Vermisste Zwillinge

09. Februar 2011 10:58; Akt: 04.03.2011 13:02 Print

Ermittler suchen Aufnahmegerät des Vaters

In Italien und auf Korsika läuft die Suche nach Alessia und Livia auf Hochtouren, eingestellt wurde sie dagegen in St-Sulpice. Der Vater soll die Tat lange geplant haben.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Im Fall der verschwundenen sechsjährigen Zwillinge aus St-Sulpice VD konzentrieren sich die italienischen Ermittler am Donnerstag auf die Suche nach einem Aufnahmegerät, das der Vater immer bei sich getragen haben soll. Sie hoffen auf eine Botschaft über das Verbleiben der Töchter.

In der Umgebung von Cerignola (I), dem italienischen Ort, in dem sich der Vater das Leben genommen hat, sollen nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa im Laufe des Donnerstags sämtliche Postkästen untersucht werden. Geprüft wird, ob sie weitere an die Mutter der Zwillinge adressierte Briefe enthalten.

Suche vor Ort eingestellt

Im waadtländischen St-Sulpice, dem Wohnort der Eltern, hat die Kantonspolizei die Suche nach Spuren von Alessia und Livia hingegen eingestellt. Sie konzentriert sich nun auf das berufliche und private Umfeld des Vaters.

Die Polizei habe vor Ort alles unternommen, was möglich sei, sagt Jean-Christophe Sauterel, Mediensprecher der Kantonspolizei Waadt. Die Taucher und die Hundeführer sind mittlerweile nicht mehr im Einsatz.

Bei Bedarf könne man die Suche jedoch jeder Zeit wieder aufnehmen, sagte Sauterel weiter. Noch immer suchen zwischen 30 und 40 Personen nach Hinweisen nach dem Verbleib der Zwillingsschwestern.

Briefkästen systematisch durchsuchen

In den vergangenen Tagen waren acht Umschläge mit Geld auf dem Postweg in der Schweiz angekommen. Zwei weitere Briefe hatten in Cerignola in stillgelegten Briefkästen gelegen. Die Ermittler schliessen nicht aus, dass der Vater auch sein Aufnahmegerät mit einer Botschaft in die Schweiz geschickt haben könnte.

Die in die Suche involvierten Ermittler aus der Schweiz, Italien und Frankreich halten es zudem für wahrscheinlich, dass der 43-jährige Familienvater seine Flucht schon länger geplant hatte. Hinweise dazu seien laut Ansa im Computer des Mannes gefunden worden. Von den Zwillingen Alessia und Livia fehlt noch immer jede Spur.

Dramatischer Appell der Mutter

In St-Sulpice VD war die Mutter am Mittwochnachmittag kurz vor die Medien getreten. «Helft uns, sie wiederzufinden!», appellierte sie in die Kameras. Der italienische Sender Raitre strahlt eine italienische Version von «Aktenzeichen XY ... ungelöst» aus. Sie seien auf der Fähre nach Korsika gesichtet worden. Das gebe ihr Mut, sagte sie: «Die Hoffnung stirbt zuletzt.»

Neue Fotos - erfolglose Suche in St-Sulpice

Am Mittwochabend veröffentlichte die Waadtländer Polizei neue Bilder von Alessia und Livia. Die Durchsuchung des Gartens des Vaters und weiterer Orte in St-Sulpice haben keine neuen Informationen über den Verbleib der Zwillingsschwestern gebracht, sagte Jean-Christophe Sauterel von der Kantonspolizei an einer Medienkonferenz.

Noch seien jedoch nicht alle Spuren ausgewertet. Laut Sauterel waren vier Spezialhunde der Kantonspolizei Bern im Einsatz. Die Waadtländer Polizei wird trotz des negativen Ergebnisses weiter im Umfeld der Familie nach Hinweisen suchen, die Aufschluss geben könnten, wo sich die beiden am 30. Januar entführten sechsjährigen Mädchen befinden.

