Helfer und Helfershelfer. Es gibt auf der ganzen Fahrt keine Informationen, dass er irgendwo in einem Hotel geschlafen hat. Warum? Er wird kaum durchgefahren sein, irgendwann geht das nicht mehr - vor allem mit zwei quengelnden Mädchen im Auto. Wieso gibt es keine Aufnahmen von Tankstellen? Man kann ausrechnen, bis wohin er maximal fahren konnte. Irgendwo musste er ja tanken.

Wie würden Sie vorgehen, um die Mädchen zu finden?
Ich würde die Mutter zurück denken lassen: Gibt es Bekannte, Verwandte oder sonstige Kontakte auf Korsika, in Italien oder sonst wo auf der Strecke? Ich würde auch mal das Testament überprüfen, wer erbt nach den Kindern und wer profitiert vom Verschwinden? Seine ganze Kontaktdaten müssen überprüft werden: Mit wem hat er telefoniert, gechattet sowie SMS- und Email-Kontakt – und ich meine nicht in den Tagen vor der Entführung, sondern Wochen und Monate davor. Er hat die Tat ja offenbar länger geplant, das war keine Affekthandlung.

Es klingt so, als ob jedes Detail vom Leben des Vaters durchforstet werden muss.
Jede Kleinigkeit kann den nötigen Hinweis bringen. Wir machen das genau so, wenn wir jemanden suchen und nicht wissen, wo er ist. Der PC, die Handydaten, die Post, wenn noch was übrig ist – alles muss durchsucht und kontrolliert werden. Manchmal muss man auch seine Freunde befragen oder gar observieren, vielleicht verraten sie sich oder hängen mit drin. Ich kann es nur betonen: In Entführungsfällen gibt es in den allermeisten Fällen Helfer und Helfershelfer. Hat man die Wohnung des Vaters durchsucht – ich meine so richtig auf den Kopf gestellt? Wohl kaum. Irgendwo gibt es immer eine klitzekleine Spur oder eine Verbindung - die muss man finden.

Denken Sie, dass sein Navigationsgerät nicht gefunden wurde, weil er eine Spur verwischt?
Im Fall von Alessia und Livia gibt es noch viele, viele ungelöste Fragen. Entweder die Polizei sagt nicht alles oder es stimmt tatsächlich etwas nicht. Aus meiner Sicht darf man die Mädchen nicht aufgeben.