Entführte Zwillinge

17. Februar 2011 16:18; Akt: 12.04.2011 07:41 Print

Alessia, Livia und eine vermisste Freiburgerin

Eine von der Polizei gesuchte Freiburgerin soll kurz vor der Entführung der Zwillingsmädchen mit ihnen gesichtet worden sein. Ihr Vater hält die Hypothese für «absolut unerhört».

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Der italienische Fernsehsender Rai 3 hat gestern Abend mit grosser Kelle angerührt: Die Vermisstensendung «Chi l’ha visto?» - das Pendant zum deutschsprachigen «Aktenzeichen XY» - hat sich in einer knapp zweistündigen Spezialsendung dem Schicksal der verschollenen Zwillinge Alessia und Livia gewidmet.

Dabei kamen auch neue Elemente ans Tageslicht: Zum ersten Mal wurde eine mögliche Verbindung zwischen der Entführung von Alessia und Livia und der seit dem 25. Januar vermissten Freiburgerin Katia Iritano hergestellt (siehe Infobox). Zudem war von einem Frauenmantel die Rede, der im Haus von Zwillingsvater Matthias S. aufgefunden wurde.

Das Kaufhaus in Cantù

Noch während der Livesendung haben sich zwei mutmassliche Zeugen telefonisch bei Rai 3 gemeldet: Sie sind sich sicher, Katia Iritano Mitte Januar, also rund zwei Wochen vor der Entführung der Zwillinge, in Begleitung von Matthias S. und den beiden Mädchen im norditalienischen Cantù gesehen zu haben. Einer der Anrufer will sie dort in der Spielwarenabteilung eines Kaufhauses beobachtet haben. Die Mutter der Zwillingsmädchen – auch sie war live auf Sendung – konnte sich nicht genau erinnern, ob die Kinder am entsprechenden Wochenende tatsächlich in der Obhut des Vaters waren.

Die Hypothese einer Komplizin von Matthias S. ist nicht neu. Bis anhin war allerdings stets von einer «blonden Frau» die Rede, die auf Korsika mit den Mädchen gesichtet worden sei. Iritano hat dunkle Haare. Von Rai 3 mit ihrem Bild konfrontiert, war sich Zeugin Olga Orneck dennoch zu «80 Prozent sicher», dass es sich dabei um die verschollene Freiburgerin handelte. Hatte sie sich die Haare gefärbt?

Vogelcamp auf Korsika

Hinzu kommt, dass Katia Iritano Korsika bereits kannte: Im Jahr 2006 nahm sie an einem ornithologischen Lager auf der Mittelmeerinsel teil. Auf Anfrage von 20 Minuten Online schliesst eine nahe Verwandte der Familie der Zwillingsmädchen allerdings aus, dass Matthias S. sie während dieser Zeit kennengelernt haben könnte – in diesem Jahr sei er nie auf Korsika gewesen. Die Spur sei aber interessant, insbesondere der aufgefundene Frauenmantel dürfte von Interesse sein: «Wir hoffen natürlich, dass ihn die Polizei mittels DNA-Spuren einer Person zuordnen kann», so die Angehörige, die anonym bleiben möchte.

Der Vater von Katia Iritano ist empört über den vom italienischen Fernsehen ausgeführten Link zwischen den beiden Vermisstmeldungen: «Es ist absolut ausgeschlossen, dass Katia irgendetwas mit der tragischen Geschichte der Zwillinge zu tun hat. Sie ist eine ehrliche Person und würde sich nie zu einer Komplizin machen lassen», so der gebürtige Italiener auf Anfrage. Zudem habe seine Tochter bis am Vortag ihres Verschwindens gearbeitet und sich unmöglich in Italien aufhalten können.

Für Polizei kein Zusammenhang

Auch von offizieller Seite will man nichts von einer Verbindung zwischen Matthias S. und der jungen Freiburgerin wissen: «Es besteht derzeit kein Anlass dazu, eine Verknüpfung zwischen den beiden Fällen zu erstellen», sagt Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt auf Anfrage von 20 Minutes Online. Kollege Benoit Dumas aus Freiburg ergänzt: «Wir können nicht mit Sicherheit ausschliessen, dass ein Zusammenhang besteht, gehen aber nicht von dieser Hypothese aus.»

(fum)