Zwillinge vermisst

06. Februar 2011 23:59; Akt: 04.03.2011 13:51 Print

«Bin sicher, dass er ihnen nichts angetan hat»

Die Polizei sucht fieberhaft nach den vermissten sechsjährigen Zwillingsmädchen. Der Vater ist vermutlich mit ihnen nach Korsika gereist. Er wurde in Neapel zum letzten Mal gesehen - alleine.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Die Mutter von Alessia und Livia hofft zuhause in Saint-Sulpice VD sehnlichst auf ein Lebenszeichen ihrer Zwillinge. Die Kinder waren sein Leben. Sie sagt: «Ich bin mir sicher, dass er ihnen nichts angetan hat.» Seit über einer Woche werden die Zwillinge bereits vermisst. Jetzt gibt es eine neue Spur im Fall der beiden verschwundenen Waadtländer Zwillingsmädchen. Gemäss Angaben der Waadtländer Polizei ist der Vater, der sich am Donnerstag in Süditalien vor einen Zug geworfen hatte, mit seinen Töchtern am vergangenen Montag auf die französische Insel Korsika gereist.

Der Vater war mit den beiden 6-jährigen Mädchen in Marseille in einem Reisebüro gesehen worden, wo er drei Fahrkarten nach Korsika reservierte. Aller Wahrscheinlichkeit nach seien Vater und Töchter an Bord eines Schiffs gewesen, das Marseille am Montag um 18.35 Uhr verlassen habe und am nächsten Morgen um 6.30 Uhr in Propriano auf der französischen Insel angekommen sei. Laut Polizei gab es dafür bis am Sonntagabend aber keine Zeugen.

100 Euro in der Hosentasche

Zuvor hatte der 43-Jährige in Marseille gemäss französischen Medienberichten an verschiedenen Automaten 7500 Euro bezogen. Am Montag schrieb er aus Marseille eine Postkarte an seine Frau, die sich von ihm scheiden lassen wollte. Darin brachte er zum Ausdruck, dass er ohne sie nicht leben könne.
Am Donnerstagabend kurz vor 23 Uhr wirft er sich im süditalienischen Cerignola vor den Zug. Das Auto steht abgeschlossen am Bahnhof. In seiner Hosentasche finden die Beamte 100 Euro. Doch einen Hinweis auf den Verbleib der Mädchen und den Rest des Geldes finden die Ermittler nicht.

Allein in Neapel

Die italienische Polizei bestätigte inzwischen, dass der 43-jährige Vater am Donnerstag um die Mittagszeit in Neapel gesehen wurde – nur wenige Stunden, bevor er sich das Leben nahm. Die Kinder hatte er da offenbar nicht mehr dabei, der Mann war alleine in Neapel gesichtet worden. Zwischen Korsika und Neapel gibt es mehrere Fährverbindungen. Die Ermittlungen werden nun auf dem französischen Festland und insbesondere auf Korsika fortgesetzt.

Das ganze Wochenende über suchten Ermittler in Italien, Frankreich und in der Schweiz nach den Mädchen. Dutzende Trupps von Feuerwehr und Polizei waren in Apulien mit Helikoptern und Suchhunden im Einsatz. Sie durchforsteten selbst Wälder und suchten in Brunnenschächten.

Urlaub ohne Probleme

Die Eltern der vermissten Zwillinge waren laut Polizei in einer schwierigen Trennungssituation. Die sechsjährigen Mädchen lebten bei der Mutter in St-Sulpice VD. Der Vater wohnte im gleichen Dorf und nahm sein Besuchsrecht jeweils am Wochenende wahr. Ende letzten Jahres habe er mit seinen Töchtern einen längeren Urlaub im Ausland verbracht - ohne Probleme.

Am vergangenen Sonntag brachte er die Kinder jedoch nicht mehr zurück und fuhr sie am Montag auch nicht zur Schule. Stattdessen verschwand er mit ihnen per Auto.

Testament aufgetaucht

Mit zusätzlichen Ermittlungen im Umfeld der Familie versuche die Polizei zu verstehen, was geschehen sein könnte, sagte Sprecher Jean-Christophe Sauterel zur SDA. Wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA am Sonntag meldete, haben Ermittler das Testament des 43-jährigen Vaters in St-Sulpice gefunden. Darin soll er festgehalten haben, wer sein Vermögen erbt: seine von ihm getrennte Frau, mehrere Verwandte und vor allem seine beiden Töchter.

Inzwischen sind die beiden Beamten, die nach Marseille geschickt worden waren, wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Die beiden nach Italien gesandten Polizisten sind hingegen noch immer vor Ort. Auch in Frankreich sei die Aufmerksamkeit, die der Fall namentlich in den wichtigsten Medien errege, gross, sagte Sauterel.

(meg/daw/sda)