Mutter wendet sich an die Medien - in französischer Sprache
(links der Onkel der Zwillinge)


(Video: TSR)

Weitere Umschläge - Ortung bei Lyon

Sauterel bestätigte zudem eine am Dienstag veröffentlichte Information der italienischen Behörden, wonach weitere Briefe des Vaters - gefüllt mit 50-Euro-Scheinen - in einem öffentlichen Briefkasten von Cerignola I gefunden worden seien. Es habe sich dabei aber um Briefkästen gehandelt, die nicht mehr in Betrieb sind.

Neu ist zudem, dass das Handy des Vaters am Sonntag, den 30.Januar, kurz nach 19.30 Uhr in der Gegend um Lyon F zum letzten Mal geortet wurde. Am Dienstag war von 18.15 Uhr in der Region Annecy F die Rede.

Spur auf der Fähre - schwindende Hoffnung

Obwohl Alessia und Livia noch auf der Fähre nach Korsika gesehen wurden, schwindet bei den Behörden der Glaube an ein versöhnliches Ende des Familiendramas. Zum ersten Mal wurde am Mittwoch von offizieller Seite bestätigt, was bisher nur vermutet wurde: Die beiden Mädchen befanden sich auf der Fähre «Scandola» von Marseille ins korsische Propriano. Dies sagte gemäss der französischen Nachrichtenagentur AFP Staatsanwalt Jacques Dallest im Justizzentrum von Marseille. Alessia und Livia seien während der Überfahrt von drei Personen gesehen worden.

Gleichzeitig schwindet die Hoffnung auf ein einigermassen glückliches Ende des Familiendramas. «Die tragischste Hypothese ist, dass der Mann die Mädchen getötet hat – entweder auf der Überfahrt oder danach», so Dallest. Die düstere Hypothese sei «leider denkbar», auch wenn bis zum jetzigen Zeitpunkt «noch keine Kinderleichen» gefunden worden seien.

Der Staatsanwalt gab weitere Details zur Schiffsfahrt der Familie bekannt: «Die Kabinennachbarin hat am Abend weinende Kinder gehört und die beiden Mädchen kurz darauf gesehen. Eines hat sie eindeutig erkannt», so Dallest. Danach habe die Frau die beiden im Kinderspielbereich der Fähre gesehen.

Bisher war nur bekannt, dass sich Matthias S., der Vater der Zwillinge, auf der Fähre befand. Unklar bleibt, ob in Propriano alle drei von Bord gingen. Laut Staatsanwalt Dallest hat ein älterer Herr «einen Mann mit zwei Kindern» an Land gehen sehen. Er habe die Mädchen aufgrund der grossen Distanz aber nicht identifizieren können. Theoretisch wäre es auch möglich, mit der gleichen Fähre nach Sardinien weiterzureisen.

Italienische Barfrau will Zwillinge gesehen haben

Eine weitere Fährte kommt aus dem süditalienischen Cerignola, wo sich Matthias S. am 3. Februar das Leben nahm. Eine Barfrau will dort die Zwillinge gesehen haben: «Ich bin sicher, dass die beiden Mädchen mit ihrem Vater in mein Bistro eingetreten sind. Der Mann hat mit ausländischem Akzent gefragt, wo die Toilette sei. Während das eine Mädchen ins Bad ging, wartete der Vater mit dem anderen», sagte die Inhaberin gegenüber der Regionalzeitung «Il Resto del Carlino». Die Polizei hat auf den Videoaufzeichnungen des Bistros bis anhin aber keine Anhaltspunkte gefunden.

Mit der Bestätigung der Überfahrt von Marseille nach Propriano wird dem mysteriösen Verschwinden von Alessia und Livia ein weiteres Puzzlestück hinzugefügt. Die Hauptfrage – der Verbleib der beiden Mädchen – bleibt aber weiterhin ungeklärt.

(fum/rub/sda)